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Ein Stück Riot, bitte!

»Our Piece of Punk«: Queerfeministische Subkultur

  • Von Samuela Nickel
  • Lesedauer: 5 Min.

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Auf einem Punkkonzert wird Politik erlebbar: Man muss nicht Theodor W. Adorno oder Judith Butler gelesen haben, um die Botschaft der Texte und die Wut der Musik zu verstehen. Punk ist Straße, Punk ist für alle da. Oder sollte das zumindest sein.

»Our Piece of Punk« wirft nun einen kritischen Blick auf die Subkultur. Das Buch, herausgegeben von Barbara Lüdde und Judit Vetter, ist Momentaufnahme, Streitschrift und Liebeserklärung zugleich. Lüdde stammt aus Weimar, zeichnet Plattencover und war in der Screamoband MIO aktiv, Vetter kommt aus Zürich, spielt Bass bei Hyena Hysteria und arbeitet zwischendurch als Fahrradkurierin. Die DIY-Kultur, also der Gestus, alles möglichst selbst zu machen (»Do It Yourself«), ist beiden wichtig. Kennengelernt haben sich die beiden Designerinnen beim Studium an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die das Buch auch im Rahmen eines Gleichstellungsprojektes förderte.

Aufgemacht sind die 170 Seiten wie ein Zine: Persönliche Geschichten über die Verwirklichung von Musikkarrieren reihen sich an Klagen über Männerüberschuss und Sexismus in der Szene und Berichte über Musiklabels und Festivals. Der Titel »Our Piece of Punk - Ein queer_feministischer Blick auf den Kuchen« ist ein Wortspiel mit dem Züricher Begriff für »Szene« - nämlich Kuchen - welcher im Buch Stück um Stück nicht nur betrachtet, sondern auch aufgeteilt wird.

Seit Ende 2015 arbeiten Lüdde und Vetter zusammen an dem Projekt und haben mehr als 30 Menschen von der Bühne, aus dem Publikum und dem Moshpit, den Proberäumen, von der Tontechnik und hinter den Zeichentischen miteinbezogen. Der gemeinsame Nenner: Punk und DIY. Die Fragen, die sie sich vor allem stellen: Warum ist die Musik, 20 Jahre nach den Riot Grrrls, immer noch eine Männerdomäne? Wie ging es nach 1991 weiter? In ihrem Buch kommt die Generation nach den rebellischen Grrrls zu Wort und schildert ihre Ansicht der gegenwärtigen Lage.

»Am Ende meiner Teenagerzeit hatte ich das Gefühl, dass queer sein und Punk sein nicht überein ging«, erzählt Judit Vetter. Erst in ihren Zwanzigern entdeckt sie: »Es gibt ja queere Punks, und es ist ein Riesending!« Lüdde glaubt daran, dass Bücher wie dieses motivierend wirken und Hürden damit abgebaut werden können. Für die beiden ist es Herzensangelegenheit.

Durch den Band zieht sich als eine Art Basis, die das Buch erklärt, ein Gespräch in Form von sieben Strophen. Darin geht es um die Hervorhebung sogenannter female fronted bands, um extra deklarierte »Frauen*spielplätze« und die Problematisierung von exklusiven Räumen. »Es geht nicht um das nächste Regelwerk, sondern um einen Freiraum ohne für immer festgelegte Normen«, schreibt Manuela, Sängerin der Hardcoreband Finisterre in einem der Texte.

»Our Piece of Punk« liest sich wie ein zugekritzeltes Tagebuch - stets persönlich, aber oft bricht Politisches und Wissenschaftliches aus den Texten heraus, unmittelbar mit den Erfahrungen der Einzelnen verbunden. Der Blick auf den Kuchen bietet keine ultimative Antworten oder Lösungen für die gestellten Fragen an, sondern gibt in witzigen, traurigen und wütenden Texten und Illustrationen Gedanken und Anregungen über die Szene und ihre Probleme.

Die Künstlerin Döt Bat schreibt in »Cake and Cages« über ihre Erfahrungen als queere Person of Colour mit einem Faible für dreckige Gitarrenmusik. Die Entstehung der US-amerikanischen Afropunk-Bewegung beschreibt sie als erlösend: »Ein neuer Sinn für Community entstand dadurch, wo ich mich nicht länger zwischen meinem kulturellen Erbe und meiner Liebe für Punk entscheiden musste«. Die Künstlerin Izidora Lethe aka Crna Zora erzählt über ihre intersektionalen Erfahrungen: »Ich war immer zu Punk für die Dykes, zu Osten für den Westen und zu westlich für den Osten.« Stets im Konflikt zwischen »Straße und Bildung«, Femme und Butch, West und Ost, beschreibt sie die Isolation, die dadurch entsteht. »Mittlerweile habe ich aber verstanden, dass genau dieser Ort, der nicht genau lokalisiert werden kann, der Sweetspot ist«, schreibt sie und erzählt, wie sie und ihre Mitmenschen an der Peripherie, an die sie lange gedrängt wurden, ihre eigenen Räume, Sprachen und Narrative schufen und ihre Stimmen so hörbar machten.

»Ich glaube, man kann es nicht an einer Bewegung festmachen, weil es nicht so greifbar ist«, sagt Judit Vetter über das bereits große Interesse an dem Buch. »Aber es gibt halt eine Community. Und Feminismus eckt auch wieder an.« Vetter verweist darauf, dass Queerpunk jetzt erst sichtbarer geworden ist. »Es gibt ihn aber schon lange.«

Erschienen ist »Our Piece of Punk« im Ventil Verlag in einer Auflage von 2000 Exemplaren. Finanziert haben Vetter und Lüdde den schwarz-weißen Druck auf farbigen Seiten mit Hilfe eines Crowdfundings. Dadurch konnten sie sichern, dass das Buch zu einem vergleichsweise niedrigeren Preis verkauft werden kann. Alles andere hätte ihren Punk- und DIY-Idealen widersprochen. Teil des Formats sind selbstklebende Tattoos oder auch ein Mixtape mit Songs von Derbe Lebowsky, Afterlife Kids, Finisterre und Kenny Kenny Oh Oh als Dankeschön an die Crowdfunding-Unterstützer - »Ohren-Orgasmus« garantiert.

Das Buch bietet Vorbilder und Inspiration zum Nachmachen: Bands gründen, auf Tour gehen, losschrammeln und -zeichnen. »Ich habe geschrien! Ich hab geschrien - jawohl!!!«, ruft Barbara Lüdde in einer der sieben Strophen des Buchgesprächs aus, voller Stolz und Erleichterung. Das Buch ist Verknüpfungspunkt für alle, denen das Gefühl gegeben wird, nicht zugehörig zu sein. Für jene an der Peripherie, »wo du der einzige queere Punk in deinem Scheißkaff bist«.

Barbara Lüdde, Judit Vetter: Our Piece of Punk, Ventil Verlag, 160 S., br., 20€, Am 10. März stellen Barbara Lüdde und Judit Vetter ihr Buch »Our Piece of Punk« in der Hamburger »Roten Flora« mit Konzerten von Finisterre, Hyena Hysteria und Eat my Fear vor, zur Leipziger Buchmesse gibt es am 18. März im »Conne Island« eine Buchvorstellung »mit uns beiden, Kaffee und Kuchen und Punk aus der Dose«, sagt Lüdde, »und es wird live tätowiert.«

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