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Streit um des Kaisers Bart

Gehört der Islam zu Deutschland? Ein Blick zurück in die Geschichte.

  • Von Peter Lechler
  • Lesedauer: 9 Min.

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Angesichts islamistischen Terrors und der Krise deutschtürkischer Beziehungen bewegt die Frage »Wie hältst du’s mit der Religion«, die mit Christian Wulffs Satz »Der Islam gehört zu Deutschland« entbrannt ist, die Nation noch heftiger als zuvor. Die seither landesweit erstarkte AfD ist vom Gegenteil überzeugt und hat manch verstörten bis erzürnten Bürger auf ihre Seite gezogen: »Der Islam gehört nicht zu Deutschland, basta«, glaubt man zu hören. Der rechte Parteienrand sieht neuerdings schon in einem Berliner Kinderspielplatz im Märchenstil von Ali Baba den Beleg für den Vormarsch des Islam.

Beim Streit, was denn Deutschland mit dem Islam gemein habe, wird heimische Kultur und Identität beschworen, muslimisches Erbe ausgeschlagen oder unter den Teppich gekehrt. Wer weiß schon, dass das Los von Muslimen seit dem späten 17. Jahrhundert mit Deutschland verbunden ist? Dass es seit der Aufklärung Brücken zwischen Deutschem und Osmanischem Reich gab und der Orient einmal größte Anziehungskraft auf die deutsche Gesellschaft ausgeübt hat?

So irritierend für die einen, so bestätigend für die anderen klingt da die These von Werner Ulrich Deetjen, Kunsthistoriker und Theologe: Johann Wolfgang von Goethe hatte türkische Vorfahren. Sein Stammbaum gehe mütterlicherseits auf den Hauptmann Sadok Selim Soldan zurück, der Ende des 13. Jahrhunderts in Gefangenschaft von Ordensrittern geraten war, im württembergischen Brackenheim 1304 eine Familie gründete und in die naheliegende Truppe aufgenommen wurde. Die Story des mit der Taufe Johannes Soldan genannten Christen sei die »Urgeschichte deutsch-türkischer Integration«. Der deutsche Dichterfürst türkischer Herkunft? Eine tolle bis irre Geschichte, je nach Standort. Indizien dafür gibt es, doch keinen direkten Beweis.

Fakt dagegen ist, dass seit dem Großen Türkenkrieg, 1683 bis 1699, als Truppen des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation die zweite Belagerung Wiens abwehrten, mehrere Hundert Muslime als Kriegsgefangene nach Deutschland kamen, darunter Offiziere, Kammerdiener, Leinweber, Schuster, Bäcker, Lehrer, wie auch Frauen und Kinder. Sie wurden von der deutschen Gesellschaft aufgenommen, wenn sie auch »Beutetürken« genannt wurden. Die meisten assimilierten sich, heirateten Deutsche und wurden Christen, oft unter Anpassungsdruck.

Trotz des Kriegs und seinen Folgen, trotz der »Türkensteuergesetze« für Verteidigungskosten war das Türkenbild damals nie nur feindselig. Zuweilen zeigte es eine hohe Meinung vom Gegner, wie sie in politischen Briefwechseln von 1777 Ausdruck fand. Geradezu schwärmerisch schrieb damals der Historiker August Ludwig von Schlözer über die Türken, es sei »ein Volk, das von seiner körperlichen sowol als geistigen Seite alle möglichen Anlagen hat, das menschlichste, aufgeklärteste, und ehrwürdigste Volk der Welt zu werden.«

Dagegen sah Martin Luthers Türkenbild alt aus. Wie seine Zeitgenossen bedrängt von osmanischer Expansion, die seit Konstantinopels Fall 1453 als »Türkengefahr« in Europa grassierte, hatte Luther die fremde Militärmacht, »Mahomeths Rotten«, zum Zerstörer Deutschlands stilisiert, Strafe Gottes und Zeichen für das nahe Weltende - ein heute peinliches Hirngespinst.

Im 18. Jahrhundert rekrutierte König Friedrich Wilhelm I. dann 20 türkische Soldaten für seine Leibgarde, die »langen Kerls«. Für sie wie andere angeworbene Muslime ließ er 1732 in Potsdam bei der Garnisonskirche einen Saal als Moschee herrichten, damit »seine Mohammedaner« ihren Glauben ausüben konnten. Das religiös-kulturelle Klima in Brandenburg-Preußen war in jener Zeit erstaunlich tolerant. Das lag durchaus im eigenen Interesse: Die Bevölkerung war durch Pest und Kriege dezimiert. Für Toleranz stand insbesondere Friedrich der Große. Sein Wort von 1740 - »und wen Türken und Heiden kähmen und wollten das Land Pöbliren (bevölkern), so wollten wier sie Mosqueen und Kirchen bauen« - war Willkommenskultur auf preußisch.

1761 schloss der König angesichts preußisch-österreichischer Gegensätze mit dem Osmanischen Reich ein Freundschafts- und Handelsabkommen ab, das zur Annäherung beider Staaten und Jahre später zu einem Offensiv- und Defensivbündnis führte. 1762 wurde in Preußen ein 1000 Mann starkes muslimisches Bosniaken-Korps aus Überläufern der russischen Armee gebildet. Ab 1763 gab es eine ständige osmanische Gesandtschaft in Berlin.

Umgekehrt wirkte 1836 der preußische Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke auf Wunsch des Sultans drei Jahre lang als Instrukteur der türkischen Truppen. 1877 wurde in Konstantinopel die deutsche Botschaft eröffnet. Zur Krönung der Beziehungen rief sich der deutsche Kaiser Wilhelm II. auf seiner Orientreise 1898 als Freund der muslimischen Welt aus und legte am Grab Sultan Saladins in Damaskus einen goldenen Kranz nieder.

Dahinter standen auch deutsche Interessen, denen das gemeinsame Projekt »Bagdad-Bahn« zu dienen verhieß: Aussicht auf Absatzmärkte, Erschließung von Erdölvorkommen und einen strategischen Stützpunkt am Persischen Golf.

Neben »großer« Politik begann der Orient vom 18. Jahrhundert an die deutsche Gesellschaft zu faszinieren und beachtliche Kulturtransfers auszulösen. Im ganzen Land entstanden orientalisierende Bauwerke. 1779 ließ Kurfürst Carl Theodor im türkischen Garten des Schlossparks zu Schwetzingen sogar eine Moschee bauen, die, obwohl nicht zum Kult bestimmt, Toleranz für Religionen und Kulturen zeigen sollte - über den Trend damaliger Türkenmode hinaus. Es folgten andere wie das Pumpwerk im Park von Sanssouci in Potsdam, die maurischen Bauten des Stuttgarter Zoos Wilhelma, sowie Bäder, Kaffeehäuser, Pavillons. Dazu kamen kostbare Kunstgegenstände, Teppiche, Textilien, Münzen, Speisen nach Deutschland. Auch Fremdwörter wie Baldachin, Damast und Sofa fanden Eingang in die deutsche Sprache.

Der Bezug zu morgenländischer Literatur wuchs, wie auch der Orient zum Sujet deutscher Dichter wurde: So in Lessings Nathan der Weise 1779, Goethes Gedichtsammlung Westöstlicher Diwan 1819 und einer Fülle von Literatur. Friedrich Rückert, Orientalist und Poet, übersetzte 1834 Teile des Koran - ein Manifest der Aufklärung angesichts kirchlicher Übersetzungen mit anti-islamischer Tendenz. Zugleich begann eine eigenständige Erforschung von Orient und Islam an deutschen Universitäten, nicht nur als Hilfswissenschaft für christliche Theologie. Der Erwerb orientalischer Manuskripte setzte ein und führte zu besten Beständen in Berlin und München, Die Deutsche Morgenländische Gesellschaft wurde 1845 gegründet, muslimische Wissenschaftler gelangten nach Deutschland.

Bis ins 20. Jahrhundert hatte das Faszinosum des Orients Teile der deutschen Elite für sich eingenommen, erreichte aber auch ein breiteres Publikum. So verschlangen viele Deutschen, und zwar nicht nur Jungs, Karl Mays Orient-Romane, die zwischen 1881 und 1888 erschienen. Beispiele islamischer Toleranz sind darin nicht selten: »Du bist unser Freund und Bruder, obwohl du einen anderen Glauben hast als wir.« So Scheik Malek zu Kara Ben Nemsi in »Durch die Wüste«.

Muslimische Präsenz in Deutschland aber gab es bis zum Ersten Weltkrieg nur am Rande. Der Krieg erst brachte mehr Muslime ins Land, überwiegend Soldaten, die auf Seiten der Gegner des Deutschen Reichs gekämpft hatten. Im Halbmondlager Wünsdorf bei Berlin gab es an die 12 000 Kriegsgefangene. Für Propagandazwecke wurde in der Nähe das Lager Zossen eingerichtet, um Araber, Afrikaner und Inder aus der britischen und französischen Armee zum Überlaufen zu bewegen. Dafür förderte das Deutsche Reich islamische Praktiken, sorgte für fließendes Wasser und ermöglichte, dass Istanbul zwei Muslime als Lager-Imame entsandte. Zudem wurde in Zossen 1915 die erste Moschee Deutschlands mit religiöser Funktion nach dem Bild des Jerusalemer Tempeldoms errichtet.

Nach dem Krieg kehrten zwar viele Muslime in ihre Heimat zurück, einige aber blieben. Dazu kamen andere zu Studium und Ausbildung nach Deutschland. In den 1920er Jahren entwickelte sich vor allem in Berlin buntes muslimisches Leben. Vereinigungen entstanden, die auch deutsche Intellektuelle und Konvertiten anzogen. Schließlich wurde 1922 die islamische Gemeinde zu Berlin gegründet, Mitglieder aus gut 40 Ländern umfassend.

In beiden Weltkriegen wurden Muslime und islamische Länder vor den Karren deutscher Kriegspolitik gespannt. Nach dem Plan Max von Oppenheims, Diplomat und Orientalist, sollten Muslime in den Kolonialländern wie Irak zu Revolten aufgestachelt werden, um die Hauptfront der Deutschen zu entlasten. Im Zweiten Weltkrieg hoffte man zudem, deutsche Herrschaft in den eroberten Gebieten mit muslimischer Hilfe zu stabilisieren. Dafür gab es in Bosnien und unter Krim-Tataren Resonanz, zum Teil wurde aber auch zwangsrekrutiert. Noch vor Kriegsbeginn 1939 hatte Adolf Hitler sich verächtlich über die Menschen im Nahen Osten geäußert: »Wir werden weiterhin die Unruhe in Fernost und in Arabien schüren. Denken wir als Herren und sehen wir in diesen Völkern bestenfalls lackierte Halbaffen, die die Knute spüren wollen.« Schnell weichte der Bedarf an Soldaten NS-Hochmut auf und ließ Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Chefideologe, den abstrusen Begriff Muselgermanen prägen.

Im Zweiten Weltkrieg half der judenphobe Großmufti von Jerusalem, Al-Husaini, den Nazis bei der Umsetzung ihrer Strategie. Die hatten keinerlei Skrupel, die Berliner Moschee für Propagandaauftritte mit Al-Husaini zu missbrauchen. So wenig erforscht das Thema Halbmond und Hakenkreuz auch ist: Es gab unter Muslimen auch Kollaborateure, der überwiegende Teil aber sah sich Repressalien des Regimes ausgesetzt. Alle KZs hatten auch arabische und muslimische Häftlinge unbekannter Zahl. Nach dem Ende der NS-Diktatur war die muslimische Gemeinde stark dezimiert und ihr Elan verloren.

Ein neuer Aufschwung fand erst nach dem deutschen Anwerbe-Abkommen von 1961 mit der Türkei statt. Der Migration türkischer Muslime folgten Arbeiter aus Nordafrika und Jugoslawien. Ab den 1980er Jahren entstanden sukzessiv neue Moscheen, bis heute an die 2750, die meisten nicht repräsentative Gebäude, sondern Bethäuser und sogenannte Hinterhofmoscheen. Mit zunehmender Organisation muslimischer Gastarbeiter und Zuwanderer bildeten sich Vereine und Gruppen, die sich zu Dachverbänden zusammenschlossen. 1984 bildete sich die Ditib, Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, mit dem Anspruch, den größten Teil türkischer Muslime in Deutschland zu vertreten, geschätzte 3,8 bis 4,3 Millionen Menschen.

Von Faktenvielfalt zur Grundsatzfrage zurück: Inwiefern »gehört« eine Religion zu Deutschland? Gewiss hat das Christentum die deutsche Gesellschaft geprägt, aber auch im negativen Sinn. Die fatale Rolle, die Martin Luthers Antijudaismus im »Dritten Reich« spielte, dämmerte der protestantischen Kirche mit gehöriger Verspätung. Zu nüchterner Betrachtung des Problems mag moderner Unglaube anregen: Im Frankreich der Aufklärung entstanden, fand der Atheismus seit dem 19. Jahrhundert auch in Deutschland Verbreitung. Selbst Theologen wie Bruno Bauer und Ludwig Feuerbach wurden zu »gottlosen« Philosophen.

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs kommunistischer Einfluss Ostdeutschland formte, erfuhr der Atheismus enormen Aufschwung. Heute bezeichnen sich fast die Hälfte der Menschen dort als Atheisten, im Vergleich zu fünf Prozent im Westen. Ob Freund oder Feind, der Atheismus ist da, in der Bundesrepublik angekommen, Teil ihrer pluralen Gesellschaft geworden.

Die Debatte, ob der Islam zur deutschen Gesellschaft gehört oder nicht, ist ein Streit um Kaisers Bart. Weder Abwehr noch Umarmung Mohameds dienen deutscher Identität, wohl aber besonnene Vergangenheitsarbeit und ein neu zu verhandelndes Selbstverständnis, das zur eigenen Nation trotz Irrwegen steht und gleichwohl für ein kulturell offenes Deutschland eintritt, dessen Werte Chancen eröffnen und zugleich Grenzen setzen. Das Maß allein seien die Menschenrechte. Zum deutschen Staat, einer Demokratie aus europäischem Geist, kann kein noch so historisch verbriefter Glaube gehören. Der Staat westlicher Prägung ist zu religiöser Neutralität verpflichtet. Er hat für die Freiheit seiner Bürger zu sorgen, die Weltanschauung ihrer Wahl leben zu können.

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