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Von der RossFRAU zum romantischen Candle-Light-Dinner

Wie der Frauenkampftag von Unternehmen instrumentalisiert wird

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 5 Min.

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Seien wir ehrlich: Der Internationale Frauentag ist in Deutschland kein großes Thema. Innerhalb der politischen Linken gibt es sicher einige, die am 8. März auf die Straße gehen und konkret für die bessere Bezahlung von Frauen oder etwas unkonkreter gegen das Patriarchat demonstrieren. Doch im Großen und Ganzen ist es ein Tag wie jeder andere: Die meisten Frauen gehen genau wie Männer zur Arbeit. Mädchen gehen wie Jungen in die Schule. Wenige wissen über die bedeutsame Geschichte dieses Tages oder warum sie nach dem Unterricht oder der Arbeit auch noch demonstrieren gehen sollten.

Dass der Frauentag in Deutschland nicht ein Event ist, dass die Massen bewegt, zeigt sich auch auf Twitter. Der Hashtag #Frauentag wird seit einigen Tagen von linken Bündnissen genutzt, um zu Demonstrationen aufzurufen und manche Feministinnen schreiben, wofür sie dieses Jahr kämpfen wollen oder auch wogegen. In die »Deutschland Trends« hat es das Thema bei Twitter aber bisher nicht geschafft. Eventuell wird das im Laufe des 8. März passieren – dann aber vermutlich nur, weil große Medienmacher und andere Unternehmen den Hashtag nutzen. Natürlich tun sie dies nicht nur, weil ihnen wirklich viel an der Verbesserung der Stellung der Frau in der Gesellschaft liegt. In erster Linie geht es ihnen darum, den »guten Ton« zu treffen und zu zeigen: Wir haben den Tag auf dem Schirm. Ein gutes Beispiel für dieses Kalkül ist auch die Maßnahme der Drogeriemarktkette Rossmann, die schon vor einigen Tagen bekannt gab, sich anlässlich des Frauentages 2018 in »Rossfrau« umzubenennen. Konkret wird aber nur der Name der größten Filiale in Europa, die sich in Hannover findet, verändert.

Zum Weltfrauentag wird Rossmann zu Rossfrau

Unternehmen geht es um Profit, nicht um Frauen

Rossmann hat seine Umbenennungsaktion mit einer geschickten Werbekampagne verbunden, die unter dem Motto #lasstDieFrauRaus auf maximalen Profit setzt. In einem Video zur Kampagne werden alle nur denkbaren Frauenbilder von der Drogeriekette gezeigt. Mal ist es die »Naschkatze« mit Süßigkeiten, die natürlich bei Rossmann erhältlich sind. Mal ist es die »Powerfrau« mit einem 5er Inbusschlüssel, den man in jedem Baumarkt, aber eben auch bei Rossmann bekommt.

Auf der Homepage des Unternehmens werden die verschiedenen Frauenrollen, die im Video dargestellt werden, nochmals erläutert. Ganz vorne mit dabei: »Die Sportskanone«. Damit sich auch Frauen nicht schlecht fühlen müssen, die gerne rauchen, übergewichtig sind oder tatsächlich nicht auf Sport stehen, hat die Marketingabteilung die nette Formulierung gefunden »in jeder Frau steckt eine Sportskanone. Selbst ohne Sport – wie beim ausgedehnten Shoppingtrip« gefunden. Was Rossmann in der Form einer perfektionierten Kampagne auf dem Silbertablett serviert hat, lässt sich bei zahlreichen anderen Unternehmen beobachten. Der Schweizer Gastronomiebetrieb Bräner Beizer empfahl seinen KundInnen anlässlich des Frauentags etwa: »Ein Tag, an dem man(n) die Frau ehrt und einfach mal Danke sagt. Also jetzt gleich Tisch reservieren und deiner Frau eine Freude machen.«

Ehrliche KämpferInnen für Frauenrechte

Glücklicherweise offenbart die plakative Kampagne Rossmanns, dass es doch noch nicht ganz so schlecht um den Frauenkampftag in Deutschland bestellt ist. Denn unter dem, von der Rossmann-Marketing-Abteilung ausgedachten, Hashtag #lassDieFrauRaus hagelt es seit Tagen Kritik. Die Journalistin Sophie Passmann, die für Spiegel Daily und den WDR-Radiosender 1Live arbeitet, nahm die Kampagne sogar zum Anlass, ihren eigenen Nutzernamen selbstironisch in Sophie PassFrau zu ändern. Auch die Empfehlung des Gastronomiebetriebs Bräner Beizer erhielt auf Twitter nicht mehr als eine Handvoll Like-Herzchen.

Zudem gibt es sie dann eben doch noch: ehrliche Accounts, die anlässlich des Frauentags auf Twitter Missstände in Deutschland oder weltweit anprangern. Darunter gibt es Radikalere, die, wie die »Mädchenmannschaft«, zu Demonstrationen aufrufen. Sie fordert beispielsweise die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland und die Abschaffung des Paragrafen 219a, der es ÄrtzInnen verbietet, die Leistung von Schwangerschaftsabbrüchen auf ihrer Homepage anzubieten.

Neben Demo-Aufrufen von linken Bündnissen gibt es zudem zahlreiche Organisationen, die auf konkrete Missstände hinsichtlich der Stellung der Frau in der Gesellschaft aufmerksam machen. Der Freiwilligendienst kulturweit der deutschen Unesco-Kommission animiert beispielsweise dazu, mehr Biografien auf Wikipedia zu Frauen zu erstellen. Bisher seien laut kulturweit nur 17 Prozent aller Biografien auf dem Online-Lexikon Frauen gewidmet.

Ein anderes Beispiel ist die österreichische Gewerkschaft der Privatangestellten im Bereich Druck, Journalismus und Papier. Sie ruft Frauen dazu auf, den Gehaltscheck zu machen und vom Arbeitgeber den gleichen Lohn zu fordern, den Männer für eine vergleichbare Stelle erhalten. Natürlich wirbt die Gewerkschaft in dem Aufruf auch um neue Mitglieder, aber immerhin formuliert sie dies offen und deutlich, anders als die Werbekampagne von Rossmann, die geschickteste Schleichwerbung macht. Wenngleich Kulturorganisationen oder Gewerkschaften also eher mäßigere Forderungen vertreten, ist dies besser, als zu einem romantischen Candle-Light-Dinner am Frauentag aufrufen.

Genug gute Gründe zu demonstrieren

Tatsächlich gibt es Vieles in puncto Geschlechtergerechtigkeit, für das es sich noch zu kämpfen lohnt: Die Legalisierung von Abtreibung und die Abschaffung des Werbeverbots für Schwangerschaftsabbrüche; gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit; ein ausgeglichenes Verhältnis von Frauen im Verhältnis zu männlichen Mandatsträgern in den Parteien und damit letztlich auch im Bundestag; gendergerechte Sprache und Erziehung …

Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen. Vielleicht würden in Deutschland mehr Menschen für diese Forderungen auf die Straßen ziehen, wenn der 8. März ein Feiertag wäre. Dass dies keine Utopie ist, zeigen Kuba, Angola, Laos, Tadschikistan und 18 weitere Länder. Sicherlich gibt es auch in diesen Ländern noch vieles, wofür Frauen und Männer kämpfen müssen, um Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Aber immerhin haben sie schon mal einen Feiertag, der dazu einlädt, genau darüber nachzudenken und zu demonstrieren.

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