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Eine Plastiktüte im Wind des 21. Jahrhunderts

Stefan Ferdinand Etgeton erzählt vom Verlust der Vergangenheit - und vom Leiden an der Langeweile

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Nicolas Borns Roman über »Die erdabgewandte Seite der Geschichte« avancierte während der 70er Jahre in Westdeutschland nachgerade zu einem Klassiker der »Neuen Subjektivität«. Der Protagonist wird darin von seiner Freundin einmal als »ausgebrannter Lebensprofi« beschrieben. Ihm selbst kommt die Geschichte, »wenn sie je stattgefunden hatte«, so vor, als wäre sie »zugefroren in den Weihern und Tümpeln des Tiergartens«.

Ebenso erscheint dem Leser auch der Erzähler in Stefan Ferdinand Etgetons Roman »Das Glück meines Bruders«. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Helden von der traurigen Gestalt in den 70er Jahren die Erfahrungen der 68er-Bewegungen hinter sich herschleppen und verarbeiten müssen, während die ungleichen Brüder Botho und Arno hier und heute irgendwie um die 30 sind und besten- respektive schlimmstenfalls an den Segnungen der Nachwendezeit und der Langeweile der größer gewordenen Bundesrepublik leiden.

Ihre Kindheit haben die Brüder während der Ferien meist bei den Großeltern im belgischen Dörfchen Doel unweit von Antwerpen verbracht. Dorthin zieht es sie noch einmal zurück, denn das Dorf soll der Hafenerweiterung weichen und zerstört werden. Zudem möchte der Ich-Erzähler Botho, der jüngere der Brüder, dort auch seine Kindheits- und Jugendfreundin Lenie wiedertreffen. Doch er findet sie nicht und erhält schließlich nur Hinweise darauf, dass sie dem Dorf irgendwann den Rücken gekehrt habe und mutmaßlich nach Amsterdam verzogen sei.

Das stellt sich allerdings als genauso falsch heraus. Vielmehr hat Lenie eine Weile dort gelebt, um dann nach Brüssel zu gehen. Angespornt nicht zuletzt durch Arnos Freundin Anja, wird Botho dorthin reisen, wo er Leni samt Töchterlein tatsächlich aufspürt. Zunächst aber besucht jene Anja ihn, Botho, in Bochum. Fest entschlossen, den irgendwie aus dem Gleichgewicht gekippten Loser Arno zu heiraten, hat Anja sich vor der Eheschließung noch ein paar Tage Auszeit genommen, während derer sie einmal auch mit dem Bruder des künftigen Gattin schläft.

Die Lenie, die Botho schließlich in Brüssel trifft, hat für ihn keine Ähnlichkeit mit seiner früheren Freundin und Gefährtin. Sie weiß auch nichts mehr vom Dorf, nichts von den lange zurückliegenden Sommerferien und Erlebnissen mit dem deutschen Jungen: »Sie konnte sich nicht erinnern an Heuböden, an Berührungen, an das Lachen am Telefon, an das Gras am Scheldeufer und unsere glücklichen Blicke, nicht erinnern an die Wärme meines Atems, an Kaugummis und Küsse und unsere nackten Körper, konnte sich nicht erinnern an die Boshaftigkeit von Doel und auch nicht an die Geborgenheit von Doel. Sie wusste nur noch, dass sie dort gewesen war.«

Es scheint, als habe diese Begegnung Botho zerbrochen. Ihn, der zunächst seinen Job als Lehrer in Bochum verloren hat. Ihn, der nicht zurück kann oder will ins hessische Dorf seiner Jugend und der dennoch geradezu süchtig »Vergangenheit herbeifühlen« will. Ihn, den Sensiblen, der sich einmal mit dem Bild einer »Plastiktüte (…) im Wind des 21. Jahrhunderts« beschreibt.

Nein, von Gesellschaft und Politik ist hier ausdrücklich nirgends die Rede. Nur implizit wird an diversen Stellen eher raunend auf die Problematiken der westlichen, rundum saturierten Welt angespielt, auf Umweltzerstörung und Heimatverlust. Als Bilanz auf der Subjektseite steht: Enttäuschung, Frust, Resignation, Gleichgültigkeit. Am Ende schreibt Botho in einem längeren Brief aus San Sebastián, wohin er - perspektivlos - aufgebrochen ist, an seinen Bruder und dessen Frau: »Vielleicht geh ich irgendwann wieder zurück, wo auch immer das dann sein soll, dieses Zurück. Vielleicht bleibe ich aber auch auf ewig hier. Es ist mir mittlerweile gleichgültig, das ist das Verrückte.«

Stefan Ferdinand Etgeton: Das Glück meines Bruders. Roman. C. H. Beck, 240 S., geb., 19,95 €.

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