Ein stiller Rebell

Torsten Schulz rückt dem Kapitalismus der Neuzeit auf den Pelz

  • Von Stefan Berkholz
  • Lesedauer: 4 Min.

»Immer versucht«, schrieb einst Samuel Beckett, »immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.« Torsten Schulz’ neuer Roman dreht sich um Sisyphos, den glücklich Scheiternden, und immer wieder ist von Albert Camus die Rede, der die grundsätzliche Absurdität des Lebens in den Mittelpunkt seines Schaffens stellte.

Torsten Schulz: Skandinavisches Viertel. Roman.
Klett Cotta, 268 S., geb., 20 €.

Matthias Weber, die zentrale Figur des Buches, ist Anfang dreißig, als die Mauer überrannt wird. So einer kann rasch zwischen die Linien fallen, sich von Niederlage zu Niederlage hangeln und das große Scheitern zum Lebensprinzip erklären. Matthias wird im Skandinavischen Viertel groß, jenem skurrilen Grenzgebiet in Berlin-Prenzlauer Berg, zwischen den Bahngleisen gelegen und voll von Sackgassen. Er träumt sich die Welt schöner, als sie ist. Er ist keck und frech und um keine Lüge verlegen, und er spielt gern mit den Straßennamen, benennt sie im Geist um, denn er möchte sie vereinheitlichen und alle nach skandinavischen Orten benennen.

Schulz montiert Vergangenheit und Gegenwart im Wechsel: Matthias als zwölfjähriger Junge in der DDR - und Jahre später als erfolgreicher Makler im selben Kiez. Von seinen Lügengeschichten lässt er auch jetzt noch nicht ab. Einst hatte ihn diese Eulenspiegelei seine Möglichkeiten als Journalist gekostet, er war aufgeflogen. In der Goldgräberstimmung »der Hauptstadt, die gerade in Mode ist wie keine andere deutsche Stadt«, hat er es sich in den Kopf gesetzt, seine zufällig erworbene Maklerposition zur Macht auszubauen - nicht um besinnungslos Geld zu scheffeln, sondern um seinen geliebten Kiez halbwegs frei zu halten von Spekulanten und Glücksrittern. Aber er scheitert: Gegen ein internationales Konsortium, das die Stadt blockweise aufkauft, ist kein Kraut gewachsen.

Auf seinem Weg erhellt Matthias allerlei Geheimnisse seiner Familie. Anfangs ist das nicht allzu mitreißend, gemächlich im Ton, gewöhnlich die Gedanken, zu schachbrettartig entfaltet die deutsche Geschichte: Opa war Mitglied der Nazipartei und landete in einem sowjetischen Internierungslager. Vater scheiterte bei einem Fluchtversuch und schmorte für ein paar Jahre im DDR-Knast. In der zweiten Hälfte nimmt das Tempo zu, man lernt die Figuren besser kennen, Liebesgeschichten rücken in den Vordergrund. Nach und nach klären sich die Familiengeheimnisse auf. Jedes Leben, erkennt der Leser, ist ein Rätsel, jede Liebe ein Aufbruch und jede Gewöhnung das Ende von Lebendigkeit.

Torsten Schulz, 1959 in Ostberlin geboren, ist Autor und Filmemacher. In seinen Arbeiten lässt er immer wieder die Jahre in der DDR lebendig werden. Sein Debütroman »Boxhagener Platz« (2004) wurde in mehrere Sprachen übersetzt und verfilmt. Nun rückt er auch dem Kapitalismus der Neuzeit auf den Pelz. Er demaskiert die Besatzermentalität potenter Neureicher aus dem Westen, er karikiert breitbeinige Zukurzgekommene und ihre Feldherrenallüren, er führt jene Schlaumeier vor, die glauben, ihnen gehöre diese Welt: dank Papas Scheck, windiger Betrügereien oder verwegener Kredite.

»Wenn die Einheimischen in den Ostvierteln sich nach dem Einbruch des Kapitalismus doch bloß zusammengetan und die Häuser, in denen sie zur Miete wohnten, gekauft hätten«, sinniert eine Kennerin der Materie. »Man hätte nur GbRs, Gesellschaften bürgerlichen Rechts, gründen müssen … Aber es herrschte Angst, Misstrauen, Bequemlichkeit …«

Matthias Weber ist auch mit fünfzig noch auf der Suche nach der großen Liebe, weiter ohne feste Adresse und feste Beziehung, weiter der »Vielleicht-Mensch«, als den ihn eine seiner Geliebten bezeichnet hat, einer, der sich ungern festlegen möchte und lieber Ausschau hält nach besseren Orten. Er bricht zu neuen Ufern auf und begibt sich in Helsinki auf die Spurensuche nach seinem versoffenen Onkel. Dann verlieren wir ihn aus den Augen.

Schulz hat eine Tragikomödie verfasst. Oder doch eine Komödie? Man habe sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen, heißt es bei Camus. Matthias bleibt ein Träumer bis zuletzt, ein Verlorener. Ein Streuner, dem der Kampf ums goldene Kalb herzlich egal ist. Ein Außenseiter in unserer Zeit, ein stiller Rebell, der seine Bahnen bis ans Ende seiner Tage zieht.

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