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Vorwärts und nicht vergessen

Ihre Feuertaufe als Regisseurin im Opernhaus hatte Henriette Hörnigk schon mit Elfriede Jelinecks »Wut«. Es war ein Wurf in der Raumbühne »Heterotopia«. Jetzt ist die Chefdramaturgin des Schauspiels in Halle wieder dort zu Gast - mit der »Dreigroschenoper« auf der »normalen« Bühne. Was dort vor sich hinrotiert, sieht ein wenig nach »Aleksandar Denić baut für Frank Castorf« aus. Orte, Fassaden, Räume, in denen man herumklettern kann. Leuchtschrift.

Irgendwann fährt man eine Riesentrommel, eine Art Wassertank, herein, die man auch erklimmen kann. Und wenn Bettlerboss Jonathan Peachum wegen der Krönungsfeierlichkeiten den Polizeichef Tiger-Brown das Fürchten lehren und den ungeliebten Schwiegersohn Mackie Messer hängen sehen will, dann baumelt eine ganze Armee aus Bettlerdummies drohend vom Schnürboden. Zwischen denen flattert genau zur rechten Zeit der reitende Bote des Königs (Pardon: der fliegende Engel des Happy Ends) herum und verkündet, dass Mackie doch nicht gehängt wird.

Ausstatterin Claudia Charlotte Burchard hat für eine Opulenz gesorgt, die alles zusammenhält und aus der Nummernrevue ein Stück macht. Eines, bei dem die Bekanntheit der Songs Fluch und Segen sein kann. Eher Fluch, wenn man etwa den großen aufklärenden Verfremder Brecht heute noch einmal verfremden wollte, weil man den 90 Jahre alten Zuspitzungen nicht traut. Wenn also die pure Armut und die Grundtypen des Elends zur Sprache kommen, wenn die Moral und das Fressen und die »Verhältnisse«, die nicht so sind, ganz prinzipiell ins Visier geraten. Und wenn wir ein London auf der Bühne nachvollziehen sollen, bei dem Gangsterboss und Polizeichef eine GroKo bilden. In diesem Fall kann die Jacke des »armen bb« auch schnell mal so aussehen, als hätte man sie aus der Altkleidersammlung gefischt. Dabei gehört sie in die Gruppe jener abgewetzten, ein bisschen aus der Mode gekommenen, aber immer noch wie angegossen sitzenden Kleidungsstücke, die man einfach nicht wegschmeißen will.

Damit wären wir beim Segen, den Songs: also beim Haifisch und seinen Zähnen. Oder der Seeräuberjenny, aus deren Ballade Lars von Trier ein ganzes »Dogville« gemacht hat. Bei den Plänen, die beide nicht gehen. Und bei der Bank, die zu gründen schlimmer sei, als sie auszurauben.

Das Fazit nach der in Halle bejubelten Premiere: Man darf Weill und Brecht und ihrem nachhaltigsten Hit getrost trauen. Der Komponist steht hier bewusst an erster Stelle, denn das Ganze muss vor allem musikalisch stimmen. So wie hier mit Michael Wendeberg und den Musikern der Staatskapelle Halle, die Mackies Kumpane zu Beginn in den hochgefahrenen Graben scheuchen, die aber dann sehr fein auf die Bühne abgestimmt und mit Verve loslegen. Und wenn Hörnigk schon mal ihren Chef Matthias Brenner für den Peachum im Team hat, dann darf der natürlich die Popularität des Stückes testen: Nach der Pause dirigiert er den Saal zu einer gemeinsamen »Und der Haifisch«-Verfremdung als anheimelnde Behaglichkeit des Grauens. Warum nicht.

Hörnigk findet alsbald zu einem Tempo, das zieht. Als Dramaturgin hat sie aber auch kleine Schmankerl in den Text geschmuggelt. Wie Mackies Direktive »Vorwärts immer, rückwärts nimmer« - das »Vorwärts« im Tonfall des bekannten Kampflieds. Vor allem aber kitzelt Hörnigk aus ihren Akteuren die Vollblutschauspieler heraus. Mit besonderem Erfolg bei Martin Reik als einem Mackie, der einfach begnadigt werden muss. Ein Freund der Frauen - zwei hat er aktuell geheiratet, seinen Termin im Bordell lässt er aber selbst dann nicht ausfallen, wenn die Leute seines alten Kumpels Tiger-Brown hinter ihm her sind.

Grandios ist Elke Richter als Frau Peachum. Punktgenau gesungen, schlangenlinienförmig geslapstickt! Annemarie Brüntjen als Polly läuft zur Hochform auf, wenn sie mit ihrer Konkurrentin Lucy (Ines Lex) aneinandergerät, als beide Mackie in der Zelle besuchen. Die eine auf halber Strecke von der Schauspielerin zur Sängerin, die andere von der (echten) Opernsängerin zur Schauspielerin. Herrlich, wie da die Fetzen (und die Beine) fliegen! Alle sind so im Brecht-Weill-Modus, dass es eine Freude ist.

Nächste Vorstellung am 2. März

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