Mit Feinsinn aus der Norm gefallen

Das Theater Ramba-Zamba zeigt mit »Die Frauen vom Meer«, wie schwer sich Selbstbestimmung und Lebensglück miteinander vereinbaren lassen

Spätestens seit der Romantik galten Zwischenwelten als poetische Refugien, in denen gesellschaftliche Konventionen, politische, soziale und ökonomische Zwänge aufgelöst werden können. Michel Foucault hat darauf aufmerksam gemacht, wie die Medizin als Herrschaftsinstrument das Betreten dieser Räume als Krankheit pathologisiert. Seit dieser Zeit wächst auch die Pharmaindustrie, die all dieses Ausbrechen und Wegsinken aus dieser Norm mindern und lindern will, zu einer der stärksten Branchen im kapitalistischen Wirtschaftssystem.

»Die Frauen vom Meer« von Regisseurin Lilja Rupprecht betont noch einmal diese Zwischenwelten. Der Inszenierung am Theater Ramba-Zamba geht aber auch der Glauben an die Glückserfüllung darin verloren. Eine riesige Spannbreite. Zu Beginn ist die Bühne mit einem Bild verhüllt. Darauf die Silhouette einer Frau, die auf Klippen blickt, aufs Wasser und auf Berge dahinter. Als der Vorhang fällt, ist die Bühne mit Gaze verhängt, die nur gebrochenes Licht hindurchlässt auf dunkle Schemen in der Tiefe des Raumes.

Schnell weicht dieser poetische Moment einer wuseligen Realität. Die Malerin Lyngstrand wirft hektisch Zeichen und grobe Figuren an die Wand. Um sie herum die Töchter des Hauses. Eine ist in sie verliebt, sie wird in der Folgezeit eine Vorliebe für kleinbürgerliches Kunstszenen-Leben entwickeln. Die andere sieht ihre Aufgabe vor allem im Kampf gegen ihre Mutter und deren Aussteigerszenarien.

Ein großer, nicht nur biografischer Reiz der Inszenierung liegt darin, dass Tochter Bolette von Nele Winkler gespielt wird und die Mutter Ellida von Angela Winkler, der leiblichen Mutter Neles. Angela Winklers zarte, poetische Sprechweise kontrastiert stark mit den Wort- und Körpereruptionen der mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommenen Spielerinnen und Spieler des Ramba-Zamba-Ensembles. Die Feinsinnigkeit der Mutter fällt aus der Norm, wird zum Gespött - die Normative tanzen.

Ellidas Sehnsuchtsfigur aus dem Meer erfährt bei Olga Bachs kluger Überschreibung des alten Ibsen-Dramas eine Verkörperung durch den Wassergeist Undine. Die allerdings wäre gern Mensch. Hieu Pham gibt diesem Zwischenwesen eine existenzielle Kraft, in der das Leiden sehr deutlich wird. Ihre Explosionen erinnern an die oft gelobten Qualitäten des Ramba-Zamba-Ensembles: Direktheit, Spontanität und Augenblickswitz. Diese schienen, zumindest in der zweiten Vorstellung der »Frauen vom Meer«, aber vom Streben nach Kunstfertigkeit überlagert. Nele Winklers Spontanität etwa brach sich erst beim tiefen Erschrecken darüber, dass ihre Mutter beim Schlussapplaus zu fallen drohte, Bahn. Mutter Winkler spielt nach einem Unfall bei der Premiere die zweite Vorstellung mit gebrochenem Arm im Gipsverband durch - Heroik im Theaterbetrieb und Beitrag dafür, einer ungewöhnlichen Arbeit zu einem guten Start zu verhelfen.

Nächste Vorstellungen: 23., 24. Februar

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