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»Mein Vermieter nimmt, was er kriegen kann«

Zwölf oder 13 Euro pro Quadratmeter - die Situation auf dem Hamburger Wohnungsmarkt spitzt sich zu

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Hamburg ist urbaner Sehnsuchtsort« - mit diesen Worten begrüßte Prof. Andreas Hoffmann von der ZEIT-Stiftung kürzlich die Gäste der Veranstaltung »Zur Sache, Hamburg: Wer kann sich die Stadt noch leisten?« im Bucerius-Kunst-Forum am Hamburger Rathausmarkt. Die von der Hansestadt ausgehende Sogwirkung lässt sich belegen: Von 2011 bis 2016 wuchs deren Bevölkerung um 100.742 Personen. Tendenz: weiter steigend!

Siegmund Chychla, Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg, erklärte: »Neuvermietungsmieten mit Preisen von zwölf oder 13 Euro pro Quadratmeter bedeuten bei einer 80 Quadratmeter großen Wohnung rund 1400 Euro.« Gemäß der Faustregel, dass die Wohnung nicht mehr als rund 30 Prozent des Einkommen verschlingen sollte, müsste die entsprechende Mietpartei über ein Netto-Einkommen von 5000 Euro verfügen, rechnete Chychla vor. »Aber wer hat das schon?«

Sandra Ludwig - Head of Retail Investment Germany beim Immobiliendienstleister Jones Lang LaSalle - wollte keine Namen schwarzer Schafe nennen, machte jedoch deutlich: »Angelsächsische Investoren haben eine andere Sichtweise als hiesige - ihnen ist es egal, was die deutsche Presse schreibt.« Chychla jedoch nannte ein aktuelles Beispiel für Renditegier: die von der Vonovia geschluckte Gagfah. »Das Unternehmen gehörte früher der Bundesversicherung der Angestellten, war bis 1990 gemeinnützig. Heute ist der neue Eigentümer vor allem daran interessiert, möglichst hohe Renditen zu generieren.«

Zu den »Guten« im Haifischbecken der Immobilienwirtschaft zählt sich die städtische SAGA Unternehmensgruppe. »Wir arbeiten nachhaltig«, betonte deren Chef Thomas Krebs. »Funktionierende Quartiere sind unser Geschäft.« Doch neben den »Immobilienhaltern« wie der SAGA oder den Genossenschaften gebe nun mal die spekulativ ausgerichteten »Händler«, so Krebs. »Die steigen bei niedrigen Preisen ein, achten auf den Exit und wollen dabei möglichst viel mitnehmen.« Die Haltedauer bei diesen »Händlern« betrage zwei bis zehn Jahre, wusste Sandra Ludwig aus langjähriger Erfahrung zu berichten.

Doch nicht nur die Spekulanten, sondern auch gierige Privatvermieter machten den Mietern das Leben schwer, wusste eine Frau aus dem begehrten Stadtteil Eimsbüttel zu berichten: »Die Miete für meine 48 Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung steigt jährlich um 40 Euro, aktuell sind das 600 Euro. Mein Vermieter nimmt, was er kriegen kann. Als Rentnerin werde ich mir die Wohnung nicht mehr leisten können.« Den Tränen nahe sagte sie, dass sie den Austritt aus der Schiffszimmerer-Genossenschaft vor 25 Jahren bereue. »Doch damals brauchte ich die Einlage dringend für die Kaution.« Als sie auf Nachfrage den Namen ihres Vermieters nannte, nickte Chychla: »Dieser Hauseigentümer ist uns bekannt.« Der Mieterverein kennt seine Pappenheimer.

Auf die lakonische Frage des Moderators »Ist so der Kapitalismus?« betonten Chychla und Krebs unisono, dass das Problem nur durch mehr Neubauten zu lösen sei. »Bauen bedeutet aber auch, dass man in seiner Nähe einen Neubau zulassen sollte«, sagte Chychla mit Blick auf die Proteste Alteingesessener in den Quartieren, die sich gegen die »Verschandelung« ihrer Hinterhöfe wehren und sich meist ökologische Argumente anführen.

SAGA-Chef Krebs ergänzte: »Wir haben hundert Neubauvorhaben am Start. Fast überall gibt es Proteste der Nachbarn.« Sein Eindruck: »Bezogen auf den Gemeinwohlgedanken sind die Menschen nicht ehrlich. Sie sagen: Bauen ja, aber bitte nicht bei mir.« Er kann sich sogar staatliches Eingreifen dort vorstellen, wo der Markt nicht funktioniert: »Wichtig ist es aber auch, Anreize zu schaffen.«

»Wir müssen Wohnungen mit langfristiger Mietpreisbindung bauen«, erklärte der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg. »Bei den jetzt neu entstehenden Sozialwohnungen endet die Bindung bereits nach 15 Jahren.«

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