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  • Arbeitsbedingungen bei Olympia

Die Ausgebeuteten wehren sich

Zahlreiche Freiwillige verlassen aus Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen bei Olympia ihre Plätze

  • Von Felix Lill, Pyeongchang
  • Lesedauer: 4 Min.

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Was kaum zu bestreiten ist, hat in Pyeongchang nicht mehr alle überzeugt. Von den 15 000 Volunteers, also Freiwilligen, die sich zum Helfen angemeldet haben, um die Welt in ihrem Land willkommen zu heißen, hat schon etwa ein Sechstel wieder geschmissen. Es gebe keine Zeit für Essenspausen und bei der Anreise zu den Einsatzorten erhielten sie kaum Unterstützung. Unter diesen Umständen, haben sich mittlerweile rund 2400 Helfer gedacht, wollen sie nicht weiterhelfen. Die Show geht irgendwie weiter - aber ohne sie.

Mehr als 60 Petitionen haben die Volunteers schon gestartet und an das Präsidentenhaus in Seoul geschickt. Neben Essen und Transport geht es auch um heiße Duschen und die Unterbringung. An entlegeneren Einsatzorten, wo die Freiwilligen übernachten müssen, seien teilweise zehn Personen in einen Raum für vier gesteckt worden. Was das fettige und oft kalte Essen angeht, titelte das »Seoul Shinmun« schon letzten Monat: »Selbst Gefängnisnahrung ist besser als das hier.« Auf dem Olympiagelände in Gangneung, wo die Eissportwettbewerbe stattfinden, sagte ein junger Freiwilliger: »Wie sie uns hier behandeln, würde ich mich nicht noch einmal zur Verfügung stellen. Dabei will ich mich eigentlich für mein Land einsetzen.«

Was kaum ein gutes Licht auf die Organisatoren der Spiele von Pyeongchang wirft, ist keine südkoreanische Besonderheit. Die Arbeit olympischer Volunteers ist zentral geregelt, erklärt wird sie auf der Website des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Demnach bewerben sich rund vier Personen pro verfügbarem Platz, schließlich sei es ein Job für alle. Man müsse nur mindestens 18 Jahre alt sein, ansonsten: »Alles, was du brauchst, ist Enthusiasmus. Die Chance, eine einzigartig herausragende Erfahrung zu machen, ist zum Greifen nahe!«

Man könnte auch sagen: eine herausragende Erfahrung der Ausbeutung. Auf der ganzen Seite ist von Geld keine Rede, was bei der Jobbezeichnung »Volunteer« zunächst nicht erstaunt. Bei den Umsätzen, die das IOC regelmäßig durch die Olympischen Spiele macht, muss es aber verwundern. Im Jahr 2016, als die Sommerspiele in Rio stiegen, nahm das IOC 3,56 Milliarden US-Dollar ein und sah sich Ausgaben von nur 2,85 Milliarden gegenüber. Personalkosten machen ohnehin nur einen Bruchteil aus. Für die Veranstaltungskosten Olympischer Spiele kommen überwiegend die Austragungsorte auf, und die wollen dann sparen, wo es geht.

Es ist ein Muster, das sich auch bei anderen Sportveranstaltungen bewährt hat. Bei Fußballweltmeisterschaften lässt die FIFA ihre unverzichtbaren Volunteers ebenfalls gratis arbeiten, speist sie ähnlich wie das IOC mit schicken Anzügen ab, die die Helfer am Ende behalten dürfen. Tickets zu den Veranstaltungen wiederum müssen auch sie bezahlen, solange ihr Einsatzbereich nicht zufällig in einer Arena ist. Viele Freiwillige nehmen für diese Wochen Urlaub, hätten ihn nach dem Spektakel aber erst recht nötig, weil sie oft den ganzen Tag arbeiten.

»Wenn ich überlege, wie viel Geld hier umgesetzt wird«, sagte der Freiwillige in Gangneung noch, »frage ich mich schon, warum wir überhaupt keinen Lohn bekommen sollen.« Und dann nicht anständig verpflegt zu werden, findet er unverschämt. Ein Paar Petitionen habe er schon unterschrieben. Bei den aufständischen Freiwilligen in Südkorea müssen die Organisatoren von Pyeongchang wohl aufpassen, dass für die Paralympischen Spiele noch Helfer übrig sind. Die Veranstaltung läuft vom 9. bis zum 18. März, eingeplant sind 6600 Volunteers. Sprängen ähnlich viele ab wie bei Olympia, würden die Organisatoren sehen, was sich aus ihren regelmäßigen Dankesbekundungen ableitet: Ein geschmeidiger Ablauf wäre kaum noch möglich.

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