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Berliner Balkan

Zeitgenössische bulgarische Literatur ist kaum auf Deutsch zu finden - der eta-Verlag ändert das nun

  • Von Samuela Nickel
  • Lesedauer: 3 Min.

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Das Balkanische, das Bulgarische lässt sich schwer in der Kulturlandschaft Berlins finden. Georgi Gos-podinov, Ilja Trojanow, Elias Canetti: Erstklassige Literatur aus Bulgarien oder der bulgarischen Diaspora spielen im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle. Von der hochintellektuellen und politischen zeitgenössischen Literatur des Landes am Schwarzen Meer, das gerade die EU-Ratspräsidentschaft innehat, wissen die wenigsten Berliner etwas.

Einige haben sich daran gemacht, dies zu ändern. Zu ihnen gehören Thomas Frahm und Rumen Milkow. Am Donnerstag stellte Frahm sein neues Buch »Bote aus Bulgarien« und Milkow die Neuauflage der Satire »Bai Ganiu« von Aleko Konstantinow im »Pro Kiez Bötzowviertel« vor. An diesem Abend liefern Frahm und Milkow leider jedoch lediglich Außenansichten auf ein »kurioses Balkanland«, anstatt die Realität eines postsowjetischen, neoliberalen Landes zu zeigen, dessen Naturschutzgebiete verhökert werden, in dem Firmen aus dem EU-Ausland die Umwelt verseuchen und in dem Textilgiganten wie H&M unter miserablen Arbeitsbedingungen ihre Kleidung nähen lassen.

Der Journalist und Übersetzer Frahm ist selbsterklärter Bote aus dem Balkanland. Die Hauptfigur seines neuen Romans, Georg aus dem Ruhrpott, trifft bei seinem Studium auf Georgi. Sie beschließen, zusammen ins Nachwendebulgarien zu fahren, wo Georg verbleibt, während Georgi nach Deutschland zurückkehrt. Von dort aus bauen sie ein Import-Export-Geschäft mit Pampers und Persil auf.

Der in Deutschland aufgewachsene Rumen Milkow, Herausgeber und Taxifahrer, stellte an diesem Abend die 1895 erschienene Charakterskizze von Aleko Konstantinow vor. Konstantinow thematisiert in seinem Buch die Geschichte Bulgariens nach dem Osmanischen Reich und die Befreiungskämpfe mit der Unterstützung Russlands. Im Zentrum der Geschichte steht der Rosenölhändler Bai Ganju, der alles andere als eine liebenswerte Person ist. Bai Ganju ist die Karikatur eines nationalistischen Patrioten und Abbild des verqueren Opportunismus, der nur auf seinen eigenen Teller schaut - gespickt mit einer Menge Fäkalhumor. »Jeder von uns kann sich selbst in dieser Figur wiederfinden«, behauptet Milkow und nennt moderne Bai Ganius wie Uli Hoeneß oder Gerhard Schröder.

Frahm und Milkow vergleichen ihre Reiseerfahrungen und »Bulgarienimpressionen« mit denen der beiden Protagonisten: Genau wie ihre literarischen Brüder scheinen sie beim Reisen jedoch nicht wirklich ihren Horizont erweitert zu haben. Sie erzählen von den Vorurteilen, die ihnen begegnet sind, entschärfen diese jedoch nicht, sondern lassen anhand von Hinterwäldleranekdoten und Alt-Herren-Witzen neue entstehen. Die Kebabcheta, gewürzte Hackfleischröllchen, müssen da auch schon mal für einen Penisvergleich herhalten.

Dieser eindimensionale Blick auf Bulgarien und auch auf dessen literarische Szene ändert sich jedoch derzeit. Und dies zusammen mit der literarischen Produktion im Land: weg von der beißend traurigen Erzählung eines Bai Ganius hin zu mehrdimensionalen Geschichten aus einem Land zwischen »kommunistischem« Atheismus und orthodoxem Christentum, Machismo-Patriarchat und anarchistischem Feminismus. Sowohl in Bulgarien, wo die Nachwendegeneration gegen den Ausverkauf des Pirin-Naturschutzgebiets und die korrupte Politik auf die Straße geht und sich unabhängige Literaturgruppen wie die »New Social Poetry« etablieren, als auch in Deutschland, denn diese Vorkommnisse wirken sich auf die Diaspora aus - ein großer Teil der jüngeren Generation Bulgariens ist emigriert. Die bekanntesten Namen sind Ilja Trojanow und Kapka Kassabowa; diese bieten Ein- und Ausblicke in die bulgarische Geschichte und auf eine mögliche europäische Zukunft. Vorreiter sind ebenfalls der Sofioter Verlag »Janet 45« von Bo-zhana Apostolova oder der eta-Verlag Berlin für zeitgenössische bulgarische Literatur. Petya Lund gründete den Verlag 2016 mit der Absicht, die andere Realität eines Landes zu zeigen, das für viele nur Reiseziel für Pauschalurlaube oder Projektionsfläche selbstverherrlichender Vorurteile ist. Die Veröffentlichungen des eta-Verlags (beispielsweise die Erzählungen Angel Igovs oder von Elena Alexieva) zeigen das Potenzial dieser jungen rebellischen Literaturszene, die noch von sich reden machen wird.

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