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Politisiert durch den Krieg

Rund 30 internationale YPG-Freiwillige befinden sich derzeit in Rojava. Ein ehemaliger Kämpfer berichtet über den Alltag und Zweifel am Einsatz

  • Von Jan-Lukas Kuhley
  • Lesedauer: 5 Min.

Besonders nach der medial stark präsenten Verteidigung Kobanês, der ersten großen Niederlage des Islamischen Staates (IS/regional: Daesh), kamen zahlreiche internationale Freiwillige nach Nordsyrien, um der kurdischen YPG im Kampf beizustehen. Grob kann zwischen Revolutionären, Anti-IS-Kämpfern und persönlichen Abenteurern unterschieden werden.

Es bestand schon immer eine gewisse Spannung zwischen den politisch motivierten Unterstützern des nordsyrischen Gesellschaftsmodells und der eher konservativen Motivation der meisten Anti-IS-Kämpfer sowie mancher Abenteurer. Gerade die Feindschaft zur Türkei wurde zu Beginn der Ausbildung von vielen Internationalen als »PKK-Unsinn« abgetan. Es entwickelte sich der wiederkehrende Witz, dass die Türkei an allem Schuld sei, wenn sonst kein Schuldiger gefunden wurde. Die Logistik hat mal wieder zu wenig Zigaretten gebracht - die Türkei ist schuld! Der Krieg mit der Türkei, so die Perspektive der Anti-IS-Kämpfer, sei nicht ihr Krieg. Sie kamen, um gegen den islamistischen Terrorismus zu kämpfen, der ihre Herkunftsländer bedroht.

Schon vor einigen Monaten begann die Türkei damit, ihre Truppen an den Grenzen von Afrin in Stellung zu bringen. Zunächst nur auf türkischem Staatsgebiet, dann auch in Syrien selbst, südlich des Kantons als Teil einer sogenannten Deeskalationszone. Afrin wurde nach und nach eingekesselt, die Belagerung vorbereitet. Gleichzeitig provozierte Ankara die kurdischen Kräfte durch die staatlich angeordnete Schändung von Gräbern gefallener YPG-, YPJ- sowie PKK- Kämpfer*innen.

Mit dem Einmarsch der Türkei in Afrin begann dann nicht nur ein neues Kapitel im Syrienkrieg, sondern auch für die internationale YPG-Gemeinschaft. Aus der von den USA unterstützen Armee, die gegen Dschihadisten des IS ins Feld zog, wurde eine weitestgehend allein gelassene Armee, die einen verlustreichen Verteidigungskampf gegen eine der größten NATO-Armeen führen muss. Die Positionierung der internationalen Staatengemeinschaft war auf einmal sehr unklar. Gerade die Anti-IS-Kämpfer, viele von ihnen Ex-Militärs, sahen sich so plötzlich in der Situation, die zumindest stillschweigende Duldung ihres Einsatzes von ihrem Herkunftsland zu verlieren. Sie mussten neue Entscheidungen treffen. Wem sind sie zu Treue verpflichtet? Sollen sie weiterkämpfen? Und wenn ja, wofür?

Als ich nach einem Einheitenwechsel viele von den internationalen Freiwilligen wiedertraf, war ich beeindruckt von ihren Gedanken und letztendlich auch von ihren Entscheidungen. Mich als Militärneuling und jemand, der mittlerweile genug vom Krieg hatte, entpolitisierte die Zeit bei der YPG eher. Zu dominant wurden persönliche Sorgen und Ängste, zu erdrückend die Erfahrungen aus einem Kriegsgebiet. Bei einigen der militärisch erfahrenen Anti-IS-Kämpfern hingegen schien der Einsatz in einer revolutionären Armee viel eher zu politisieren. Sie begannen die Idee hinter dem Projekt Rojava und die Menschen im Land wertzuschätzen. Ein britischer Ex-Soldat und Afgahnistan-Veteran verteidigte während des Politikunterrichtes in der YPG-Akademie nur Monate zuvor noch den Kapitalismus - nun schwärmte er plötzlich leidenschaftlich davon, wie der demokratische Konföderalismus Nordsyriens der beste Weg für nachhaltigen Frieden im mittleren Osten sei. Er arbeitet derzeit zwischen den Fronteinsätzen mit einer NGO in einem Camp für Geflüchtete und denkt nicht ans Heimkehren. Ein anderer, den ich zu Beginn eher als Sozialdemokraten eingeordnet hätte, erwägt mittlerweile den Eintritt in die PKK, und denkt über eine lebenslange Verpflichtung nach.

Auch die Feindschaft zur Türkei begannen viele zu teilen. Die internationalen Freiwilligen, die es nicht eh schon waren, wurden wütend auf Erdogan: Die Demokratie, die sie in Nordsyrien täglich erleben, will dieser schließlich vernichten. Sie nehmen es persönlich, dass eine staatliche Macht das Projekt gefährdet, für das sie mit dem Einsatz ihres Lebens gekämpft haben. Sie nehmen es ebenso persönlich, dass ihre eigenen Staaten moderne Waffentechnologie an die Türkei verkaufen, während sie mit jahrzehntealten Gewehren in die Schlacht ziehen müssen.

Jeder internationale Freiwillige wird gefragt, ob er in Afrin kämpfen will oder weiterhin gegen den IS ins Feld ziehen möchte. Ich entschied mich für zweiteres. Doch viele der derzeit noch rund 30 Freiwilligen gingen und gehen noch immer nach Afrin. Rückblickend denke ich: Manche von ihnen mögen wegen dem IS und im gefühlten »Dienste ihrer Nation« nach Nordsyrien gekommen sein - doch sie bleiben als gestärkte Persönlichkeiten, im Dienste der demokratischen Werte, die sie in Rojava kennenlernten.

Wunderbar auf den Punkt gebracht wird dieser Wandel in den Worten meines gefallenen Freundes Şehîd Gabar. Şehîd bedeutet Märtyrer*in auf kurdisch, es ist gebräuchlich als respektvoller Titel für gefallene Kämpfer*innen. Der französische Freiwillige fiel im September 2017 einem Hinterhalt in Raqqa zum Opfer. Er hatte eine militärische Vergangenheit, keine politische. Er war über 15 Jahre Fallschirmspringer bei der Fremdenlegion, dann mehrmals bei der YPG: »Ich kam zuerst um Daesh zu töten und ging voller Liebe für Rojava. Aus diesem Grund entschied ich mich, an diesen Ort zurückzukehren.«

Eine Gruppe internationaler Freiwilliger in Afrin - bestehend aus Anarchist*innen, Kommunist*innen, Sozialist*innen und Antifachst*innen - gründete Mitte Februar die »Michael Israel«-Brigade. »Der Widerstand von Afrin ist einer der kritischsten Momente in dem antifaschistischen Kampf unserer Zeit«, heißt es in einem Aufruf. Der Namensgeber, ein US-amerikanischer Freiwilliger, war 2016 in der Nähe der Stadt Manbidsch von der türkischen Luftwaffe getötet worden. In Afrin starben bisher zwei Freiwillige: Der Franzose Olivier François J., Jahrgang 1977, und der Spanier Samuel Prada L., Jahrgang 1993.

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