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Lebenslang funktionieren

Ein Portrait über die neue Generalsekretärin der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 7 Min.

Jeder kennt sie. Diese Leute, von denen man weiß, dass sie fleischgewordener Sozialstress sind. Die Aufseher und Capos, die Ausrufer der Durchschnittlichkeit, die stets verbindlichen Gerichtsvollzieher sozialer Konvention. Sie mahnen zum Mittelmaß, zur Disziplin und zum Vernünftigbleiben. Sie geben sich leutselig und duzen schnell, nur um den derart Angekumpelten umso schamloser auf die Finger zu klopfen.

Sie wissen von jedem, wann sie oder er mal über die Stränge geschlagen hat, wie hoch das Gehalt ist, wo mal krankgefeiert wurde. Ihr Wappenspruch ist »So geht das aber nicht«; ihr Wappentier ist die Individualität, mit zwei Dolchen d›or auf dem Altar instrumenteller Vernunft geopfert. Werte haben sie keine, nur den Wunsch, Devianz zu bestrafen, wo und in welcher Form auch immer.

Sie könnten in jeder Gesellschaft überleben, da sie jede kulturelle Norm sofort verinnerlichen. Nichts treibt sie an als der Wunsch, das Leben möge ereignis- und widerstandslos zum Tode führen, so reibungs- und verlustfrei wie möglich, in eherner Gleichförmigkeit. Wehe denen, die dabei stören, die noch etwas anderes wollen als Maloche, Rente und schmerzloses Sterben: Sie trifft die ganze Wut der lebenslang Funktionierenden.

Mit Annegret Kramp-Karrenbauer ist dieser Funktionärstypus nun tatsächlich Kronprinzessin geworden. Die tuschelnde Sekretärin mit der öden Strubbelfrisur, die sich verbissen jede zu spät gekommene Minute des Kollegen notiert; der Duckmäuser in der Outdoor-Jacke, dessen Exzess das Feierabendbier und dessen Lebenstraum der Urlaub an einem möglichst ausländerfreien Strand ist - diese Art Mensch ist jetzt nachgerückt ins Herz der Macht, soll bestimmen, wie wir leben, was wir wissen, was wir hoffen dürfen.

Natürlich, man darf Menschen nicht auf ihr Aussehen reduzieren; aber ebensowenig darf man übersehen, dass sich Lebensstil, Diskussionsmodus und persönliche Überzeugungen tief ins öffentliche Bild einer Person einschreiben, sonst wäre so etwas wie Habitustheorie nicht möglich. Und im Habitus der Kramp-Karrenbauer erkennen sich Hunderttausende wieder, fühlen sich wohl und verstanden - die kleinen Sadisten des Alltags, die stets die Mehrheit und das Gewöhnliche im Rücken haben und deren Lust die Bestrafung von Abweichlern ist, sie sehen in dieses stets patzige, stets empörungswillige Bulldoggenantlitz wie in einen Spiegel; sie sehen die um exakt zehn Jahre veraltete Kleidung (die aber nie genuin unmodisch sein darf) und blicken damit in die eigene Garderobe; sie hören das stumpfe Gelaber wie ein helleres Echo ihrer Stammtischweisheit; sie sehen vor allem ihre eigene Kleinlichkeit und renitente Borniertheit, gewürdigt und in höchste Staatsämter getragen.

Nicht übersehen werden darf, wie sehr im Zuge der Hartz-IV-Reformen in die Gesellschaftsschicht, die Siegfried Kracauer in seiner soziologischen Studie »Die Angestellten« beschrieb, Elemente sozialer Kontrolle und Hierarchisierung eingewandert sind; die Funktionäre des unteren und mittleren Managements, eben die Sekretärinnen und Abteilungsleiter, erfüllen nun nicht mehr nur ihre Aufgaben, sondern üben mittels einer standardisierten Ästhetik und Sozialperformance Kontrolle und Normierung aus.

Sie schaffen sozusagen die Vorhölle zu Hartz IV, leben Hartz IV als Kultur. Kein Wunder, dass AKK (ein Name wie ein Sturmgewehr) mit so hervorragenden Zahlen ins Amt der Ministerpräsidentin schießen konnte - ein ganzer stupider Sozialcharakter hat hier seine Galionsfigur gefunden.

Allen ist klar: Hier wurde nicht nur Peter Taubers Posten neu vergeben, hier hat die Kanzlerin offiziell ihre Nachfolgerin bestimmt. Warum sie, warum so? »Wenn ich nur mit Sympathie und Netzwerken agieren würde, wäre ich heute nicht hier, wo ich bin«, sagt sie. »Sondern da braucht man auch ein Stück Ellenbogen dazu, um auch eigene Interessen durchzusetzen.« Tatsächlich besteht AKK ausschließlich aus Ellenbogen, und die meisten von ihnen sind direkt nach unten gerichtet. Das »Nollendorfblog« erinnerte daran, dass Kramp-Karrenbauer 2015 Homosexuelle indirekt mit Volksschädlingen gleichsetzte: Wenn, so AKK, Schwule bald heiraten dürfen, dann sei nicht nur das Tor für Inzest und Vielehe geöffnet, sondern man müsse auch aufpassen, »dass das Fundament unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts dadurch nicht schleichend erodiert«.

Homosexuelle gehören letztlich nicht zu uns, zersetzen die Volksgemeinschaft, sind im Grunde eine Gesundheitsgefahr: Sätze, die man AfDlern niemals verzeihen würde, wurden von der CDU, wurden von Merkel billigend abgenickt. Vollstes Verständnis haben bei AKK auch sogenannte Lebensschützer, die Frauen mit Abtreibungswunsch terrorisieren - dein Bauch gehört ihr: »In einer Gesellschaft läuft einiges schief, wenn sich die Öffentlichkeit nicht mit 1278 Abtreibungen allein im Saarland beschäftigt, sondern über eine Kampagne zum Thema aufregt«, ließ sie sich zitieren.

Sie griff Kopftücher an, wollte aber Kreuze in Gerichtssälen hängen lassen. Sie kürzte Mittel für Behinderte, Arbeitslose und Familien. Sie drangsalierte Sexarbeiterinnen mit Sperrzeiten und Verboten. Immer weiß sie, den Zugriff der Gesellschaft aufs Innerste des Individuums zu verteidigen; ihre Identifikation mit der Macht ist total. Nachdem bei dem Attentat auf die Redaktion des französischen Satireblatts »Charlie Hebdo« zwölf Menschen ermordet worden waren, fiel AKK nichts Besseres ein, als den sogenannten »Blasphemie-Paragrafen« (§ 166 StGB) zu verteidigen, da »religiöse Gefühle« besonders schutzbedürftig seien.

Wieder hatte sie klar erkannt, wo die Macht steht und wo die störenden Individualisten, und sich instinktiv auf die Seite der Macht geschlagen: Dass sie dabei islamistischen Mördern letztlich recht gab, war ihr wurscht. AKK ist auf Seiten der Gewalt, egal, von wem sie ausgeht. Niemals hat sie etwas gewagt oder anders gemacht; umso stärker muss ihr die Tatsache, dass Leute sich gegen die Gesellschaft, gegen religiöse Despotie oder sexuelle Normierung wehren, als persönliche Provokation erscheinen. Ihr Bekenntnis zu Frauenquote, Mindestlohn und Väterzeit, die ihr manche als »links« auslegen, dürfte eher der Anerkenntnis des Faktischen als einer tiefen inneren Überzeugung geschuldet sein.

Nein, da ist nichts, einfach gar nichts; kein Geist ist da. Jens Spahn traut man immerhin noch zu, Gefühle, Leidenschaften oder Träume zu haben; er hat die Hipster-Cafés immerhin schon besucht, die er dann öffentlichkeitswirksam abkanzelt. Merkel selbst erweckt Sympathie durch ihr täppisches Auftreten und ihre unbefangene Durchschnittlichkeit und weil sie Freude an Hausmannskost hat oder eine wackelige Rhetorik pflegt.

An AKK ist nichts weich, zart oder ungeformt; niemals würde man ihr abkaufen, wie Merkel eine »Gewissensentscheidung« zu treffen oder nach »Bauchgefühl« zu handeln. Merkel will Macht immerhin zu etwas, AKK hingegen will nichts anderes sein als Ausführungsbeamtin des gesellschaftlich Gebotenen. Man kauft ihr nicht einmal ihre Religiosität ab. Ihre Religion ist stolze Rückständigkeit, leidenschaftlich gelebte Beschränktheit und die stete Orientierung am kleinbürgerlichen Ressentiment.

Woher kommen sie, diese Menschen, die ihr tiefes, tiefes Unglück nicht für sich behalten können, sondern es zwanghaft mit anderen teilen, anderen aufdrücken wollen? Es ist ja nicht so, dass es ihr an Ehrgeiz fehlte: AKK wurde nicht von Merkel geholt oder irgendwie aufgebaut, nach Bekunden beider wollte sie es selbst, das Amt der Generalsekretärin. Doch warum will sie es überhaupt? Was hat sie anzubieten, einzubringen? Was hat jemand wie Kramp-Karrenbauer überhaupt zu erzählen?

Dass es manchmal schwierig war, in der CDU an die Fleischtöpfe zu kommen? Dass Staatsräson und katholischer Irrsinn manchmal schwer unter einen Hut zu bringen sind, sie es halt aber doch immer wieder geschafft hat? Dass die Schwulis so gemein sind und sich halt nicht einfach wegregieren lassen wollen? Nichts, nichts, nichts ist da; keine Erfahrung, kein Leben spricht aus ihren Zügen. Bis auf ein halbes Jahr als Nachrückerin im Bundestag hat sie ihre gesamte Karriere im Saarland verbracht, seit ihrer Geburt lebt sie in Püttlingen, einem 18.000-Seelen-Schandfleck, nach Auskunft des »Handelsblatts« sogar in einer »verkehrsberuhigten Zone«. Im normalen Leben lässt man sich von so jemandem nicht einmal den Weg zur Tankstelle schildern, aus Angst, das Gegenüber mit Vorstellungen von der weitläufigen Außenwelt zu überfordern; in der deutschen Politik gilt solche Ahnungslosigkeit, solch trauriger Weltverlust immer noch als Volksnähe und Bodenständigkeit.

Annegret Kramp-Karrenbauer wird voraussichtlich schon in wenigen Jahren Parteivorsitzende einer CDU, die ohne große Schmerzen mit der AfD koalieren kann. Es steht zu vermuten, dass Merkel sie auch aus diesem Grund gefördert hat: Weit nach rechts offen, ohne den Dominanzanspruch der bürgerlichen Mittelschicht gänzlich völkischen Forderungen preiszugeben, nimmt AKK die Nazis mit, ohne ihnen Recht zu geben. So schließt Merkel die rechte Flanke, ohne die Mitte zu hintergehen, und sichert auch noch ihr politisches Erbe. Und verschreibt dem Land mindestens zwanzig weitere Jahre geistig-kulturellen Stillstand.

Leo Fischer war bis 2013 Chefredakteur des führenden Nachrichtenmagazins »Titanic«. Er ist Mitglied des Bundesvorstands der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI) ohne besonderen Geschäftsbereich. Fürs »neue deutschland« schreibt er alle 14 Tage die Kolumne »Das kann weg«.

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