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Olympiahelden im Alltag

Gegen den Titelverteidiger München wollten die Silbermedaillengewinner der Eisbären Berlin unbedingt aufs Eis. Es gelang ein 3:2-Sieg

  • Von Jürgen Holz
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war eine gewaltige Stimmung in der mit 14 200 Zuschauern ausverkauften Halle. Als Verteidiger Frank Hördler und Jonas Müller sowie Stürmer Marcel Noebels, die drei Olympiahelden der Berliner, aufs Eis liefen, tobten unter dem silbernen Konfettiregen die Fans, während auf dem Videowürfel die historischen Momente von Pyeongchang zu sehen waren. »Das ist hier unglaublich, so unglaublich und wahnsinnig wie unsere Silbermedaille«, schwärmte der 22-jährige Jung-Nationalspieler Jonas Müller. Der Torschütze zum 3:2 im Finale gegen Rekordweltmeister Russland (drei Minuten vor Schluss) gestand, ihm komme das alles »wie ein Traum« vor, schließlich habe er noch vor wenigen Jahren in der Eishockey-Oberliga bei FASS (Freier Akademischer Sportklub Siegmundshof) gespielt.

Eisbären-Cheftrainer Uwe Krupp, sonst eher zurückhaltend, applaudierte dem Silberteam: »Ich muss den Hut ziehen. Die Jungs haben Geschichte geschrieben.« Er könne zwar nicht in die Glaskugel sehen, meinte der 52-Jährige, »doch auf jeden Fall ist das deutsche Eishockey im Gespräch, und diesen Schwung müssen wir nutzen.« Natürlich könne man jetzt nicht davon ausgehen, dass bei den nächsten Höhepunkten die Nationalmannschaft automatisch um eine Medaille mitspiele, richtete Krupp schon den Blick auf die WM im Mai in Dänemark.

Die Rückkehr der Olympiahelden in den DEL-Alltag nur drei Tage nach Olympia war nicht unproblematisch. Krupp hatte es seinen drei »Silberlingen« selbst überlassen, ob sie zum Duell der Erzrivalen (DEL-Rekordmeister kontra aktueller Meister) auflaufen. Aus München war gleich nach Olympia signalisiert worden, dass die sieben Nationalspieler zwei Tage frei bekommen und erst zum Hauptrundenausklang am Sonntag im Heimspiel gegen Iserlohn wieder auf dem Eis stehen. Angesichts der uneinholbaren Führung der Münchner eine verständliche Entscheidung.

In anderen Teams konnte und wollte man auf die Auswahlspieler nicht verzichten, weil es für einige im Vorfeld der Viertelfinal-Playoffs um viel ging. »Wir drei hatten unter uns abgesprochen, dass wir am Mittwoch dabei sind. Wir wollten der Mannschaft helfen, schließlich geht es noch um den möglichen zweiten Platz«, schilderte Eisbären-Verteidiger Jonas Müller die Rückkehr und klagte auch nicht über die Enge des Terminplanes. »Vor Olympia konnte man doch davon ausgehen, dass wir zum Finale zu Hause auf der Coach sitzen. Nun liegt der Fokus wieder zu 100 Prozent auf der Liga.«

Die Berliner, die in dieser Saison gegen den Titelfavoriten Nummer 1 um den einstigen Eisbären-Erfolgstrainer Don Jackson zweimal auswärts verloren (2:4 und 1:4) und einmal zu Hause gewonnen (5:4 nach Penaltyschießen) hatten, setzten sich am Mittwoch im vierten Prestigeduell verdient mit 3:2 (1:0, 2:1, 0:1) durch. Nach fast vier Wochen Pause merkte man beiden Mannschaften an, dass der Spielrhythmus zuletzt fehlte. »Wir haben ein gutes erstes Drittel gespielt, waren viel an der Scheibe und haben die Räume genutzt. Wir hätten das 1:0 auch ausbauen können. Im zweiten Drittel hat München gezeigt, wie viel Qualität in dem Team auch ohne ihre Nationalspieler steckt. Am Ende war es wichtig, dass wir drei Punkte geholt haben«, so Krupp.

Mit diesem Sieg bleiben die Eisbären zwei Spiele vor Hauptrundenschluss hinter München (103 Punkte) und Nürnberg (97) Tabellendritter (95). Und vermutlich wird sich daran in den beiden letzten Begegnungen (Freitag in Düsseldorf, Sonntag zu Hause gegen Bremerhaven) nichts ändern. Bliebe es tatsächlich so, wäre der Eisbären-Gegner zum Auftakt der Viertelfinal-Playoffs (Modus »best of seven«) am 13. oder 14. März der noch nicht feststehende Tabellensechste. Dafür kommt momentan eine Handvoll Teams infrage.

Die Frage aller Fragen aber lautet: Ist München auf dem Weg zum Titelhattrick zu stoppen? Die Berliner würden nach fünf titellosen Jahren den Meisterpokal gern mal wieder nach Berlin entführen. Sie hatten die Olympiapause für eine Trainingswoche unter kalifornischer Sonne genutzt. Im Toyota Sport Center in El Segundo, das dem Eisbärenpartner Los Angeles Kings gehört, verlor das Team mit dezimiertem Kader ein Testspiel gegen Ontario Reign aus der American Hockey League mit 3:6. Der Test bei Mountfield Hradec Kralove, Tabellenzweiter der tschechischen Extraliga, wurde mit 3:1 gewonnen.

»Die Trainingseinheiten waren in der ganzen Zeit wirklich gut«, lobte Krupp seine Männer und meinte mit Blick auf den Fortgang der Meisterschaft: »Sportlich bin ich ganz zufrieden, aber so richtig da, wo wir hinwollen, sind wir ja noch nicht«, womit er auf das Finale anspielte. Zwar heißt das Minimalziel des vorjährigen Halbfinalisten Endspielteilnahme, aber der Coach, der die Eisbären seit 2014 betreut, macht keinen Hehl daraus: »Wenn du es bis ins Finale geschafft hast, dann ist der Titel natürlich das Ziel.«

Die Euphorie und der Schwung nach Olympia könnten dabei helfen - aber darauf setzt auch die Gegnerschaft. Die Eisbären haben sich allerdings über Nacht noch mit dem 22-jährigen lettischen Nationalspieler Rihards Bukarts von Dinamo Riga verstärkt, der in den Playoffs zum Einsatz kommt. Viel Spannung also bis zum Saisonfinale spätestens am 28. April. Übrigens: Davorerlebt der Berliner Wellblechpalast am 21. April noch einen großen Auftritt der Olympiahelden beim WM-Testspiel gegen Frankreich.

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