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Geschichte mit und ohne Humor

Harald Kretzschmar: »Stets erlebe ich das Falsche«

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Bekanntlich erwacht im Alter die Kindheit neu. Das liegt gewiss daran, dass man in der Jugend bedenkenlos nach vorn lebt, aber später, wenn die Lebenszeit knapp - also kostbar - wird, sich immer mehr zurückwendet. Bis wann war die Zukunft noch ein ungewisses Versprechen? Glücklich ist, wer so ausgiebig Antwortsuche zu betreiben vermag wie Harald Kretzschmar in »Stets erlebe ich das Falsche. Der alternative Künstlerreport«. Ein Buch des Rückblicks, auch des zelebrierten Resümees. Doch der Autor weiß sehr gut: Leben ist, was einem passiert, während man anderes plant.

Kretzschmar - Jahrgang 1931 - beschreibt Kindheitsorte, die Eltern, gleich mehrere gesellschaftliche Umwälzungen, wichtige Begegnungen, jene Berufung, die er in sich spürte und zum Beruf machte. Am Ende ist es das Selbstporträt als zeichnender Porträtist nicht nur von Menschen, sondern auch jener Gesellschaft, die sie prägten. Diese Spurensuche nennt der Autor ausdrücklich keine Autobiographie. Gewiss, der Text kreist immer um das Bild, das im Zentrum steht, dennoch ist es eine Lebensreise im ständigen Aufzeichnen: im Bild wie in Buchstaben.

Lange schien es dem Jungen, als sei Dresden im Krieg eine »Insel der Seligen«. Aber dann, so erinnert sich Kretzschmar, wurde am 12. Februar 1945 statt seiner ein Banknachbar mit dem Geschichtslehrer zum Nachtdienst im Luftschutzkeller bestimmt. Zufälle, denen man sein Leben verdankt und die man doch nie verstehen wird. Der Mitschüler und der Lehrer verschwanden für immer im Inferno des Groß-Bombardements. Er selbst hatte Glück: »Familie Kretzschmar in der Grunaer Beilstraße warf in der Feuerpause noch nicht entzündete Brandbomben vom Balkon.«

Was bleibt von den Schreckensbildern, die diese Generation, fast noch Kind, sehen musste? Der Vierzehnjährige, nach dem Dresden-Inferno in vermeintliche Sicherheit gebracht, steht am Fenster einer Wohnung in einem kleinen Ort, in dem noch nie ein Schuss fiel. Er blickt auf eine Straße, beobachtet ein gleichaltriges Mädchen an der Bushaltestelle, das ihm besonders hübsch erscheint, wendet sich kurz ab - da ist der Tiefflieger schon vorbei -, und auf der Straße liegen nur noch Leichen. Auch das hübsche Mädchen? Kretzschmar weiß es bis heute nicht, aber er hört nicht auf, es sich zu fragen.

Die frühen Erinnerungen sind gegenwärtig geblieben. Kretzschmar erzählt von ihnen - und zeichnet die Bilder der Beteiligten. Josef Hegenbarth war vielleicht der wichtigste (und bekannteste) unter den Malern, denen er unmittelbar nach dem Krieg begegnete. Mit Wilhelm Rudolph zog er durch die Ruinen Dresdens und zeichnete sie - ein Meer aus Schutt. Ein hochsensibler Mann mit kahlem Schädel und müden Gesichtszügen, der keinerlei Störung verträgt in diesem Nachkriegschaos! Und doch sind seine Zeichnungen hoch konzentrierte Transformationen der dokumentierten Zerstörung ins Kunstvolle. So ist in diesen Zeichnungen dennoch Hoffnung.

Kretzschmar geht von den 1940er Jahren Schritt für Schritt, Bild für Bild, Anekdote für Anekdote bis in die Gegenwart. Da er vor allem Prominente karikierend porträtierte (bei besonderen gesellschaftlichen Anlässen, auch für diese Zeitung), hat er teil an dem Leben so bedeutender Maler wie Werner Tübke, Bernhard Heisig, Willi Sitte oder Wolfgang Mattheuer, aber auch an dem von Zeichnern, Grafikern und Karikaturisten wie Karl Holtz, John Heartfield, Arno Mohr, Werner Klemke, Hannes Hegen, Erich Schmitt, Herbert Sandberg oder Henry Büttner. So ist eine sehr persönliche DDR-Kulturgeschichte entstanden, durchaus miniaturisiert aus der Perspektive Kleinmachnows, dieses immer speziellen Randberlins. Sein Fazit, den herrschenden Zeitgeist betreffend, ist nüchtern: »Kaum jemand interessiert sich noch, welch kritische zeichnerische Kultur es in diesem Land gab.«

Da ist auch Gisela May, die besondere Brecht-Interpretin von Weltruf fast bis zu ihrem Tod in hohem Alter, von manchen heute mit einer abfälligen Handbewegung abgetan. Kretschmar weiß es besser: »Sie war eine von uns. Eine von denen, die nie da hineinpassen, wo man meint, da gehören sie hin. Übelnehmer haben sie zur fanatischen Kommunistin, gar Stalinistin erst hochjubeln, dann herabstufen wollen. Es ist der Wahnsinn, der Methode hatte.«

Offenbar besitzt Kretzschmar bei seinen Porträtsitzungen, die vom Gegenüber immer ein Mindestmaß von Selbstdistanz und Humor verlangten, auch jene Fähigkeit, über Dinge zu »plaudern«, die, wie er selbst schreibt, sich dann als höchst persönliche Schlüssel zum Werk eines Künstlers erweisen. Wie der verblüffende Schaffensrausch im Leben des Malers Werner Tübke, der Ende der siebziger Jahre in eine tiefe Krise stürzt, sich von Frau und Familie trennt. »Er stand mutterseelenallein da, Verzweiflung trieb ihn abwechselnd zu Gott und Alkohol.«

Und dann die wundersame Wendung, die offenbar zur Wiedererweckung des Malers führte, dem wir das Bauernkriegs-Panoramabild in Bad Frankenhausen verdanken: »Seine alarmierte Scheidungsanwältin Brigitte Schellenberger sagt heute noch, dass sie das blanke Chaos vorfand. Sie schritt zur Tat, um es zu ordnen: Sie verließ ihren prominenten Berliner Ehemann. Sie mietete in Frankenhausen eine Villa. Sie heiratete dort den Meister. Und sie zog fortan als praktischer Ordnungsfaktor in diesem Künstlerleben die Fäden.«

Auch von Wolf Biermann ist die Rede, so respektvoll und doch ungeschönt, wie er es verdient. Kretzschmar weiß um dessen Wirkung und zeichnet ihn vielarmig, ein raumgreifender Kidnapper jedes seiner potenziellen Zuhörer: »Bewundern einer beispiellosen Frechheit oder Genervtsein von zu viel Eitelkeit, das hielt sich die Waage.« Das kann man von Biermanns blassem Intimfeind Erich Honecker nicht sagen, der wohl zu den humorlosesten Menschen gehörte, denen Kretzschmar je begegnete. Keine noch so zahme Karikatur, nicht mal eine simple Zeichnung ließ sein kleinbürgerliches Würdebedürfnis zu.

In einer wahrlich zahmen Gruppen-Karikatur Kretzschmars aus der DDR-Spätzeit, mit Honecker in der Mitte und um ihn herum all die Köpfe derer, von Gustáv Husák bis Kim Il Sung, die ihn jüngst besucht hatten, wurde Honeckers Kopf zum Schluss doch wieder - zur Empörung des Zeichners - gegen ein offizielles Foto ausgetauscht. Was sagt das über die einstige Macht im Lande? 1990 folgt dann doch eine Honecker-Zeichnung Kretzschmars, sehr bitter den verbissenen Funktionär zeigend, wie ihm lauter Steine, die des eigenen Hauses wie die der Mauer, entgegenfallen: »Ich musste mit ansehen, wie er die eigene Humorlosigkeit nun damit büßen musste, ohne jede augenzwinkernde Nachsicht vor der Geschichte gerichtet zu werden.« Und fügt hinzu: »Geschichte? Ja, das Etwas, das die Sieger zu schreiben pflegen.«

Harald Kretzschmar: Stets erlebe ich das Falsche. Quintus, 240 S., geb., 20 €.

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