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Vom Club in den Krieg

Die Organisation Cadus will dort Unterstützung leisten, wo andere nicht mehr hingehen

  • Von Niklas Franzen
  • Lesedauer: 4 Min.

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Sommer 2014. Der Syrien-Krieg tobt und der Islamische Staat (IS) treibt in etlichen Staaten sein Unwesen. Immer mehr Flüchtlinge machen sich über das Mittelmeer auf die lebensbedrohliche Flucht nach Europa. Es sind Bilder, die ratlos und ohnmächtig machen.

In Berlin fragt sich eine Gruppe von Aktivist*innen: Wie können wir helfen? Es sind Mediziner*innen, Techniker*innen und Event-Manager*innen. Alle kommen aus der linken Musik- und Clubszene, einige hatten zuvor in der humanitären Hilfe gearbeitet. Was verbindet: Die Unzufriedenheit mit den konventionellen Hilfsorganisationen. »Der mangelnde Bezug zu lokalen Gemeinschaften und die fehlende Innovationsfreude haben genervt«, erinnert sich Sebastian Jünemann. »Deshalb haben wir eine eigene Organisation gegründet.« So entstand der Cadus e.V.

Am Anfang unterstützte Cadus die Seenotrettung. Es wurden Spenden für ein Rettungsboot gesammelt, die Cadus-Aktivist*innen fuhren auf Rettungsbooten mit. Die Gruppe und der Unterstützerkreis wuchsen schnell. Es kristallisierte sich heraus, dass auch auf dem Land Hilfe nötig ist. So entstand die Idee, medizinische Nothilfe zu leisten. Dort wo sonst niemand mehr hingeht. Orte gab es genug.

Monatelange schraubten und bastelten die Mitglieder von Cadus an ihrem bislang größten Projekt: dem Mobilen Krankenhaus. Das Krankenhaus auf Rädern besteht aus zwei LKW und mehreren Behandlungs- und Operationszelten, die schnell auf- und wieder abgebaut werden können. Eigentlich wollte Cadus damit den Norden von Syrien ansteuern, genauer gesagt die kurdische Region Rojava. Allerdings erwies sich der Grenzübertritt vom Irak nach Syrien als sehr kompliziert.

Als im Sommer 2017 die Schlacht um die IS-Hochburg Mossul ihren Höhepunkt erreichte, war den Cadus-Mitgliedern schnell klar: Es kommt zu einer humanitären Katastrophe, da müssen wir hin. Viele Krankenhäuser lagen in Schutt. Die medizinische Infrastruktur war am Boden. Internationale Hilfsorganisationen hatten sich längst zurückgezogen.»In Mossul gab es einfach keine Ärzte mehr, niemand wollte dort arbeiten«, erinnert sich Jünemann.

Hunderttausende Menschen lebten aber weiterhin mitten im Krieg. Zwei Kilometer von der Front entfernt richtete Cadus in einer ehemaligen Autowerkstatt ihre Krankenstation ein. Wochenlang versorgten die Ärzte Schwerverletzte. Die Freiwilligen kamen aus dem Ausland und arbeiteten ehrenamtlich. So auch der ausgebildete Rettungsassistent Jünemann, der zwischen den Einsätzen weiterhin als Türsteher einer Szene-Bar in Berlin-Kreuzberg arbeitete.

Den humanitären Grundsatz nach Neutralität verpflichtet behandelte Cadus alle Verletzten. In Mossul arbeitete Cadus auch eng mit dem irakischen Militär zusammen. Jünemann verteidigt das: »Wir arbeiten nicht da, wo es uns das Militär erlaubt, sondern es ist eine Absprache miteinander. Wir müssen wissen, wo mit einem Mindestmaß an Sicherheit zu rechnen ist.«

Mittlerweile ist Mossul vom IS befreit. Die Arbeit von Cadus geht in anderen Teilen des Landes weiter. Denn für Cadus geht es nicht nur um Nothilfe, sondern auch darum, Gesundheitssysteme langfristig zu stärken. In den kurdischen Gebieten Nordsyriens bildet die Organisation Ärzt*innen aus, im Irak wird geholfen, Notaufnahmen wieder aufzubauen. Das Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe. Fallen die linken Szenemitglieder auf? »Die meisten von uns hatten ja schon vorher in Krisengebieten gearbeitet. Aber die lokalen Bewohner*innen scherzten, dass bei Cadus die Einstellungskriterien dunkele Klamotten und Tattoos sind«, erinnert sich Jünemann.

Medien aus der ganzen Welt berichteten über die kleine Berliner Organisation. Einige porträtierten Jünemann als »den Türsteher mit dem großen Herzen.« Diese Darstellung war nicht unproblematisch für Cadus. »Wir sind vorsichtig mit den Medien geworden. Die wollen Emotionen darstellen, die sich gut verkaufen«. Cadus will zudem versuchen sich von der Spendenabhängigkeit zu lösen. Ein Anfang: Im Februar gewann die Organisation eine halbe Millionen US-Dollar bei einem Wohltätigkeitspreis. Das Geld ist jedoch schon für die nächsten Reisen eingeplant. Und viele Dinge fehlen weiterhin. Deshalb hat Cadus den »Crisis Response Maker Space« entwickelt. Das klingt nach Berliner Start-Up-Szene und heißt übersetzt: technische Lösungen für humanitäre Probleme entwickeln. Im Kreativdorf Holzmarkt am Spreeufer basteln die Cadus-Mitglieder momentan an Rettungssystemen.

Wie geht es weiter? Das Mobile Krankenhaus macht sich bald nach Nordsyrien auf. Auch das kriegsgeplagte Jemen soll irgendwann angesteuert werden. Jünemann ist sich sicher: »Wir werden weiter da arbeiten, wo andere nicht hingehen.«

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