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Fußtritt ins Leben

Varujan Vosganian porträtiert die Verzweifelten am Rand der rumänischen Gesellschaft

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Fane Chioru ist der Blinde, Costica Ologu der Lahme, und der Junge mit dem seltsamen Namen Coltuc ist das Stümmelchen. Letzteren hat es womöglich am härtesten getroffen, will man angesichts dreier so schwer vom Leben gezeichneter und verwundeter Menschen überhaupt eine Hierarchie des Leidens zulassen.

Varujan Vosganian: Als die Welt ganz war. Erzählungen.
A. d. Rum. v. Ernest Wichner. Zsolnay, 384 S., geb., 24 €.

Im Grunde verfügt Coltuc lediglich über einen Kopf und einen Rumpf. Beine und Arme fehlen. Der Körperrest sitzt auf einem kleinen Holzwägelchen. Um den Hals hat ihm sein Ganovenchef einen Blecheimer für das erbettelte Geld gehängt. Coltuc kann nicht ohne Hilfe essen, sich nicht selbst waschen oder gar in eine Richtung bewegen. Er kann lediglich schauen oder in einem Buch lesen - vorausgesetzt, jemand platziert ihn so, dass er mit seiner Zunge zum Umblättern an die Seiten heranreicht. Doch daraus macht er das Beste; gewinnt Lebensklugheit aus seinen Beobachtungen, sammelt Wissen durch die Lektüre und lässt der Fantasie freien Lauf. Sie gestattet es ihm, sich aus der schrecklichen Gegenwart einer großen rumänischen Stadt in eine andere Welt hineinzuträumen. Zusammen mit der Liebe und Fürsorge seiner Schwester rettet ihn das über die täglich wiederkehrende Trostlosigkeit des Daseins hinweg.

Jede Welt hat die Bettler, die sie verdient, sagen sich Coltuc und seine Kumpane, allesamt groteske Gestalten. Der rumänische Autor Varujan Vosganian mit den armenischen Wurzeln beschreibt sie wie die unechte Staffage aus einem scharf überzeichneten Animationsfilm, aber im nächsten Augenblick kommen sie einem wiederum so wahrhaftig vor wie mit der Dokumentarfilmkamera eingefangen. Diese Ambivalenz schwebt über allen vier Geschichten aus dem Erzählungsband und macht sie so authentisch und lebendig.

Es gibt im Leben keine Sicherheit - nicht in Rumänien und nicht für Menschen, die von der Gesellschaft in den Straßengraben gespien worden sind wie ausgelutschte Kaugummis. Sie sind eher Opfer extremer Umbrüche als »extreme Individualisten am Rande der Gesellschaft«, wie sie im Klappentext des Buches leicht beschönigend bezeichnet werden. Werden nicht jene Menschen Individualisten genannt, die es vorziehen, für sich zu sein, obgleich sie die Möglichkeit hätten, mit der Gesellschaft zu gehen? Coltuc hat diese Wahl nie gehabt. Er ist kein Individualist, er ist ein Ausgestoßener. Ihm bleibt nur die Flucht in seine »ganze Welt«, wo er in der Fantasie all das Fehlende, Abgeschnittene, Abgerissene um ihn herum komplettiert.

Der Lahme hat dann das fehlende Bein wieder, der Blinde seine Sehkraft oder die Piata Unirii ihre alten Häuser. Stümmelchen selbst schwimmt in der ganzen, heilen Welt unversehrt und glücklich in seinem Mutterleib - bevor ihn die Fußtritte treffen, die aus dem heilen Em-bryo noch vor der Geburt einen Krüppel machen.

So surreal wie diese Sequenz ist jene aus einer anderen Geschichte, in der plötzlich dampfende Pferdeäpfel unter einer bronzenen Reiterstatue liegen, die von nirgendwo anders herstammen können als von dem leblosen Satteltier darüber. Doch das ist erst der Anfang aller Absurditäten. Ein paar Buchseiten weiter fehlt vom tonnenschweren Denkmal jede Spur. Es hat sich offenbar auf den Weg ins Leben gemacht.

Surreale Erzählelemente sind Vosganians Stärke ebenso wie die Verknüpfung seiner gegenwärtigen Geschichten mit vergangenen politischen Ereignissen. So schildert die Auftakterzählung das Schicksal einer Studentin, die von bezahlten Bergarbeiterschlägern fast umgebracht wurde. Jahre später sucht einer dieser Auftragsmörder sie auf. So seltsam entrückt schildert der Autor diese Begegnung, als vollzöge sie sich auf einem anderen Stern.

Varujan Vosganian ist kein Unbekannter. 1958 geboren, hat er in Bukarest Mathematik studiert, brachte es nach der Jahrtausendwende bis zum Wirtschaftsminister, Chef einer neoliberalen Partei und zum Literaturpreisträger. Er machte sich mit Essays, Gedichten und Romanen einen Namen, ist aber auch nicht unumstritten. So zog er eine Kandidatur als Europapolitiker zurück, weil man ihn nationalistischer Positionen sowie der Mitarbeit im Geheimdienst bezichtigte. Zur Leipziger Buchmesse sind mehrere Veranstaltungen mit ihm geplant.

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