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Am Anfang steht Vertrauen

Wilhelm Nadolny und Sascha Sträßer unterstützen Obdachlose in der S-Bahn

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ihre Klienten treffen Sascha Sträßer und Wilhelm Nadolny oft morgens zwischen fünf und sieben Uhr: Bevor die ihren Schlafplatz verlassen, um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen. Der Schlafplatz, das ist oft eine Ecke in einem Bahnhof, unter einer Brücke oder ein Fleckchen im Freien an der S-Bahntrasse. Die Arbeit, das ist der Verkauf von Straßenzeitungen oder das Sammeln von Pfandflaschen.

Wie für ihre Klienten, so ist auch für Sträßer und Nadolny der Arbeitsplatz im weitesten Sinne die S-Bahn: Sie sind mobile Einzelfallhelfer bei der Berliner Stadtmission. Die kooperiert seit mehr als einem Jahr mit dem Verkehrsunternehmen, um es angesichts der zunehmenden Zahl von obdachlosen Menschen in den S-Bahn-Wagen und an -Bahnhöfen zu unterstützen. Seit Januar 2017 sind Nadolny und Sträßer für das Projekt tätig, zunächst vorbereitend, seit dem Frühjahr dann im mobilen Einsatz: Sie nehmen Kontakt zu Obdachlosen auf, werben um Vertrauen und bieten ihnen Hilfe an, um von der Straße wegzukommen. Im Dezember 2017 hat die S-Bahn das Projekt um ein weiteres Jahr verlängert.

»Wir kümmern uns um die Schwerstfälle«, sagt Sascha Sträßer. Um Menschen, die seit zehn, 20, vielleicht 30 Jahren auf der Straße leben. Viele von ihnen sind alkoholabhängig. Viele, die in den S-Bahnen unterwegs sind, sind außerdem heroinabhängig. Einige haben zudem psychische Probleme.

Sträßer ist Quereinsteiger in den Beruf. Nach der Schule hat er eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker gemacht, anschließend war er mehrere Jahre bei der Bundeswehr, hat dann Verfahrens- und Umwelttechnik studiert. Zur Stadtmission geriet er über Umwege. Nadolny ist studierter Sozialarbeiter. Beim Umgang mit der Klientel der mobilen Einsatzhelfer habe ihm das Studium wenig genützt, sagt Nadolny. Da haben ihm eher die Erfahrungen geholfen, die er während seiner Arbeit in der Wohnungslosenhilfe und in der Bahnhofsmission gemacht habe. »Zur Obdachlosigkeit gehört körperliche Verwahrlosung oft mit dazu«, sagt er. Was nicht bedeute, dass er sich an das Elend, das ihm täglich begegne, gewöhnt habe. »Ich gewöhne mich nicht daran, dass jemand vor mir sitzt, dessen Bein fast abfällt.« Straßensozialarbeit sei »eine Berufung, kein Job«, sagt sein Kollege Sträßer. Am Anfang habe es ihn häufig Überwindung gekostet, die Menschen einfach anzusprechen. »Aber mittlerweile habe ich den Mut gelernt, auf Menschen zuzugehen.«

Einen typischen Arbeitstag können die beiden nicht beschreiben. Das klassische »9 to 5«, also eine Arbeitszeit von neun Uhr morgens bis 17 Uhr, gibt es bei ihnen nicht. Sträßer startet häufig gegen sechs Uhr morgens in den Tag. Wenn er keinen Termin hat, fährt er nacheinander zu den Schlafplätzen seiner Klienten. Viele haben nur am frühen Morgen Zeit für ihn. Anschließend ziehen sie los, um Geld für ein bisschen Essen, für Getränke und zum Stillen ihrer Drogensucht zu beschaffen. »Heroinabhängigkeit ist ein Vollzeitjob«, sagt Sträßer. Weil die Droge teuer ist, müssen die Abhängigen viel Geld reinholen. Viele halten daher gerne am Alexanderplatz ihre Hand auf - dort haben sie sogenannte Stammkunden, die ihnen jeden Tag etwas Kleingeld in den Kaffeebecher werfen. Neben Menschen auf dem Weg zur Arbeit sind hier außerdem viele Touristen unterwegs.

Etwa zehn Obdachlose zählt Sträßer zu seinen »festen Klienten«, also solche, die er regelmäßig aufsucht, um mit ihnen einen Kaffee zu trinken und ein Schwätzchen zu halten. Darüber hinaus versucht er mit vielleicht zehn weiteren, losen Kontakt zu halten. Neuen Klienten stellt er sich in der Regel als Streetworker oder Straßensozialarbeiter vor, fragt, wie es ihnen geht, und gibt ihnen seine Visitenkarte mit dem Hinweis, dass sie jederzeit anrufen und eine Nachricht hinterlassen können. Das habe bisher zwar niemand gemacht. Aber es gehe um die Geste. Außerdem bleibe er dadurch bei den meisten besser in Erinnerung. Beim nächsten Wiedersehen könne er dann leichter auf das letzte Treffen verweisen, sagt Sträßer. Vertrauen zu den Männern aufzubauen -, Sträßer schätzt, dass unter den Obdachlosen etwa 80 Prozent Männer sind - dauere drei Monate bis 15 Jahre. Das gehe nur in kleinen Schritten und immer nur als Angebot. »Ich tingle durch Berlin und reiche Menschen meine Hand«, fasst Sträßer seinen Alltag zusammen. Abgewiesen habe ihn bisher kaum jemand. Mittlerweile habe er aber auch ein Gespür dafür, wen er wann anspreche.

Ziel der Straßensozialarbeiter ist es, die Menschen von der Straße zu holen und sie zunächst ins städtische Hilfesystem zu integrieren. Erster Schritt sei meist, einen Personalausweis für sie zu beantragen. Denn nur mit dem können sie Sozialhilfe beantragen - Schritt zwei der sozialarbeiterischen Unterstützung.

Oft kommen sie aber gar nicht so weit. »Die Bedürfnisse der Menschen sind ganz individuell«, sagt Nadolny. »Manchmal ist es auch ein Erfolg, nur jemandem eine Dusche und saubere Kleidung ermöglicht zu haben.«

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