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Ein Versöhner par excellence

Nelson Mandela - der Freiheitskämpfer als Präsident

  • Von Hans-Georg Schleicher
  • Lesedauer: 4 Min.

Rechtzeitig zum Sturz des umstrittenen südafrikanischen Staatschefs Jacob Zuma erinnern neue Memoiren an Südafrikas ersten demokratischen Präsidenten vor zwei Jahrzehnten. Nelson Mandela selbst hatte diese Erinnerungen begonnen, konnte sie jedoch nicht vollenden. Gestützt auf seine Texte hat der Schriftsteller Mandla Langa die Memoiren des großen Freiheitskämpfers über seine Präsidentenjahre fortgeschrieben. Mandelas persönliche Aufzeichnungen bleiben dabei erkennbar, so dass seine Witwe Graca Machel dessen Stimme im Buch eindrucksvoll vertreten fühlt.

Nelson Mandela/Mandla Langa: Dare not linger. Wage nicht zu zögern. Die Präsidentenjahre.
Bastei Lübbe, 511 S., geb., 26 €.

1993, als Wut und Verzweiflung der unterdrückten schwarzen Mehrheit Südafrikas eskalierten und mit der Ermordung des ANC-Führers Chris Hani ein Bürgerkrieg drohte, konnte Mandela diesen u. a. mit einem beeindruckenden Fernsehauftritt abwenden. Kurz vor den Wahlen 1994 verhinderte seine Versöhnungspolitik einen rechten Militärputsch. Mit der in letzter Minute getroffenen Vereinbarung über die Selbstbestimmung der Afrikaaner (Buren) gelang ein politisches Meisterstück, bei dem man sich sogar der Hilfe von Leuten bediente, die bis dato als Todfeinde galten. Mandela sah sich nach seiner Wahl stets als Präsident aller Südafrikaner, unabhängig von Hautfarbe und politischer Zuordnung. Dabei musste er selbst erst davon überzeugt werden, seiner Ernennung zum Präsidenten zuzustimmen, die er auf eine Amtszeit beschränkte und die er pflichtbewusst erfüllte.

Die weiterhin komplizierte Entwicklung Südafrikas unterstreicht im Nachhinein seine Größe, auch wenn in den Mythos »südafrikanisches Wunder« viele Hoffnungen und Illusionen hineinprojiziert wurden, die sich nicht erfüllten. Es ist das Verdienst dieses Buches, auch den Menschen Mandela mit seinen Eigenheiten, Schwächen und Fehlern darzustellen.

Dazu gehört Mandelas bonapartistischer Führungsstil, wobei er wiederholt in Konflikt mit dem Prinzip der kollektiven Führung im ANC geriet. So lehnte er den Beschluss einer Politkonferenz zur Berufung von Kabinettmitgliedern ab. Andererseits beugte er sich der kollektiven Entscheidung zur Nominierung Thabo Mbekis als ersten Vizepräsidenten (und Nachfolger) statt des von ihm favorisierten Cyril Ramaphosa. Mandela suchte aber auch immer den Rat von Freunden, besonders den seines lebenslangen Mentors Walter Sisulu.

Aufschlussreich ist der Blick hinter die Kulissen des Kampfes um Einfluss und Macht, so auf den komplizierten Umgang mit traditionellen Führern. Obwohl manche sich vom Apartheid-Regime missbrauchen ließen oder der Demokratie misstrauisch gegenüberstanden, legte Mandela Wert darauf, diese »schwierigen Familienmitglieder« auf dem Weg in die Demokratie mitzunehmen.

Besonders interessant sind Mandelas Reflexionen zu Politikern Südafrikas - Freund wie Feind - bei der Überwindung der Apartheid. Der respektvolle Umgang mit ihnen stärkten Mandelas Rolle als Vermittler und Versöhner. Seine Fähigkeit, sich in Gegner hineinzuversetzen, wurde auch gegen ihn genutzt. Von seinen Anhängern wurde er nicht immer verstanden, besonders seine Versöhnungsgesten gegenüber unerbittlichen Apologeten der Apartheid. Kampfgefährten warnten, er konzentriere sich zu sehr auf die Weißen und vernachlässige das Leid der schwarzen Mehrheit.

Mandela hatte es diesbezüglich auch im ANC nicht leicht, der inzwischen nicht mehr nur Organisation, sondern »Lebensweise« von Millionen Südafrikanern geworden war - ein »unglaublich heterogenes Wesen«. Bei den Menschen unvergessen war immer noch das Ausmaß der Gewalt durch das Apartheidregime. Sie forderten gegenüber dessen Vertretern mehr Härte und Konsequenz, hatten wenig Verständnis für die Bereitschaft zur Vergebung. Mandelas Fähigkeit zum Ausgleich und zur Versöhnung war einzigartig und wichtig für Südafrikas Überwindung der Apartheid. Das wurde außerhalb Südafrikas oft leichter erkannt als im Lande selbst.

Manche Eigenwilligkeit reflektierten sich auch in der Diplomatie, ein ihm weitgehend unbekanntes Feld und glattes Parkett mit manchen Überraschungen. So waren es ausgerechnet die Regierungschefs Chinas und Vietnams, die ihn vor übereilten Verstaatlichungsplänen warnten. An seiner Entscheidung, zu seiner Amtseinführung unbedingt auch Fidel Castro und Yassir Arafat einzuladen, ließ Mandela nicht rütteln. Aber manche Versuche, eigene Erfahrung und Prinzipien auf den gesamten afrikanischen Kontinent zu übertragen, schufen Probleme.

Die Erinnerungen an seine Präsidentenjahre geben vielleicht mehr über den Menschen als über den Staatsmann Mandela preis. Den Zeitzeugen beeindruckt die gelungene Darstellung jener außergewöhnlichen Zeit in der Geschichte Südafrikas.

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