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Die Rache des Konditors

Leo Heller (1876 - 1941) war der treueste Chronist der Berliner Verbrecherwelt der 1920er Jahre

  • Von Bettina Müller, Berlin
  • Lesedauer: 4 Min.

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Berlin, 1924, Von-der-Heydt-Str. 4. Der Redakteur Leo Heller feilt an einem neuen Artikel. Das Telefon klingelt. Ein Mann stellt sich ihm als »der Präsident vom Vaein« vor und raunt ihm zu: »Wa ham jestan Ihren Artikel ieba de Taschendiebe jelesen und mechten jern ooch een Amd mit se beisamm sind.« Ein Treffpunkt wird ausgeheckt: Aschingers Konditorei am Alex, Erkennungszeichen des Anrufers: Blauer Hemdkragen, denn »rote Rosen sind’n bißken deia!« Heller wird sich mit »Frettchen« und dessen Kumpanen »Häkelhaken« treffen und die Unterhaltung in dem Feuilletonbeitrag »Die Rache des Konditors« literarisch umsetzen. Als Redakteur hat Heller unzählige solcher Artikel geschrieben und darin eine längst untergegangene Welt verewigt: Menschen am Rande der Gesellschaft, die in den gar nicht so goldenen 1920er Jahren in die Kriminalität abgerutscht waren. Leo Heller präsentierte seinen Lesern vielfältige Begegnungen, von ihrem Zuhause über die Kaschemme bis nach Moabit, aber auch eine ganz neue Perspektive: den Menschen hinter dem Verbrecher - wenn man sich darauf einließ. Nicht alle waren dazu bereit: »Er zeigt die Deklassierten, so wie sie sind, und überlässt es mit mildem Lächeln dem Zuschauer, das alles entweder ekelhaft zu finden oder zu bemitleiden.« (»Berliner Nachtausgabe«, 1929)

Heller kam 1901 auf Einladung von Ernst von Wolzogen, Gründer des literarischen Kabaretts »Überbrett’l«, nach Berlin. Jahre später schrieb er, ebenso wie Tucholsky, Texte für Trude Hesterbergs »Wilde Bühne«. Geboren 1876 in Wien als Sohn eines (jüdischen) Kaufmanns, zeigte sich bei ihm schon früh die Tendenz, sich mit den Benachteiligten der Gesellschaft zu umgeben. Wegen des Besuchs eines »verpönten Lokals« musste er die Schule wechseln. Auf Drängen des Vaters arbeitete er nach der Schulzeit in einer Bank, verließ den ungeliebten Beruf jedoch bald und wurde Redakteur des Prager »Deutschen Abendblatts«.

Heller sollte 31 Jahre lang in Berlin bleiben, zunächst als Lyriker und Bohemien, nach dem Ersten Weltkrieg als Feuilletonredakteur beim »8-Uhr-Abendblatt«. Dabei kam es zu zahlreichen Begegnungen mit Berliner Künstlern (z.B. Claire Waldoff, Heinrich Zille). 1906 heiratete Heller die geschiedene Putzmacherin Regina geborene Oppler geheiratet, die Inhaberin des exklusiven Modesalons »Regina Friedländer«. Während Regina die Reichen und Schönen mit Modekreationen versorgte, kümmerte sich ihr Mann um die Gestrandeten der Stadt und setzte ihnen literarisch ein Denkmal. Dabei entwickelten seine Recherchen zunehmend eine Eigendynamik mit Suchtcharakter, während seines Sommerurlaubs sehnte er sich »nach den wilden Kreuz- und Querzügen (…) in den Jagdgründen der Diebe, Einbrecher, Zuhälter und Räuber«.

Auch im Film fand das Thema »Verbrechen« schnell Anklang. Fachleute von der Polizei wurden für Drehbücher hinzugezogen, so bei dem Film »Falschspieler« mit Hans Albers und Anita Berber, dessen Drehbuch von Leo Heller auch »mit kriminaltechnischer Unterstützung« entstand. In der Presse kam es überdies zu dem Phänomen, dass »der Verbrecher« als synonym mit »verrucht« dargestellt wurde, was ihm eine ganz besondere Exotik verleihen sollte, die vor allem auf das weibliche Publikum zielte. Man gab ihm einen abenteuerlichen und erotischen Touch, trivialisierte ihn dadurch aber auch.

Die Spaßgesellschaft der »auf dem Vulkan Tanzenden« griff den Trend dankbar auf. Wer es sich leisten konnte, besuchte »Verbrecherbälle« oder ging in Theaterstücke, die von Verbrechern handelten. Heller traf mit seinen Reportagen den Nerv der Zeit. Seine Motivation war augenscheinlich ehrlich: eine Mischung aus Mitleid, gewollter Kunstform, aber auch die Neugierde des Journalisten. Wer sich von Hellers Reportagen nicht abschrecken ließ, die nicht voyeuristisch oder sensationslüstern sein wollten, dem boten sie zuweilen traurige, anrührende, aber auch heitere Geschichten, die man zunächst von einer Kriminalitätsberichterstattung nicht erwartet hätte. Der Mensch hinter der Fassade des Verbrechers kam zutage, der privat oft gar nicht so anders war als der »brave Bürger«.

Nach dem Tod seiner Ehefrau in Berlin im Jahr 1932 konnte Heller rechtzeitig die Stadt verlassen. 1935 setzten die Nationalsozialisten seinen Roman »Der Liebesrentner« (Lebensroman eines Berliner Zuhälters) auf die »Liste des verbotenen Schrifttums«. Er kehrte zunächst nach Teplitz-Schönau zurück, in die Heimatstadt seines Vaters, und zog dann endgültig nach Prag, wo »der größte Kenner und treueste Chronist der Berliner Verbrecherwelt« am 31. Januar 1941 verstarb. Noch im selben Jahr verließen die ersten Transporte die Stadt in Richtung Theresienstadt. In einem dieser Transporte fuhr Leo Hellers Schwester Ellen dem sicheren Tod entgegen.

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