Werbung

Exkursionstag verordnet

Diskussion um eine Untote: Wladimir Iljitsch Lenin über die nationale Frage

  • Von Jürgen Hofmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Missbrauch des Nationalismus hat der Linken den Zugang zum Thema Nation und nationale Frage immer wieder erschwert. Die Wunschvorstellung, mit fortschreitender europäischer Integration vor dem Hintergrund der Globalisierung würde sich das Thema von selbst erledigen, hat sich als Irrtum erwiesen. Insofern kann es durchaus Sinn machen, sich der Debatten und der Argumente zu vergewissern, über die in der Geschichte der Bewegung schon einmal gestritten wurde. Nicht dass ein Streit vor über 100 Jahren heutige Fragen beantwortet. Anregungen lassen sich jedoch aus dem Pro und Kontra allemal ableiten.

W. I. Lenin: Über die nationale Frage. Teil I: Reden und Aufsätze.
Verlag Wiljo Heinen, 175 S., br., 9,50 €.

Wiljo Heinen macht Texte von W. I. Lenin aus den Jahren 1912 bis 1914 erneut zugänglich, die 1930 im Verlag der Jugendinternationale erschienen. Es sind vor allem die »Kritische(n) Bemerkungen zur nationalen Frage« und der Aufsatz über »Das Selbstbestimmungsrecht der Völker«, in denen Lenin seine Überlegungen ausbreitet. Die extensive Polemik mit Rosa Luxemburg und anderen Zeitgenossen überwuchert streckenweise seine Kernaussagen. Für heutige Leser birgt diese Verhaftung in der damaligen Zeit Verständnisprobleme. Darum hat der Verlag die Anmerkungen von 1930 behutsam ergänzt.

Lenins Überlegungen atmen den Geist der Erwartung an eine bevorstehende proletarische Revolution und ihren Sieg. Schon im Kapitalismus sei »die welthistorische Tendenz … zur Verwischung der nationalen Unterschiede« zu beobachten. »Dem nationalen Hader« würde »die proletarische Demokratie« die absolute »Einheit und völlige Verschmelzung der Arbeiter aller Nationen« entgegensetzen. Für das nationale Programm der proletarischen Bewegung hielt er dennoch den Verzicht auf Privilegien für einzelne Nationen und das Recht auf politische Selbstbestimmung für unerlässlich. Dass dieses Erbe später in der Sowjetunion missachtet wurde, hat zu ihrem Zerfall beigetragen. Ich erinnere mich noch gut an eine Konferenz im Juni 1982 in Riga, auf der der bloße Hinweis genügte, die als »Lenin’sche« deklarierte, praktizierte Nationalitätenpolitik habe nicht mehr viel mit Lenins Erbe zu tun, genügte, um die Beratungen zu unterbrechen und den internationalen Gästen einen Exkursionstag zu verordnen.

Lenins Polemik kreist immer wieder um das Selbstbestimmungsrecht. Die Kernaussagen finden sich wenige Jahre später - im November 1917 - alle in der »Deklaration der Rechte der Völker Russlands« wieder. Lenin entwickelt in Auseinandersetzung mit kulturell-ethnischen Ansätzen schon damals Überlegungen zu den zwei Kulturen in jeder nationalen Kultur. Verabsolutiert behinderte diese These jedoch das Verständnis für die widersprüchliche Komplexität nationaler Kultur. Auch sein Plädoyer für den »zentralen Großstaat« als Schritt »zur künftigen sozialistischen Einheit der gesamten Welt« bedarf im Lichte der historischen Erfahrung einer kritischen Prüfung. Entgegen seiner Annahme schloss der demokratische Zentralismus im praktizierten Sozialismus die lokale Selbstverwaltung letztlich doch aus. Ungeachtet dessen steht Lenin mit seinem Ansatz, die nationale Frage als eine politische und soziale Frage zu definieren und unter diesem Blickwinkel zu analysieren, fest in der Tradition marxistischen Denkens. Er warnt zu Recht vor dem »Ausspielen des Buchstabens des Marxismus gegen den Geist des Marxismus«.

Beigefügt ist der Sammlung ein Aufsatz von J. W. Stalin über den »Leninismus und die nationale Frage« aus dem Jahre 1924. Er leitete 1930 die Publikation ein. Die konzentrierte Zusammenfassung dürfte mehr Leser gefunden haben als Lenins teils ausschweifende Texte.

Der Verlag plant einen Teil II, in dem Lenins Arbeiten im Kontext mit der Oktoberrevolution und der politischen Orientierung der Kommunistischen Internationale enthalten sind.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln