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Ärger auf dem Acker

Ein Besuch in Blankenburg, in dessen Umgebung ein neues Stadtquartier geplant ist

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Dass gut hundert Meter von seinem kleinen Einfamilienhaus entfernt ein neuer Stadtteil entstehen soll, war Eberhard Makas, 63 Jahre, bekannt. Dass auf den östlich gelegenen ehemaligen Rieselfeldern 5000 bis 6000 Wohneinheiten samt Schulen, Kitas und Einkaufsmöglichkeiten geplant sind, erfuhr er im vergangenen Jahr auf einer Vereinsversammlung. Makas, der seit 1968 in der Erholungsanlage Blankenburg lebt, blieb entspannt, Alarmismus ist nicht seine Sache. Bis er am vergangenen Samstag die Auftaktveranstaltung des Beteiligungsverfahrens mit Stadtentwicklungs-Senatorin Katrin Lompscher (LINKE) erlebte.

»Ich bin total überfahren worden. Was da verkündet wurde, hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen«, sagt Makas. Denn die Planungsvarianten, die dort vorgestellt wurden, bedeuten, dass Makas und seine Frau über kurz oder lang ihr Haus verlieren werden, weil - für ihn unvermittelt - die doppelte Anzahl an Wohneinheiten entstehen könnte als bisher bekannt. »Dabei haben sie mir damals, als ich das Haus gebaut habe, auf die Schulter geklopft, weil ich Wohnraum geschaffen hatte«, erinnert sich Makas.

Das Projekt des sogenannten Blankenburger Südens ist ambitioniert. Berlins größtes Neubaugebiet soll hier entstehen. Mehrfamilienhäuser, Einfamilienhäuser, Gewerbe, Schulen und Kitas sind geplant. Drei Alternativen hat der Senat ausgearbeitet. Zwischen 9600 und 10 400 Wohneinheiten könnten bis 2035 gebaut werden, Kernstück des Areals ist eine rund 70 Hektar große landeseigene Fläche.

Bausenatorin Lompscher erklärte vor 700 Zuhörern auf der Auftaktveranstaltung zum städtebaulichen Konzept: »Es ist die Erkenntnis erwachsen, dass man die Stadt weiter bauen muss, mit allem was dazu gehört. Wir wollen das in einer Weise tun, dass das, was Berlin ausmacht, die Vielfalt, sich auch in den neuen Stadtquartieren zeigt. Dass wir eine Stadt bauen und nicht nur Wohngebiete oder Satellitensiedlungen.«

Sätze, die für Ines Landgraf, Vorsitzende der Erholungsanlage Blankenburg, wie Hohn klingen. Im Vorraum des Vereinsheims stapeln sich Transparente und Protestschilder. Landgraf steht in dem kleinen Vorstandraum vor einem Plan der Anlage, die, sagt sie, mit rund 1400 Parzellen die größte Deutschlands sei. Seit 1909 siedeln hier Menschen und es hat sich ein sehr vielfältiges Miteinander entwickelt. »Wir sind keine klassische Kleingartenanlage«, sagt Landgraf. »Wir haben Eigentum, Erbbaurecht und Pachtnutzer. Auf rund 400 Parzellen haben die Bewohner ganzjähriges Wohnrecht.« Die Vielfalt zeigt sich beim Gang durch die Anlage: Vom Bauwagen bis zum zweistöckigen Einfamilienhaus ist alles dabei.

»In den Erholungsanlagen wird die derzeitige Nutzung langfristig aufgegeben«, steht nun schwarz auf weiß in dem Senatspapier, das zur Auftaktveranstaltung ausgegeben wurde. Außerdem soll eine Straße und eine Tramlinie durch das Gebiet führen. Seit Samstag ist Landgraf damit beschäftigt, verunsicherten Bewohnern Mut zuzusprechen. »Ich hatte bereits drei weinende Rentner am Telefon, viele Menschen haben totale Angst.«

Auch Martin Runge von der AG Stadtentwicklung in Blankenburg ist empört von dem Vorgehen. Runge ist selbst Stadtplaner, doch was seine Kollegen hier vorlegen, irritiert ihn. »Das macht mich fassungslos, wie da geplant wird. Da wohnen seit Generationen Menschen, die werden nonchalant einfach mal überplant.« Am Dienstag vorige Woche wurde Runge in den Projektbeirat berufen. Auch da wurde noch mit den alten Zahlen von 5000 bis 6000 gehandelt, bestätigt Runge. »Das Vorgehen des Senats hat bei mir Misstrauen ausgelöst. Solch eine Informationspolitik stärkt nicht gerade die Vertrauensbasis.«

Daniel Becker von der Zukunftswerkstatt Heinersdorf war auch überrascht von den dargestellten Auswirkungen für die Erholungsanlage. Doch sieht er im Planungsverfahren bei allen Problemen auch Chancen. »Heinersdorf leidet schon jetzt besonders unter dem Verkehr. Die Planungen Blankenburger Süden können auch eine Chance sein, dass in der Hinsicht endlich was passiert«, sagt Becker. Wichtig sei in jedem Fall, »weiter miteinander zu reden«. Er fordert eine Art Gartenstadt mit viel Grün und »hoher städtebaulicher Qualität«.

Auch Irene, 80 Jahre, und Günter, 84 Jahre, Pallasky, seit 1962 Bewohner der Anlage Blankenburg, sehen durchaus die Notwendigkeit von Wohnungsneubau. Doch sie verstehen nicht, warum sie dafür weichen sollen. Günter Pallasky ist hier aufgewachsen, kennt die Gegend noch, als ein Rieselwärter die Zufahrt zu den Feldern kontrollierte. Sein Bruder und seine zwei Schwestern wohnen in der Anlage. »Wir haben gehofft, dass wir hier unsere Augen schließen dürfen«, sagt er, seine Frau nickt. »Wenn sie unser Haus abreißen, dann brauchen wir eine neue Wohnung in Berlin, damit ist doch nichts gewonnen. Wenn man hier allen Bewohnern, die geeignete Häuser haben, erlauben würde, darin zu wohnen, könnte man Wohnraum für Hunderte von Menschen schaffen, ohne einen Stein zu bewegen.«

»Missachtung von Leben« nennt Eberhard Makas, die Planungen. Er hat sein Grundstück im Zuge des Sachrechtsbereinigungsgesetzes in den 1990er Jahren gekauft. Wollte es an seine Kinder weitergeben. »Am meisten ärgert mich, dass die LINKE, die Partei, mit der ich sympathisiere, die ich gewählt habe, mir jetzt den Boden unter den Füßen wegzieht.«

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