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Die ganze Lust und alles Leid

Getriebener Mensch und furioser Autor: Vor 100 Jahren starb Frank Wedekind

  • Von Klaus Bellin
  • Lesedauer: 5 Min.

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Manchmal, mitten im Ersten Weltkrieg, saß Frank Wedekind im Arbeitszimmer Heinrich Manns, dem einzigen Raum der Münchner Wohnung, der noch beheizt werden konnte. Sie hockten am Ofen, sie redeten und tranken Wein, und einmal entdeckte der Gast dabei das Bild, das neben ihm an der Wand hing, einen alten Kupferstich, Bildnis einer italienischen Prinzessin, »die Haare aufgestellt über der Stirn«, wodurch das Gesicht besonders streng und rein erschien. »Ist das nicht -?« fragte Wedekind. »Gewiß«, erwiderte Heinrich Mann. Es war Tilly, die Wedekind in dem Bild erkannt haben wollte, »die ganze Lust und alles Leid des Alternden«.

Da war es über zehn Jahre her, dass sie gemeinsam auf einer Wiener Bühne gestanden hatten, wo Karl Kraus die Premiere der Tragödie »Die Büchse der Pandora« vorbereitete. Tilly, gerade neunzehn geworden, spielte die Lulu, und er, Wedekind, ihren Mörder. Am 4. Juni 1905, einem Sonntag, schrieb er ihr einen Brief. Und fing gleich hochgestimmt an: »Verehrte große Künstlerin! Entzückendes Menschenkind!« Er rühmte ihr »kluges und zugleich so madonnenhaftes Spiel«, ohne das das Publikum sein »abscheuliches Stück« nicht so geduldig hingenommen hätte. Er nannte sich ihren »Bewundrer und Verehrer« und bat schließlich um ein Foto.

Mit dieser Schwärmerei begann sie, die lange und am Ende so kräftezehrende Geschichte des Paars, von der die über siebenhundert Dokumente ihrer Korrespondenz erzählen, die nun erstmals vollständig - ediert und eingehend kommentiert von Hartmut Vincon - bei Wallstein in einer zweibändigen Ausgabe vorliegen. Daneben startet der Verlag zum hundertsten Todestag Wedekinds eine neue Werkausgabe in fünfzehn Einzelbänden, angeboten in schöner und preiswerter Klappenbroschur. Den Anfang macht das Schauspiel »Der Marquis von Keith«, das Wedekind für sein »künstlerisch reifstes und geistig gehaltvollstes Stück« gehalten hat.

Die Briefe an Tilly, voller Liebesschwüre, Vorwürfe, Rechtfertigungen, beschreiben das Leben eines Getriebenen. Nie kam Frank Wedekind zur Ruhe. Frauen beherrschten sein Denken, und die Eroberungssucht, besessen und rücksichtslos ausgelebt, kannte kaum Grenzen. Er dokumentierte sie sogar, indem er die Partnerinnen, mit denen er im Bett war, in Listen erfasste und sein Intimleben im Tagebuch akkurat festhielt. An seiner Gier änderte sich auch nichts, als er 1906 die Schauspielerin Tilly Mewes heiratete.

Die Ehe wurde ein Drama, schwankend zwischen Leidenschaft und Frost. Er konnte weiterhin keinem Rock widerstehen. Gleichzeitig wachte er mit unglaublicher Eifersucht über seine Frau. Sie gab ihren Beruf auf und hatte nur für ihn da zu sein, durfte nur in seinen Stücken spielen, nirgendwo sonst. Er wachte tyrannisch über jeden ihrer Schritte, sodass sie ständig gezwungen war, sich zu verteidigen. Die Spannungen nahmen zu, je älter er wurde und je mehr er fürchten musste, seiner Frau, die zwanzig Jahre jünger war, nicht mehr zu genügen.

Die Briefe, die sie sich schickten, natürlich auch voller Informationen und Klatsch über Dramatiker, Schauspieler, Politiker oder Journalisten, wurden zum anhaltenden, hitzigen Krisengespräch. Tilly hielt trotz allem an der Ehe fest. Eine Scheidung hat sie zuletzt zwar erwogen, aber noch der letzte Brief, geschrieben am 15. Februar 1918, wählte die Anrede: »Geliebter Frank, Lieber« und endete mit der Grußformel: »Inzwischen umarmt u. küsst Dich innigst, Deine Tilly.« Wedekinds Tod am 9. März 1918 mit dreiundfünfzig Jahren beendete all die Schrecken und auch die Hörigkeit, und nun, befreit von den Qualen, kümmerte sich die Witwe selbstlos um das kaum bekannte Werk, das erst jetzt auf den Bühnen Triumphe feierte. Geheiratet hat sie nicht wieder. Ihrer Liebe zu Gottfried Benn, der das »Tillerchen« raffiniert hinhielt, blieb die Erfüllung versagt.

Thomas Mann hat Wedekind in seinem Nachruf als »ein dämonisch gequältes Kind« beschrieben. Er sei »fragwürdig bis zur Unmöglichkeit in seinem bürgerlichen Verhalten« gewesen, meinte er, »und dennoch rein, nobel, pathetisch, einfältig, im höchsten Sinn rührend«. Für Tilly war er »ein ungemütlicher Mensch«, dabei freilich ein einzigartiger Autor. Anatol Regnier, Sohn der Wedekind-Tochter Pamela, nannte sein Buch über den Großvater 2008 im Untertitel »Eine Männertragödie«. Das bezog sich vor allem auf die Zerrissenheit des Poeten und Dramatikers, seine Obsessionen. Schon früh, im Gymnasium, hat Wedekind seine Mitschüler mit frechen, auch zotigen Versen begeistert, die er zur Gitarre vortrug. Sie kreisten vornehmlich ums Geschlecht der Frau. Das Thema, das ihn nie losließ, war da schon gefunden.

Er war beides: ein ewig brennender, von seinen Gefühlen getriebener Mensch und ein furioser Schriftsteller. »Er erzeugte, in einem hin«, sagt Heinrich Mann, »Grausen und Gelächter.« Keiner war derart provokant wie er. Mit seinen Stücken über den Kampf der Geschlechter hat er immer wieder die Zensur auf den Plan gerufen. »Lulu« und »Frühlings Erwachen«, Wedekinds vehemente Attacken auf die verlogene Sexualmoral der Zeit, später große Erfolge, blieben deshalb zu Lebzeiten fast unbekannt.

Zum Begräbnis auf dem Münchner Waldfriedhof waren ganze Volksmengen erschienen. Die meisten wussten von Wedekind nur, dass er verboten war. Unter den vielen Prominenten auch der zwanzigjährige Brecht, einer seiner dankbarsten Bewunderer. In den »Augsburger Neuesten Nachrichten« hatte er gestanden: »Bevor ich nicht gesehen habe, wie man ihn begräbt, kann ich seinen Tod nicht fassen.«

Frank und Tilly Wedekind: Briefwechsel 1905 - 1918. Hg. von Hartmut Vincon, 2 Bde., 982 S., geb. im Schuber, 59 €.

Frank Wedekind: Der Marquis von Keith. Hg. von Ariane Martin, 152 S., Klappenbroschur, 16 €. Beide Titel erschienen im Wallstein-Verlag.

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