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»Ich war nie glücklich«

»Mein Herz empfindet optisch« - Tagebücher und Notizen des Malers Werner Tübke

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Wer Tagebuch schreibt, hebt sich hervor - und macht zugleich die allgemeine Vergänglichkeit fühlbar. Unverwechselbarkeiten eines Daseins werden aufgerufen, aber wir sehen deren Feier sofort auch in einen existenziellen Gleichstrom getaucht. Das Kriegerische und das Kriecherische, das Gute und das Gefräßige, das Transzendente und das Triviale, das Gockelhafte und das Säuische, die Geldnot und die Geltungssorgen, das Peinvolle und das Peinliche - ein Leben, alle Leben? »Der Mensch«, schreibt Werner Tübke, »ist nicht in der Lage, begrifflich den Sinn seines Vorhandenseins zu fassen.«

»Mein Herz empfindet optisch« enthält Tage- und Skizzenbücher Tübkes. Erst 2007, drei Jahre nach des Malers Tod, öffnete dessen Witwe die Schubladen und Schränke, entdeckte die Hefter mit den über 3500 eng beschriebenen Seiten. Begleittexte einer Biographie, nun in einer faszinierend goldgräberischen Auswahl ediert (und kommentiert) von Annika Michalski und Eduard Beaucamp. Werkstättisches Protokoll, schürfender Geist, weltschmerzende Diagnosen, handwerkliche Stichpunkte, tagesstrukturierende Zettel. Ein Mensch unter ständigem Fragedruck: »Wer bin ich?« Schon 1964 eine Antwort: »Die Einsamkeit ... ist Wahrheit.« Später dann: »Ich glaube an nichts. Man treibt durch die Jahre.«

Den Sohn einer Kaufmannsfamilie, 1929 in Schönebeck an der Elbe geboren, prägt die quälende Suche nach einer lebbaren Art, als Künstler ganz er selber zu sein, »rückhaltlos, doch richtungsweisend zugleich« (1954). Außenseiter und Zentralgestirn? Das ist Tübkes frühe Einsicht in einen Konflikt: Talent reißt ihn auf, aber für dessen Entfaltung muss er sich auch strukturfolgsam zusammenreißen.

Ach, noch vertrackter das Ganze: Jenes Unwohlsein, etwa unter der »terroristischen« Kulturpolitik der jungen DDR, wird nämlich entschmerzt durch eine grundsätzliche Neugier auf Sozialismus und Marxismus. »Bejahung des Lebendigen. Mit Kraft bejahen.« Hoffnung also - und Engagement. Bis trübe, traurige Erkenntnis irgendwann wie eine Wunde pocht, die sich nicht schließt: »Macht, Macht, Macht! Es ist lächerlich. Sie sehen ja alle keinen Weg. Verwaltung einer Mangelgesellschaft ohne Visionen.«

Mehr als zehn Jahre lang arbeitete der Maler, im Auftrag der DDR, an seinem Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen. Die Hefter geben Einblick ins Entstehen eines Epochalwerkes. Tübke gräbt sich ein, gräbt sich hinaus und hinweg, hat die Gegenwart verlassen, lebt inmitten ganz anderer Farben und ganz neuer Wiederaufforstungen. »Das ganze Ambiente der biblischen Welt, all das ging bei Luthers Bibelübersetzung verloren.« Er gründet malend neu, er schwelgt im Vereinigungsglühen von Präzision und Phantasie.

Am Ende, 1988, steht er im schönen schaurigen Erschrecken vor einem Wunder, das ihn zum Schöpfer erhob: »Das war ich nicht! Das Bild habe ich nicht gemalt. Mein innerster Kern muss ausgewechselt gewesen sein ... Ich war in der Gnade. Kein Verdienst. Bei der Arbeit habe ich nie gedacht, zuallerletzt an den Bauernkrieg. Ich habe Arme, Beine, Köpfe, Felsen gemalt, sonst nichts.«

Sonst nichts? Das gigantische Gemälde zeigt Masse und Mythos, legt Marter und Monstrosität der Mächte offen - ein brachial zartes, phantastisches Spiegelbild: das Leben als Geschrei der Märkte, als Hass der Blut- und Bodengemeinschaften, als ein Platzen der Adern, als eine Furie der Vernichtung, als ein Toben der fiebrig Besessenen; der Blick darauf ist nur vergleichbar mit Masken, die aus dem Dunkel der Träume auftauchen und deren Ausdruck sowohl tödliche Starre wie dämonische Bewegung zu spiegeln scheint. Geschichte eben.

Der Leipziger Maler erscheint im Tagebuch als ein Mensch, der mehr und mehr sein Grundgesetz verinnerlicht: Nur am Feurigen, das er leise sagt, sollte ein Mensch stets festhalten. Ja, malen und leben - im Grunde fürs Verstummen. »Aus der Mitte des Seins leben, im Einklang mit dem All.« Den Enthusiasmus nicht der Geschwätzigkeit, der Geschäftigkeit ausliefern. Beredt bleiben nur in der Abkehr - von übergriffigen Definitionen, von Heiligsprechungen des Effektiven, des Rumors der Vernunft. »Förderung des polytechnischen Menschen ist das echte Dekadenzproblem, da dies ein Prozess ist, der den Menschen von den Müttern trennen könnte und ihn damit ins Chaos schickt, ins rationale Angebundene. Das ist die Hölle.«

Das Buch ist Erinnerung (»ich möchte sagen, dass ich meine Kindheit verträumt habe«), es erzählt den Hunger der Nachkriegszeit. Den Siebzehnjährigen unterwarfen die Russen, wegen angeblichen Mordes an einem Sowjetoffizier, einer martialischen Haft. Nach einem halben Jahr die Entlassung und der Eid: zwanzig Jahre darüber zu schweigen. Tübke schweigt. Wie Tausende, die Einschüchterung fühlen und Parteilichkeit sagen. Bald erfährt er das harsche Klirren der Doktrinen, beklagt die Politik dieser »Berliner Affen«, steckt im Wirbel eines künstlerischen Ehrgeizes zwischen Rückzug und Teilnahme, zwischen gesellschaftlichem Einfluss und innerem Exil (»ich war nie glücklich«).

Er ruft Augustinus auf und Novalis, Heidegger, Camus und Bloch (»... dann wird wieder Lenin in der Nacht gelesen und das Alte Testament«) - und auch was er selber formuliert, ist eine fortdauernde Zitierverführung: »Mit dem Rücken zum Sozialismus leben ... Wenn wir die ›Wahrheit‹ satthaben, begreifen wir das Leben ... Große Geister neigen oft zum Opportunismus, damit man sie in Ruhe lässt ... Es gibt Menschen, die Gott lieben, weil sie keinen Menschen lieben können ... Wir dürfen die Sehnsucht nach Sicherheit nicht befriedigen ... Nur der Wissende kann schwanken ... Guten Tag, Monsieur Ich, was haben Sie heute für eine Krawatte umgebunden, möchte man manchmal einem ›Kunstwerk‹ zurufen ... Widerstand muss als Muse anerkannt werden.«

Das packende Buch ist sezierende Kühle (»ich habe Sehnsucht nach kaltem Licht«), ist ein Gewebe aus Scharfsinn; zugleich aber legt es ungepanzert Tübkes Verletzlichkeit frei. So geschehen ungestüme Selbstoffenbarung und kontrollierte Selbstdarstellung zugleich. Jeder wird das Buch anders aufnehmen, der DDR-Abwägende anders als der DDR-Abrechnende, der Eingeweihte im Metier anders als der Fremdling. Ich las es als ein hochspannendes Zeugnis dafür, wie sich ein Mensch - gestaltend - in einen anderen verwandelt, den er beglückenderweise für sein wahres Wesen halten darf. Künstlers Glanz, Künstlers Elend: »Perspektiven kann ich nicht geben, nur Anteilnahme.«

Das Tagebuch als Vorstufen-Universum für den Mal-Akt; lesend nehmen wir am Nebel des Schwellen-Erlebnisses teil, am Grenz-Übergang - und natürlich ist Tübke so radikal selbstbekennerisch, dass im Mittelpunkt stets die Angreifbarkeit steht, die Haltlosigkeit zwischen den Widersprüchen. Sie ist das Bekenntnis zum Seelenchaos, in dem alle vereint bleiben: der berauschte Romantiker mit dem dunklen Existenzialisten, der polternde Ekstatiker mit dem schamvollen Verbergungstaktiker.

Niemand hätte eine Ahnung vom Glück, wenn er nicht im Umgang mit dem Unglück geübt wäre. Tübke beschreibt Unglück als Urgrund seiner Mühen, benennt klar die »zutiefst demokratische Position« des Künstlers: »Er sollte an der Seite der Unterdrückten, Zukurzgekommenen, Ausgesetzten und Einsitzenden, der Kranken an Leib und Seele, der Verfolgten, Gequälten und der Einsamen, Müden, Hungernden, Armen, Gefolterten sein.«

Ab 1973 war der Maler, für drei Jahre, Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig; er spricht dem Staate rege zu, fragt aber auch inständig nach Studenten, die endlich wieder ein »Schicksal« haben. Das ist der Wunsch nach Wildheit, nach regelsprengender Torheit, und dies Fordern geht tiefer als das, was die funktionsbedingte Akklamation hochjubeln muss. Immer wieder also: der Weltläufige knirschend im Provinzdienst; der Harte, der aus Weichteilen besteht. Ein furchtloses Aufblicken und zugleich ein angstvolles Kopfeinziehen - unter zwei Himmelshoffnungen: der Hilfe Gottes und dem Segen der Partei.

Gott taucht im Buch sehr oft auf. Dass Gott fehlt (im Leben), ist nicht neu. Er fehlt, seit wir ihn brauchen. So wie Liebe und Sinn fehlen, wenn wir beides dringlichst benötigen. Gott, Liebe und Sinn so auszusprechen, als sei alles da und parat - das ist bewährtes politisches, ideologisches Rosstäuschertum, es vertreibt allen Bedürftigen just Gott, Liebe und Sinn. Deshalb spricht Kunst die Dinge so anders aus. Und Werner Tübke sagt: »Was hat meine Kunstarbeit mit den Veränderungen in Deutschland zu tun? Ich arbeite weiter.«

Werner Tübke: »Mein Herz empfindet optisch«. Aus den Tagebüchern, Skizzen und Notizen. Hrsg. von Annika Michalski und Eduard Beaucamp. Wallstein, 396 S., geb., mit zahlr. Abb., 39,90 €.

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