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Nah am Tabubruch

Das 1:2 gegen Köln offenbart bei RB Leipzig die Differenzen zwischen Trainer, Team und Klub

  • Von Martin Henkel, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Forderung war deutlich. Noch immer war der B-Block voll im Leipziger Stadion voll - und das bei minus sieben Grad und einem 1:2 gegen den 1. FC Köln, das schwer zu verstehen war. Im B-Block stehen Altvordere, Ultra-Affine und Fankulturschaffende. »Wir woll’n euch kämpfen seh’n!«, sangen sie am Sonntagabend nach Spielende, als der Kader mit Sicherheitsabstand müde klatschend an ihnen vorbeizog.

Viele aus diesem Block können sich nicht mehr daran erinnern, wann sie diese Parole zum letzten Mal angestimmt haben. Nicht jedenfalls, so lange Ralph Hasenhüttl Trainer des Vizemeisters ist. Es war also interessant zu erfahren, was der Österreicher davon hielt, der im Sommer 2016 bei RasenBallsport seinen Job antrat. Er sagte: »Spieler, die auf dem Zahnfleisch gehen, haben in der Regel keine Kraft mehr fürs Kämpfen. Es wäre wichtiger gewesen, spielerische Lösungen zu suchen.« So ist er, der Österreicher: Er kann für ihn unsinnige Überlegungen von sich weisen, ohne jemanden zu brüskieren. Trotzdem stand die Frage nach einer anderen Herangehensweise im Raum - und die wird der Trainer so schnell nicht los.

Die erste Halbzeit war ein Lehrstück dafür, wozu der Kader des Vorjahresaufsteigers fähig ist. »Besser kann man das nicht spielen«, urteilte Hasenhüttl, der seine Konterspieler Timo Werner und Yussuf Poulsen auf die Bank gesetzt hatte. Dafür stellte er den spielstarken Kevin Kampl auf die Sechs und ließ im Mittelfeld vier Kreative ran: Bruma, Marcel Sabitzer, Ademola Lookman und Emil Forsberg. Er habe diese offensive Variante bewusst gewählt, sagte er später. »Wir wollten Köln beherrschen.«

Anfangs ging es sich exzellent aus. Jean-Kevin Augustin traf früh zum 1:0 (3.). Danach beherrschte RB den Tabellenletzten tatsächlich nach Belieben. Eine Handvoll Großchancen ergaben sich, Leipzig brachte aber keine davon unter. »Wer seinen Gegner so am Leben lässt«, sagte Kampl später, »der macht ihn wieder stark.« Mit Beginn der 2. Halbzeit kippte das Spiel. Köln presste höher, ackerte, kämpfte, wollte das Tor - und bekam zwei. Das erste durch Koziello (70.), das zweite durch Bittencourt (77.). Selten hat man RB Leipzig so hilflos gesehen. Und selten Hasenhüttl so wenig gewillt, das 1:0 über die Bühne zu bringen. Anstatt mit Diego Demme und Stefan Ilsanker zwei defensiv orientierte Spieler zu bringen, schickte er Poulsen und Werner aufs Feld. Hasenhüttl wollte Spielkontrolle und das 2:0. Eine Minute nach Werners Einwechslung fiel das 1:1.

Pech gehabt, oder Spiel vercoacht? Vermutlich hat beides zum Verlust der drei so wichtigen Punkten geführt. Bitter, denn die Sachsen wollen unbedingt unter die ersten Vier der Tabelle. Jetzt sind sie Sechster und das bei Partien in den kommenden Wochen, die nichts Gutes verheißen: Erst kommt Borussia Dortmund, dann geht es zum Zweiten der Heimspieltabelle nach Stuttgart, danach kommt der FC Bayern und dazwischen duelliert sich RB in der Europa League mit Zenit St. Petersburg.

Hasenhüttl hätte also hinreichenden Grund gehabt, mal mit der Alpenfaust auf den Tisch zu hauen. Ist aber nicht sein Ding. »Ich bin nicht hier, um meinen Emotionen freien Lauf zu lassen«, sagte er, »sondern um den Kader weiterzuentwickeln.«

Das allerdings ist die Gretchenfrage am Cottaweg. Was hat der Trainer vor? Die ganze Saison über schon zeichnet sich ab, dass der Coach vom alten Pressingfussball wegwill. Weil viele Gegner für diese Art Fußball zu tief stehen. Aber auch, weil er sich vielleicht selber zu einem Topteam-Trainer entwickeln will, der Dominanz und Spielkontrolle kann? Um reif zu werden für größere Klubs?

Den Kader jedenfalls scheint das zu überfordern. Nur fünf Zu-Null-Spiele sind den Sachsen in dieser Spielzeit gelungen, vorige Saison waren es zehn. Und was Sportdirektor Ralf Rangnick von diesem Fußball hält, hat er vor der Winterpause erklärt, als er forderte, zum alten System zurückzukehren. Damals machte das Gerücht die Runde, Baumeister und Wunschtrainer würden nicht mehr in allen Fragen der Kaderentwicklung dieselben Ziele verfolgen. Beide widersprachen. Doch dass Hasenhüttl weiter zögert, seinen 2019 auslaufenden Vertrag zu verlängern, wirft die Frage auf, ob es nicht bald zum Tabubruch kommt: nämlich der Trainerfrage. Rangnick jedenfalls ließ zuletzt durchblicken, dass er nicht gewillt ist, mit einem Chefcoach in die neue Saison zu gehen, dessen Arbeitspapier nur noch ein Jahr Gültigkeit besitzt.

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