Werbung
  • Kultur
  • Nationalsozialismus in Österreich

Nacht über Wien

Manfred Flügge erzählt, was im März 1938 in Österreichs Hauptstadt geschah

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Als er in Sicherheit war, schrieb er alles auf. Erzählte, wie er am 13. März 1938, einem Sonntag, in Wien vier tschechische Kollegen begleitete, die sich ein Bild von der Lage machen wollten. Sie fuhren im Auto durch die Stadt, sie sahen sich um, und er merkte, dass die Kollegen die Gefahren, die dem Land drohten, nicht erkannten.

Robert Breuer, 1909 in Wien geboren, war Journalist, er hatte fürs »Neue Wiener Tagblatt« gearbeitet und 1935 auch einen Gedichtband veröffentlicht. Am späten Nachmittag führte er seine Gäste in sein Stammcafé. Der Ober begrüßte ihn leise mit den Worten. »Das sind ja schöne Dinge, die da vorgefallen sind.« Die liberalen Zeitungen erschienen nicht mehr, die Schriftleiter hatte man überall ausgetauscht, das maßgebliche Blatt war seit dem Vortag der so lange verbotene »Völkische Beobachter«. Das Café, in dem sich sonst Wiens Journalisten trafen, war nur schwach besetzt, und Robert Breuer begriff, dass es für ihn in Österreich keine Zukunft mehr gab.

Am Nachmittag des nächsten Tages kam Hitler nach Wien. Unterwegs, in St. Pölten, hatte ihm der Wiener Kardinal Innitzer am Telefon einen Willkommensgruß übermittelt und versprochen, dass bei seiner Ankunft die Kirchenglocken läuten würden. Noch am Abend gab es eine Rede und eine Parade, dann zog sich Hitler für eine Nacht in ein Nobelhotel zurück, dessen jüdischer Besitzer umgehend enteignet und 1942 in Theresienstadt ermordet wurde. Am 15. März flog er über München wieder nach Berlin. »Damit«, schreibt Manfred Flügge, »endete eine Schicksalswoche für Österreich und, wie sich bald zeigen sollte, für ganz Europa.«

Flügge hat diesen Tagen zwischen dem 11. und 15. März 1938, an denen Österreich dem Deutschen Reich einverleibt wurde, ein glänzend recherchiertes und eindringlich erzähltes Buch mit dem Titel »Stadt ohne Seele« gewidmet. Natürlich war es kein Anschluss, wie der Vorgang seitdem in schöner Verklärung genannt wird, sondern eine Annexion, auch wenn sie in Teilen der österreichischen Politik und der Bevölkerung auf Zustimmung, ja Begeisterung stieß. Der Boden war ja schon lange bereitet. Bereits im Herbst 1932 hatte es in Wien nach einer Goebbels-Rede einen brutalen Überfall auf jüdische Studenten gegeben. Im Juli 1933 wurde die NSDAP verboten, aber es dauerte nur Monate, bis Kanzler Dollfuß den Kampf gegen die Linken verstärkte. Prominentestes Opfer wurde Stefan Zweig, dessen Villa auf dem Salzburger Kapuzinerberg nach den Kämpfen zwischen Wiener Heimwehr und Sozialisten 1934 von Polizisten nach Waffen durchsucht wurde. Für den Schriftsteller war es das letzte Alarmsignal. Er verlegte seinen Wohnsitz endgültig nach London. »Es war der erste Schritt«, schrieb er in seiner Autobiografie, »der mich von meiner Heimat loslöste. Aber ich wußte, seit jenen Tagen in Wien, daß Österreich verloren war …«

Flügge beschreibt detailliert, was sich in jenen Jahren und Tagen ereignete. Erst, am 1. Mai 1934, eine neue Verfassung, die den »autoritären Ständestaat« installierte, das Parlament ausschaltete und Parteien verbot, kurz darauf wurde Dollfuß von einem Stoßtrupp der Nazis ermordet. Neuer Kanzler wurde Kurt Schuschnigg, der weiterhin diktatorisch regierte und den österreichischen Nazis im Sommer 1937 immer mehr Zugeständnisse machte. Im Februar 1938 zitierte ihn Hitler auf den Obersalzberg, um ihn kategorisch aufzufordern (»Ich habe einen geschichtlichen Auftrag«), alle Aktivitäten gegen Nationalsozialisten einzustellen und ihre maßgeblichen Vertreter ins Kabinett zu holen.

Schuschnigg, eingeschüchtert, kopflos, versuchte noch, das Diktat in mildes Licht zu tauchen, aber das Schicksal des Landes war besiegelt. Sein Haus wurde, allen Zusagen der Nazis zum Trotz, bereits in den Morgenstunden des 12. März von der SS umstellt. Für Wochen durfte nur das Dienstmädchen das Anwesen verlassen, später brachte man den Ex-Kanzler ins Hotel Metropol und sperrte ihn in eine winzige, fensterlose Dachkammer. Er wurde gedemütigt und misshandelt, im Oktober 1939 in die Gestapo-Zentrale Münchens verlegt, Ende 1941 mit Frau und Tochter ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, wo man ihn in einer speziellen Prominenten-Abteilung gefangen hielt. Anfang Februar 1945 kam die Familie ins KZ Flossenbürg, Mitte April nach Dachau und schließlich in ein Tiroler Berghotel. Nach sieben Jahren Haft ist Schuschnigg am 4. Mai von den Amerikanern befreit worden.

Flügge fasst all das, was damals geschah, in eine große, bestechende Erzählung, die von der anschaulichen, faktensatten Darstellung der Ereignisse und den vielen Schicksalen lebt, die hier geschildert werden. Er beginnt und endet mit Sigmund Freud, der am Nachmittag des 4. Juni 1938 mit dem Orient-Express Wien verließ, um nach langen, quälenden, unwürdigen Prozeduren über Paris ins Exil nach London zu reisen. Der Zweiundachtzigjährige hatte, sehr krank schon, in Sorge zudem um sein Lebenswerk und überzeugt, dass er sein Land nicht im Stich lassen dürfte, den Zeitpunkt verpasst, an dem eine bequeme Ausreise noch möglich war. Jetzt, nachdem gleich am 15. März fünf SA-Leute in seiner Wohnung erschienen waren und mit sechstausend Schilling als Beute verschwanden, konnten im aufreibenden Kampf um die nötigen Papiere nur noch andere helfen.

Viele, sehr viele hatten weniger Glück. Flügge erzählt, wie die vier betagten Freud-Schwestern, denen die französischen Behörden das Einreisevisum verweigerten, immer wieder beraubt und dann nach Theresienstadt gebracht wurden. Eine starb dort an Unterernährung, zwei wurden in ein anderes KZ verschleppt und ermordet. Die vierte kam in Treblinka um. Er erzählt auch, wie es namhaften österreichischen Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern erging, Robert Musil, Friedrich Torberg, Felix Salten oder Gina Kaus. Hermann Broch wurde verhaftet, weil er die in Moskau erscheinende Exilzeitschrift »Das Wort« las. Er kam wieder frei und verbrachte Wochen mit den Versuchen, ein englisches Visum zu erhalten. Franz und Alma Mahler-Werfel flohen nach Paris und mussten sich im September 1940, gemeinsam mit Heinrich und Golo Mann, über die Pyrenäen nach Spanien retten. Auch Alfred Polgar war gezwungen, über die Berge zu klettern, um nach Lissabon und von dort in die USA zu gelangen. Später, nach seiner Rückkehr, blieb er lieber in Zürich. Wien hat er fortan gemieden.

Robert Breuer, der Journalist, ist von der SS in Wien festgesetzt und verhört worden, kam frei, weil er beteuerte, nie politische Artikel geschrieben zu haben, wollte über Berlin nach Dänemark, wurde aber an der Einreise gehindert (»Wir brauchen keine siebzigtausend Juden aus Wien hier!«). Er probierte es erneut, fuhr diesmal mit dem Zug zur belgischen Grenze, wurde auch hier aufgehalten und kontrolliert, konnte aber am nächsten Tag nach London weiterfahren. Er hat dort all seine Erlebnisse festgehalten. Als sein Bericht fertig war, gab er das Manuskript Stefan Zweig. Der riet, es unbedingt aufzubewahren und nach fünfzig Jahren zu veröffentlichen. Das Buch, genannt »Nacht über Wien«, erschien tatsächlich 1988 im Wiener Löcker-Verlag.

Manfred Flügge: Stadt ohne Seele. Wien 1938. Aufbau-Verlag, 479 S., geb., 25 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Die Serie aus dem studentischem Kosmos.

Leben trotz Studium?!

Jetzt 14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt lesen und keine Folge verpassen.

Kostenlos bestellen!

Fußball-WM - Kolumne Abseits!