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Massenmörder weggelobt

Der nächste Prozess gegen Niels H. steht bevor - Angehörige der Opfer wollen Aufklärung auch seitens der Hospitäler

  • Von Irena Güttel, Delmenhorst
  • Lesedauer: 9 Min.

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Wenn Christian Marbach das Grab seines ermordeten Großvaters besucht, kommt er ganz nah am Tatort vorbei. Nur fünf Minuten zu Fuß entfernt, zwischen den winterkahlen Bäumen sichtbar, liegen die roten Backsteingebäude des Delmenhorster Krankenhauses. Ärzte und Pfleger kümmern sich um kranke Männer, Frauen und Kinder, geben Medikamente und retten Leben. Auch Marbachs 78-jähriger Großvater hoffte hier auf Hilfe - und wurde umgebracht. Von einem Mann, der ihn gesund pflegen sollte: von Niels H.

Heute, 15 Jahre später, spricht der Enkel ruhig und offen über die erschütternden Details. Darüber, dass sein Großvater eines der Opfer in einer unfassbaren Mordserie ist.

Der 47-Jährige arbeitet als Diplom-Kaufmann bei einer Bank - ein Mann der Zahlen und Fakten. Doch man spürt, dass ihn die Geschichte weiter aufwühlt. Mehr als 100 Patienten soll Niels H., so sind die Ermittler sicher, als Krankenpfleger in rund fünf Jahren getötet haben. Erst im nahen Oldenburg, dann in Delmenhorst.

Wegen des Todes von Marbachs Großvater und fünf anderen Patienten in der 82 000-Einwohner-Stadt stand H. bereits in zwei Verfahren vor Gericht. Er sitzt lebenslang im Gefängnis. Doch Christian Marbach bewegen noch viele Fragen. Die Aufklärung kam nur zögerlich voran. Der größte Prozess, in dem es um 97 Tote geht, soll erst im Herbst starten. »Das eine ist der Mordprozess gegen den Täter. Das andere ist die Frage, wie kann das in einem Krankenhaus passieren?«, sagt Marbach.

Der Enkel erinnert sich genau an jene Tage im Herbst 2003, die sein Vertrauen in die Justiz und ins Gesundheitssystem zerstören sollten. Wenn man ihm zuhört, wenn man die Aussagen früherer Kollegen von H. und der Ermittler einbezieht, entsteht der Eindruck, dass manche in den Kliniken nicht gut hingeschaut haben. Es vielleicht auch nicht immer wollten.

Wegen einer Operation kam Marbachs Großvater ins Klinikum im niedersächsischen Delmenhorst. »Das war unser Krankenhaus«, berichtet Marbach. »Wir sind dort alle geboren.« Ein kleines Haus, in dem sich viele zumindest vom Sehen kennen. Und in dem die Tante als Krankenschwester arbeitete.

Zwei Wochen später, der Operierte sollte bald entlassen werden, klingelte bei den Marbachs nachts das Telefon. Ein Pfleger musste den alten Mann wiederbeleben. Am Tag darauf wirkte der Patient verstört. »Er hatte massiv Angst. Er hat gespürt, dass jemand an ihm herummanipuliert«, erzählt Marbach. Doch die Familie deutete das falsch: Sie hielt es nicht für möglich, dass jemand im Krankenhaus Wehrlose tötet. »Das ist für uns heute sehr schwer zu verarbeiten.«

Zwei Tage danach musste der Großvater erneut reanimiert werden. Diesmal scheiterte es. Die Familie ging von einem Behandlungsfehler aus. Heute wissen die Angehörigen: Niels H. spritzte dem alten Mann ein Medikament, das tödliche Nebenwirkungen hatte. Das machte er wieder und wieder, wahllos suchte er seine Opfer aus. Vor Gericht sagte der Ex-Pfleger später, dass er es aus Langeweile tat und um vor Kollegen mit seinen Wiederbelebungskünsten zu glänzen. Obwohl Kollegen Verdacht schöpften, stoppte ihn niemand. Dabei lassen sich an beiden Arbeitsstellen, in Oldenburg und Delmenhorst, Hinweise finden. »Die Morde hätten verhindert werden können, wenn Verantwortliche früher reagiert hätten«, sagte Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme im August 2017, als er die Ermittlungsergebnisse vorstellte.

Erst im Sommer 2005 flog H. auf: Eine Krankenschwester ertappte ihn, als er einem Patienten eine Überdosis spritzte. Sogar da reagierten Vorgesetzte und Kollegen nicht sofort. Erst Tage später gingen sie zur Polizei. So konnte H. noch einen Patienten töten, wie die Ermittler heute wissen. Sechs Klinikmitarbeiter hat die Staatsanwaltschaft inzwischen wegen Tötung durch Unterlassen angeklagt. Zwei damalige Oberärzte und eine weitere Führungskraft in Delmenhorst stehen demnächst vor Gericht. Bei drei Pflegekräften ist noch offen, ob es zum Prozess kommt.

Einige Pflegerinnen stehen an diesem trüben Wintertag vor dem Delmenhorster Josef-Hospital. Ein Rettungswagen wartet, Patienten rauchen wenige Schritte vom Haupteingang entfernt. Ein Krankenhaustag wie jeder andere. Zum Alltag zurückkehren - das fällt vielen Angehörigen der Opfer angesichts ihrer offenen Fragen schwer. Doch Antworten werden sie hier nicht bekommen.

Der Geschäftsführer ist erst seit Anfang des Jahres im Haus. Auch der ärztliche Direktor Frank Starp kam erst nach der Mordserie an die Klinik. Er spricht von einem tragischen Einzelfall, aus dem das Josef-Hospital gelernt habe. Es hat ein sogenanntes Whistleblowing-System eingeführt: Mitarbeiter können darüber anonym Auffälligkeiten melden. Außerdem untersucht ein externer Rechtsmediziner alle Patienten, die in dem Krankenhaus sterben.

Dies habe vor allem abschreckenden Charakter und sei »ein Sicherheitsnetz, durch das künftig sehr früh die Alarmglocken schrillen würden«, sagt Starp. Es soll verlorenes Vertrauen wiederherstellen. Das Hospital steckt tief in den roten Zahlen - nicht nur, aber auch weil Patienten wegen der Morde wegbleiben. An dem Haus erinnert kein Gedenkstein, keine Tafel, an die Mordserie. Dafür muss man ein ganzes Stück fahren, in einen Park zwischen Innenstadt und Krankenhaus. Etwas versteckt zwischen Spielplatz und Minigolfanlage stehen drei Bäume und ein kleines Schild: »In Gedenken an all Diejenigen, die sich Niels H. anvertrauten und um ihr Leben betrogen wurden.«

Es wirkt in Delmenhorst ein bisschen, als wolle man die Vergangenheit endlich ruhen lassen. »Die wiederkehrende Medienberichterstattung über den Fall ist natürlich eine emotionale Belastung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter«, meint Starp. »Sie bringen jeden Tag vollen Einsatz zum Wohl unser Patienten und haben dennoch häufig das Gefühl, dass sie wegen der kriminellen Taten eines Einzelnen unter Generalverdacht stehen.«

Der Psychiater Karl H. Beine blickt aus einer anderen Perspektive auf den Fall. Er hat sich mit vielen Mordserien an Kliniken beschäftigt. Die von Niels H. hält er für international herausragend - nicht nur wegen der Opferzahl. »In den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst haben alle Kon-trollmechanismen versagt. Dazu wurden die von Angehörigen gemeldeten Verdachtsfälle von der Justiz sehr schleppend bearbeitet«, sagt er. Die Opferfamilien mussten oft Jahre auf die Prozesse warten, ein Großteil wartet bis heute auf Gerechtigkeit.

Als die Polizei Niels H. im Sommer 2005 festnahm, sprach sich das am Krankenhaus schnell rum. Christian Marbachs Tante besorgte die Dienstpläne des Pflegers. Und ein schrecklicher Verdacht bestätigte sich. Er war im Einsatz, als der Großvater starb.

Die Marbachs informierten die Polizei. »Es wurde aber nichts untersucht. Das war eine Katastrophe für uns«, sagt Christian Marbach. Die Staatsanwaltschaft klagte H. in einem Fall an - nur für diesen musste er sich im ersten Prozess verantworten. Als eine andere Angehörige nicht locker ließ, ermittelte die Polizei weiter.

Jahre später kam es zum zweiten Verfahren, in dem es um den Tod von Marbachs Großvater und vier anderen Patienten ging. Dort zeigte sich schnell das Ausmaß der Mordserie. Die Polizei gründete eine Sonderkommission. Diese öffnete mehr als 130 Patientengräber. Doch zahlreiche Leichen waren eingeäschert worden. Bei ihnen lassen sich die Tod bringenden Medikamente nicht nachweisen. Bei 97 Opfern jedoch haben die Ermittler genug Beweise gefunden für den nächsten Prozess.

Die Staatsanwaltschaft hatte zwischenzeitlich den damals zuständigen Oberstaatsanwalt angeklagt, weil er die Ermittlungen verschleppt haben soll. Zum Prozess kam es nicht, weil das Oberlandesgericht die Vorwürfe als nicht erwiesen ansah. Christian Marbach sagt dennoch: »Wir wurden von der Staatsanwaltschaft um die Wahrheit gebracht. Vieles ist nach so langer Zeit nicht mehr aufzuklären.«

Die Mordserie begann nach Ansicht der Ermittler im Februar 2000. Da soll Niels H. am Klinikum Oldenburg zum ersten Mal einen Patienten getötet haben. Auch dort ermittelt die Polizei gegen Mitarbeiter. Demnach gab es schon damals Hinweise darauf, dass ungewöhnlich viele Patienten während der Schichten von H. starben oder wiederbelebt werden mussten. Das Klinikum versetzte den Pfleger erst auf eine andere Station. Dann lobte sie ihn mit einem guten Zeugnis weg. Im neuen Job in Delmenhorst konnte er weiter morden.

Für den Experten Beine sind dies Symptome eines kranken Systems, wie er es nennt. In Krankenhäusern sei der Arbeitsdruck so hoch, dass Ärzten die Zeit für Gespräche fehle. Schwestern hetzten von Patient zu Patient, auf Kollegen achten könnten sie nicht. Morde blieben leicht unerkannt. Zumal der Tod dort alltäglich ist. »Wenn dann Verdächtigungen da sind, ist es eindeutig so, dass Vorgesetzte beschwichtigen, dass verdeckt wird - bis dahin, dass der Betroffene versetzt oder abgefunden wird mit einem guten Arbeitszeugnis«, sagt Beine. Aus wirtschaftlichen Gründen.

Wieso die Verantwortlichen in Oldenburg damals nicht die Polizei einschalteten, kann der heutige Vorstand des Klinikums nicht nachvollziehen. Wegen der laufenden Ermittlungen sagt Dirk Tenzer dazu nur: »Es gab Hinweise, keine hieb- und stichfesten Beweise.« Er beauftragte einen Gutachter, um verdächtige Fälle zu untersuchen. »Die Motivlage, warum jemand so etwas macht, ist für uns wichtig, um daraus zu lernen«, sagt Tenzer. »Es gibt einige Kollegen im Haus, die sich noch heute fragen, ob sie etwas hätten erkennen können.«

Auch in Oldenburg hat man ein Whistleblowing-System eingeführt und lässt kritische Fälle in Konferenzen besprechen. »Die Kultur in deutschen Krankenhäusern hat sich in den letzten 15 Jahren geändert«, erläutert Tenzer. »Wir sprechen im Klinikum Oldenburg heute offen über Fehler - und zwar vorwurfsfrei.«

Auch wirtschaftlich spürt die Klinik die Folgen: »Wir haben einen Millionenschaden«, sagt Tenzer. Seit mehr als drei Jahren zahlt das Krankenhaus Entschädigungen an Familien der Opfer, auch wenn deren Tod noch nicht vor Gericht verhandelt wurde. »Die Angehörigen haben wieder angefangen zu trauern, das alleine ist schon schlimm genug. Wir wollen ihnen deshalb einen langwierigen juristischen Weg ersparen.«

Die nächsten Monate dürften für viele Opferfamilien ohnehin schwierig werden. Der neue Prozess wird alte Wunden aufreißen. Am Strafmaß für Niels H. ändern wird er nichts. In Deutschland kann ein Täter nur einmal lebenslang erhalten. Trotzdem ist die Aufarbeitung vor Gericht wichtig: »Viele meiner Mandanten wollen, dass alles aufgeklärt wird, damit man daraus lernt«, sagt die Rechtsanwältin Gaby Lübben. Sie vertritt nach eigenen Angaben etwa 100 Angehörige. »Es soll Verantwortung übernommen werden, aber nicht nur von Niels H.«

Das treibt auch Christian Marbach an. Gerechtigkeit vor Gericht ist seiner Familie schon widerfahren. Eine Entschädigung vom Delmenhorster Krankenhaus hat sie bekommen. Ein Trost war beides nicht.

Eine Zeit lang hat Marbach dem Mörder seines Großvaters Briefe geschrieben. Um ihn zu einer Aussage vor Gericht zu motivieren. »Im Prozess gegen die Klinikmitarbeiter ist er Zeuge«, sagt er. »Er ist nicht der alleinige Schuldige in dem Fall.« dpa/nd

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