Werbung

Die digitale Rebellion

In ihrem Debütroman »Serverland« zeichnet Josefine Rieks das Zukunftsbild einer Welt ohne Internet und Smartphones

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Für gewöhnlich wird in Science-Fiction-Romanen der Blick in eine technologisch weiterentwickelte Zukunft geworfen. Wenn nicht gerade - was ebenso in Hollywood wie in der zeitgenössischen Sci-Fi-Literatur im Trend liegt - eine dystopische Welt und der Untergang der Zivilisation in Szene gesetzt werden. Ganz anders und dabei überraschend ergiebig macht das die 1988 geborene, in Berlin lebende Josefine Rieks in ihrem Debütroman »Serverland«. Auf gerade einmal 170 ziemlich flott heruntererzählten Seiten beschreibt sie eine für unsere Verhältnisse exotische Welt in der nahen Zukunft, die ganz ohne Internet und Smartphones auskommt.

In dieser postdigitalisierten Welt, die wieder ins analoge Zeitalter eingetreten ist, klingeln Telefone mit Kabeln dran, niemand liest oder schreibt Mails, stattdessen werden Kreuzworträtsel gelöst. Ein lautloser Fernseher findet gerade mal am Rande Erwähnung, und Musik scheppert zumeist laut aus der Soundanlage im Auto. Sonst ist alles ähnlich wie in unserer Gegenwart, inklusive Berliner Eckkneipen und prekären Jobs. Aber die vor Jahrzehnten nach einem globalen Referendum abgeschaltete digitale Welt ruft vor allem bei jungen Menschen größtes Interesse hervor.

Ein begeisterter Digitalnerd ist der im Zentrum der Erzählung stehende Reiner, der bei der Post arbeitet und in seiner prolligen Kiezkaschemme auch gerne mal einen über den Durst trinkt. Er sammelt jede Menge Elektroschrott aus dem Zeitalter der Digitalisierung, in seiner Wohnung stapeln sich alte Rechner. Vor allem hat es ihm das Spiel »Command and Conquer: Alarmstufe Rot« angetan, das er auf seinem beim Trödler erstandenen und reparierten Mc Book Air abspielt.

Eines Tages nimmt ihn ein Bekannter auf eine Sauftour durch verlassene Großstadtbrachen mit und zeigt ihm in einer alten Fabrikhalle stillgelegte Server. Der verblüffte Reiner soll als Experte für digitale Vintage-Raritäten Daten herunterladen und macht sich sofort voll Eifer an die Arbeit. Damit nicht genug, wird er kurz danach auf eine Spritztour nach Holland mitgenommen, wo in einem verlassenen Fabrikgelände bei Groningen eine ganze Google-Serverfarm herumsteht. Reiner, der ein Programm schreibt, um die jahrzehntealten Internetdaten auszulesen und ein Youtube-Video nach dem anderen herunterlädt, ist nicht der einzige Internet-Fan in der Industriebrache, die sich langsam mit jungen Menschen füllt.

»Serverland« ist vordergründig ein Science-Fiction-Roman made in Germany, der Beachtung finden sollte. Nicht wenige junge Autoren, so jüngst auch Sebastian Guhr mit »Die Verbesserung unserer Träume«, versuchen sich hierzulande verstärkt an diesem Genre, in dem sonst von großen Verlagen gerne bereits markterprobte Übersetzungen aus den USA und Großbritannien aufgelegt werden. Darüber hinaus ist »Serverland« aber auch eine Analogie auf Jugendbewegungen und ihre politische, soziale und subkulturelle Dimension und Bedeutung. Die jungen Menschen, die an der holländischen Küste Internetvideos aus vergangenen Zeiten streamen, sich über die mitunter grelle Bildsprache wundern und darüber diskutieren, lassen hin und wieder das Wort Kommunismus fallen, wenn auch verhalten.

Es geht ums Teilen, ums kollektive Aneignen historischer, gesellschaftlich tabuisierter Fragmente, um daraus eine subversive Praxis zu kreieren - inklusive all der zum Teil heftig geführten Debatten, ob das funktionieren kann oder doch nur verwaschen wird, sobald es mehr als eine Handvoll Aktivisten sind. Dabei berufen sich die Vintage-Hacker auch ganz bewusst auf die Situationisten und deren Vorstellung von derartig subversiven Aktionen.

Immer wieder tauchen im Lauf des Geschehens dann Nachrichten darüber auf, dass es eine ganz ähnliche Bewegung in New York gibt, wo junge Besetzer ebenfalls digitales Teilen praktizieren. Die Fabrikhalle in der holländischen Pampa füllt sich derweil weiter mit jungen Menschen. Die Bewegung wird viral - auch ganz ohne Internet - und verbreitet sich immer weiter.

Josefine Rieks: Serverland. Roman. Hanser, 176 S., geb., 18 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen

Das Blättchen Heft 20/18