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  • Sport
  • Wirkung der Paralympics auf Koreas

In einem Traum ist alles möglich

Die Paralympischen Winterspiele sind eröffnet. Bringen sie Besserungen für behinderte Menschen in beiden Koreas?

  • Von Ronny Blaschke, Pyeongchang
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Alles beginnt mit einem Traum«, sagte Andrew Parsons. »In einem Traum ist alles möglich«. Bei der Eröffnungsfeier der zwölften Winter-Paralympics folgte der Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees den überschwänglichen Reden der vergangenen Tage. Die Weltspiele des Behindertensports können Gesellschaften öffnen, sagen Gastgeber traditionell. Doch dieses Mal war allem die erste Teilnahme Nordkoreas an Winterspielen gemeint.

So wirft die geteilte Halbinsel eine alte Frage auf: Haben die Paralympics eine politische Kraft? Oder überdecken sie durch flüchtige Emotionen die tatsächlichen Probleme?

Im Kontrast zu den sportlichen Helden aus Pjöngjang stehen Aussagen von geflohenen Nordkoreanern und Berichte von NGOs: Demnach gelten behinderte Menschen in Nordkorea als »Beleidigung« für das Regime. Sie würden ausgeschlossen, sterilisiert und sogar in abgelegenen Gebirgslagern gefoltert werden. Säuglinge mit einer Behinderung blieben »verschwunden«. Auch von medizinischen Experimenten ist die Rede.

Im vergangenen Jahr durfte erstmals eine unabhängige Delegation für Forschungen ins Land reisen. Die UN-Sonderberichterstatterin Catalina Devandas-Aguilar besuchte auch ein Tischtennisturnier, an dem behinderte und nichtbehinderte Spieler teilnahmen. Sie kann nicht ausschließen, dass es sich um eine Alibiveranstaltung handelte. Während ihres sechstägigen Aufenthaltes habe sie blinde und hörgeschädigte Menschen getroffen, aber nur einen einzigen Rollstuhlfahrer. Die Begegnung mit geistig behinderten Menschen wurde ihr verwehrt. Selbst die neu entstehenden Gebäude in Pjöngjang seien selten barrierefrei, sagt Devandas-Aguilar, von modernen Prothesen und inklusiver Bildung gebe es keine Spur.

Vor diesem Hintergrund und im Zuge der politischen Annäherung folgt die erste Winterteilnahme Nordkoreas wohl einem Mindestanspruch, und weniger dem Wunsch, den Behindertensport weiterzuentwickeln. Bis 2012 ignorierte Nordkorea die paralympische Bewegung komplett. Durch Wildcards des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) konnten 2012 ein Schwimmer und 2016 zwei Leichtathleten an den Sommerspielen teilnehmen. Das IPC hätte auch für Pyeongchang mehr als die nun zwei Sonderstartberechtigungen ausgegeben. Doch dazu kam es nach langen Verhandlungen ebenso wenig wie zu einem gemeinsamen Einlauf von Norden und Süden.

Der nordkoreanischen Delegation wird von südkoreanischen Medien politisch weit weniger Bedeutung zugemessen als bei Olympia. Für Behindertenrechte könne das eine Chance sein, glaubt Stefan Samse, Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Seoul. Samse steht in Kontakt mit dem Nordkoreanischen Behindertensportverband, der auch zwei Büros in China unterhält. Bei den Paralympics könne man mit weniger protokollarischen Zwängen leichter Gesprächskanäle öffnen.

Was das bedeutet, hat Friedhelm Julius Beucher in der Mensa des Paralympischen Dorfes gemerkt. Am Frühstückstisch tauschte der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes Visitenkarten mit nordkoreanischen Vertretern aus.

Kurz darauf fuhren diese in abgedunkelten Kleinbussen zur Willkommenszeremonie, die sie mit den Chinesen bestritten. Die nordkoreanischen Sportler Kim Jong Hyon und Ma Yu Choi überreichten dem Bürgermeister des Dorfes ein traditionelles verziertes Gefäß. Kim hinterließ einen Schriftzug auf einer Wandzeichnung: »Landsleute und Prestige.«

Friedhelm Julius Beucher hatte die beiden Athleten schon Anfang des Jahres beim Weltcup in Oberried im Schwarzwald kennengelernt. In einem Gasthof machten sie gemeinsame Fotos. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Beucher möchte den Austausch fortsetzen und hat die Nordkoreaner für Sonntag zum »internationalen Abend« ins Deutsche Haus eingeladen. Dass sie der Einladung folgen, ist unwahrscheinlich.

Die Begegnungen zuvor aber sind nach dem Geschmack von Andrew Parsons. Der neue IPC-Präsident sagt, dass erfolgreiche Paralympier behinderte Menschen auf allen Ebenen motivieren würden. Die Paralympics zielen auf Fortschritte und Nachhaltigkeit: in Gesetzgebung, Infrastruktur und Wahrnehmung.

Ob die Weltspiele in Nordkoreas Medien aufgegriffen werden, ist unklar. Doch auch im Süden sind die Spiele kaum präsent. Eine Einladung von Südkoreas Präsident Moon Jae In an die Paralympier ins Blaue Haus hatte wenig daran geändert.

Große Versprechen geben paralympische Gastgeber vor den Spielen ab - einhalten tun sie die jedoch selten. Nach den Sommerspielen in Sydney verwässerte Australiens Regierung die Vorgaben für Barrierefreiheit, die Sportförderung schrumpfte. In Athen profitieren Besucher mit Behinderung von der neuen Infrastruktur, doch der Behindertensport führt ein Schattendasein. In Peking wurden Rampen und Fahrstühle gebaut. Menschen mit geistiger Behinderung müssen allerdings nach wie vor mit Zwangseinweisung rechnen. Auch in Russland und Brasilien wurden vor den Spielen in Rio und Sotschi Gesetze zur Inklusion verabschiedet. Aus beiden Ländern berichten Menschenrechtler von zögerlicher Umsetzung.

Weniger umstritten ist die Wirkung in Kanada und Großbritannien. In Vancouver setzen sich Aktivisten für einen behindertengerechten Tourismus ein. Und nach London 2012 gaben drei Viertel der Briten in einer Umfrage an, Behinderungen nun positiver zu sehen. In beiden Ländern profitieren behinderte und nichtbehinderte Athleten nun von denselben Verbandsstrukturen. In Training, Reha oder Antidopingkampf.

Die südkoreanischen Sportler hoffen auf ihre erste Goldmedaille bei Winter-Paralympics, bisher gab es erst zwei Silbermedaillen. Die Regierung hofft, dass sich die Wahrnehmung langfristig auch für behinderte Menschen im Alltag ändert. Südkoreaner haben die zweithöchste Lebenserwartung der Welt. Mit dem Alter werden körperliche Einschränkungen wahrscheinlicher - und barrierefreie Strukturen dringender.

Die Eröffnungsfeier übrigens setzte zwar auf große Worte, rasante Musik und bunte Feuerwerke. Doch etliche Plätze blieben unbesetzt. Der Applaus der frierenden Zuschauer fiel spärlich aus. Trotz all der Träume.

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