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Drei von drei Goethepunkten

Manfred Maurenbrechers großartige neue CD »Flüchtig« macht uns bewusst, dass wir alle immer und überall zu Gast sind

Gibt es da draußen noch jemanden, der Manfred Maurenbrecher nicht kennt? Man müsste diese Person für einen glücklichen Menschen halten, weil sie noch so viel zu entdecken hat, ein Universum an Liedern und Programmen dieses Mannes, der seit bald 40 Jahren die Bühnen des Landes bespielt. Ich frage nur, weil Manfred Maurenbrecher hartnäckig, ja geradezu schon gewohnheitsmäßig als »Geheimtipp« deklariert wird. Da müsste es doch jemanden geben, für den Herr Maurenbrecher und seine Kunst noch unbekannt sind. Ich kenne keinen.

Mir sind auch die langweiligen brutalkapitalistischen Maßstäbe gleichgültig, die Erfolg mit finanziellem Umsatz gleichsetzen. So weit ich weiß, kann Manfred durch seine Kunst ein soweit sorgenfreies Leben führen, alles darüber Hinausgehende darf doch gleichgültig sein. Ein Banker bemisst den Erfolg seines geschlossenen Immobilienfonds keineswegs an dessen Anerkennung bei Kritikern und Pu-blikum. Und so sollte auch der Erfolg eines Künstlers bitte ausschließlich an künstlerischen Kriterien gemessen werden. Ein Herr namens Goethe hat dazu ein paar brauchbare Vorschläge gemacht: »Was hat sich der Autor vorgesetzt? Ist dieser Vorsatz vernünftig und verständig? Und inwiefern ist es gelungen, ihn auszuführen?«

Nun, ich kann nicht anders, als Maurenbrecher für seine CD »Flüchtig« drei von drei Goethepunkten zu geben. Ihm ist damit ein überaus seltener Erfolg gelungen: Mit seinem dritten Album in Folge gewann er zum dritten Mal den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Man kann ihm dazu nur gratulieren.

Alle reden über Flüchtlinge, aber die komplexe künstlerische Aufarbeitung des Themas steckt noch in ihren Anfängen. »Flüchtig« wäre ein guter Anfang. Man muss sich die CD als einen Roman zum Hören vorstellen, viel komplexer, aber mindestens so unterhaltsam. Und während wenige einen Roman mehrmals lesen, sollte man sich diese Freude bei »Flüchtig« nicht versagen. Denn es lohnt sich nicht nur, immer tiefer durch die Ebenen der Texte und ihrer Verbindungen miteinander zu steigen, auch musikalisch ist die Platte ein reines Vergnügen. Denn die Einflüsse kubanischer und osteuropäischer Musik, die Bläsersätze und Soulstimmen machen dieses Werk genauso aus wie die eher sehr geradeaus vertonten Songs.

Gemeinsam ist Maurenbrechers Songs aber die Textfülle, er schert sich nicht um Strophe, Refrain, Strophe. Ehrlicherweise müsste man sagen, dass es sich um essayistische Lyrik handelt, die hier vertont ist. Aber trotzdem ist es eine wunderbar hörbare, musikalisch ansprechende Platte geworden. »Flüchtig« ist für Maurenbrecher ein Konzept, das unsere Welt und unser Leben ausmacht. Wir werden in dieses Leben geworfen, ohne dass wir etwas dafür getan hätten oder etwas dagegen unternehmen können. Für eine kurze Zeit sind wir hier, sind wir an jedem Ort, und kein Gott kann verhindern, dass wir eines Tages alle heimgehen werden. Wir können uns nur treu bleiben, wenn wir zu Veränderung bereit sind. Und wenn uns bewusst wird, dass wir alle immer und überall zu Gast sind, mit welchem Recht dürfen wir dann anderen das Gastrecht versagen? Die alten Parolen wirken auf den linken Kämpfer der alten Schule vielleicht befremdlich. Aber was mit diesen Parolen gemeint war, scheint immer noch weit sinnvoller als die neuen Parolen derer, die sich nun - die globalen Investitionen sicher in der Tasche - national besinnen wollen.

Gibt es da draußen noch jemanden, der Manfred Maurenbrecher nicht kennt? Diese Person sollte sich beeilen, diesem Umstand schleunigst abzuhelfen. »Flüchtig« wäre der ideale Ausgangspunkt.

Jakob Hein ist Arzt und Schriftsteller. Maurenbrecher ist Gründungsmitglied der seit 1995 existierenden »Reformbühne Heim & Welt«, der unser Autor seit 1998 angehört.

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