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Nur gemeinsam sind Mieter stark

Der Bewohnerverein »AmMa 65« will die berlinweite Vernetzung voranbringen

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Wir haben uns schon recht früh mit dem Gedanken getragen, uns mit Mietern anderer Häuser zu vernetzen, um unser Wissen zu teilen und auch selber Anregungen zu bekommen«, sagt Julian Zwicker. Er ist Sprecher des Vereins AmMa 65, in dem sich die Mieter des Eckhauses Amsterdamer Straße 14/Malplaquetstraße 25 im Wedding zusammengeschlossen haben. Es war das erste Haus, für das der Bezirk Mitte sein Vorkaufsrecht in Milieuschutzgebieten ausüben wollte. Doch der Immobilieninvestor Jakob Mähren akzeptierte stattdessen Mitte Januar eine sogenannte Abwendungsvereinbarung. Sie verbietet der Mähren AG unter Androhung hoher Konventionalstrafen mieterverdrängende Luxussanierungen. Auch die Aufteilung in Eigentumswohnungen ist für Jahrzehnte ausgeschlossen - zumindest so lange das Milieuschutzgebiet noch existiert.

Die Monate davor waren eine emotionale Achterbahnfahrt. Denn eigentlich wollten die Mieter das Haus selber kaufen. Zwei Jahre lang hatten sie daran gearbeitet, sich zusammengeschlossen, Modelle entwickelt, Kontakte geknüpft. »Wenn es nicht diese Vorarbeit gegeben hätte, hätte es vielleicht nicht mal die Abwendungsvereinbarung gegeben«, glaubt Thomas Woinzeck, der ebenfalls in dem Haus wohnt. Unter anderem Gutachten zu den Renovierungskosten des stark sanierungsbedürftigen Gebäudes hatten sie angefertigt. Unterlagen, ohne die die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft WBM kaum seriös in die Verhandlungen für das Vorkaufsrecht hätte einsteigen können. Nach einem Verkauf hat der Bezirk nämlich nur zwei Monate Zeit, alles Nötige für die Übernahme in die Wege zu leiten.

Parallel arbeiteten die Mieter daran, über Stiftungen weiter den Traum vom eigenen Haus zu realisieren. »Erst einen Tag vor Fristablauf hatten wir wirklich alles zusammen«, erinnert sich Woinzeck. Mal schnell ein paar Millionen Euro für einen Hauskauf zu organisieren klappt in der Realität selten. »Wenn der Stiftungsrat regulär nur einmal im Monat zusammentritt, um über Engagements zu entscheiden, ist die Frist schnell gerissen«, so Woinzeck.

»Rückblickend stellen wir uns schon die Frage, ob wir nicht schon vor einem Jahr der ehemaligen Hausbesitzerin den Kauf durch uns hätten vorschlagen sollen«, sagt Zwicker. Damals war eher die Befürchtung, ob man durch das Angebot die Besitzerin nicht erst auf die Verkaufsmöglichkeit aufmerksam gemacht hätte.

»Es ist sehr problematisch, dass man sich als Mieter an das Bezirksamt wenden muss, damit dieses sein Vorkaufsrecht anmeldet«, findet Woinzeck. Erstens traue sich das nicht jeder, zweitens hänge das Engagement auch vom politischen Willen im jeweiligen Bezirk ab. Außerdem hätten die Bezirke sehr wenige Ressourcen, um die Fälle schnell und kompetent bearbeiten zu können. »Beim ersten Netzwerktreffen im Januar kamen auch Leute auf uns zu, die nicht wissen, wie man sich an die Presse wendet«, berichtet Woinzeck.

»Es war ein gutes Gefühl, anderen helfen zu können«, sagt Zwicker. Über die monatlich stattfindenden Netzwerktreffen sollen auch die Mieter anderer Häuser mehr über die Möglichkeiten erfahren. »Es ist sinnvoll, Kontakt mit den Nachbarn aufzunehmen, lange bevor die Immobilie zum Spekulationsobjekt wird«, erklärt der Aktivist. Und zum Beispiel in Erfahrung zu bringen, wem das Haus derzeit gehört. Zwicker schwebt auch eine eigentümerbezogene Vernetzung vor: »Der Zusammenschluss der Mieter der BOW/ALW-Gruppe ist da ein Vorbild.«

Als »Glück im Unglück« bezeichnet Zwicker den Umstand, dass mit Jakob Mähren der Eigentümer seines Hauses eine in Berlin physisch greifbare Person ist, die sogar einen Ruf zu verlieren hat. Bei luxemburgischen Briefkastenfirmen sehe die Sache schon anders aus. Trotzdem musste AmMa 65 eine Unterlassungserklärung wegen eines unglücklichen Satzes in einer Presseerklärung unterzeichnen. »Man kann uns juristisch und finanziell schnell plattmachen«, so Woinzecks Lehre.

Wichtig für Betroffene sei zu verstehen, »wie die Gegenseite tickt«, sagt Zwicker. Wenn die Kredite für den Hauskauf schon besorgt sind, würde ein Investor bei Akzeptanz des Vorkaufsrechts schon mal auf ein paar hunderttausend Euro an Kosten sitzenbleiben. Da ist eine Abwendungsvereinbarung schon das kleinere Übel. Zumal angesichts der rasant steigenden Grundstückspreise die Renditeerwartung weniger auf den Mieteinnahmen, sondern auf einem deutlich höheren Wiederverkaufspreis in einigen Jahren fußt.

»Das Konzept ist beim ersten Netzwerktreffen aufgegangen«, freut sich Zwicker. Rund 30 Leute seien dort gewesen, unter anderem der Baustadtrat von Mitte, Ephraim Gothe (SPD).

Nächstes Netzwerktreffen am Di, 27. Februar, 19 Uhr, Groninger Str. 50.

www.amma65.de

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