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Fehlentwicklung im hessischen Schulwesen

Gewerkschaft in Hessen sieht Boom der Privatschulen als Folge der Unterfinanzierung staatlicher Bildungsstätten

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

Das 42 Seiten umfassende Papier der Gewerkschaft stützt sich auf Daten der Landesregierung und des Statistischen Landesamts. Es wurde dieser Tage von Ko-Autor Kai Eicker-Wolf, GEW-Landeschefin Birgit Koch und ihrer Stellvertreterin Karola Stötzel der Öffentlichkeit vorgestellt und trägt den Titel »Ein Beitrag zur wachsenden sozialen Ungleichheit: Die Entwicklung des Privatschulbesuchs in Hessen seit dem Schuljahr 2005/06«.

»Obwohl wir vieles schon vermutet hatten, haben uns die Befunde in ihrer Klarheit doch überrascht«, so Birgit Koch. Für besonders markant hält sie die deutliche Zunahme der Zahl der Privatschulen und des Privatschulbesuchs und die überdurchschnittlich hohen Wachstumsraten im Bereich der Grundschulen. So hat laut Studie die Zahl der privaten Grundschulen hessenweit zwischen 2005 und 2016 von 41 auf 80 zugenommen. Die Zahl der Schüler in diesen Einrichtungen hat sich von knapp 4700 auf über 9200 fast verdoppelt. Überdurchschnittlich war hier das Wachstum im südhessischen Regierungsbezirk Darmstadt und dabei vor allem im Ballungsgebiet rund um Frankfurt am Main. Als mögliche Motive für die Wahl einer privaten Grundschule kämen neben elitärem Denken wohlhabender und sogenannter bildungsnaher Schichten auch ganztägige Betreuungsmöglichkeiten, zweisprachiger Unterricht, alternative pädagogische Konzepte und bessere Betreuungsverhältnisse in Frage, so das Papier.

Die Zahl der privaten Gymnasien ist hessenweit im selben Zeitraum von 48 auf 59 gestiegen. Der Anteil der allgemeinbildenden Privatschulen nimmt damit zu Lasten staatlicher Schulen stetig zu. Er liegt derzeit hessenweit bei knapp zehn Prozent, in der Bankenmetropole Frankfurt jedoch schon bei über 18 Prozent.

Das Papier fördert zu Tage, dass die Träger der privaten allgemeinbildenden Schulen vielfach Schulgebühren von mehreren hundert Euro pro Monat erheben und zudem oft noch Aufnahmegebühren und verdeckte Kosten wie Darlehen in vierstelliger Höhe üblich sind. Nur eine Minderheit der Schulen sieht eine Schulgeldbefreiung bei erwiesener finanzieller Bedürftigkeit der Eltern vor. Es sei daher überhaupt nicht überraschend, »dass Privatschulen offensichtlich vor allem von Kindern besucht werden, deren Eltern durchschnittlich besser verdienen, besser gebildet sind und einen höheren sozialen Status aufweisen«. Dies widerspreche dem in der Verfassung festgehaltenen »Sonderungsverbot«, so Koch.

Laut Grundgesetzartikel 7 können Privatschulen nach Landesgesetzen als Ersatz für öffentliche Schulen eingerichtet werden. Eine staatliche Genehmigung ist allerdings auch an die Auflage geknüpft, dass »eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird«, so das Grundgesetz im O-Ton. Der Grundschule komme als »Schule für alle« eine besondere Bedeutung zu, da alleine in dieser Schulform grundsätzlich alle Kinder unabhängig vom jeweiligen sozialen Hintergrund gemeinsam unterrichtet würden, ist Stötzel überzeugt.

Aus Sicht der GEW sei es fraglich, ob Landesregierung und Schulbehörden ihrer gesetzlichen Aufgabe zur sorgfältigen Überwachung von Privatschulen in angemessenem Umfang nachkämen. Koch verlangt eine »stärkere Regulierung des Schulwesens, um bestehende Fehlentwicklungen zu korrigieren«. Denn es sei »eine gefährliche gesellschaftliche Entwicklung, wenn Kinder aus wohlhabenden Familien mit einem höheren sozialen Status sich schon mit dem Start der Schullaufbahn aus dem öffentlichen Bildungssystem verabschieden«, so die Gewerkschafterin.

Der anhaltende Privatschul-Boom ist für Stötzel vor allem die Folge einer dauerhaften Unterfinanzierung staatlicher Schulen, die zunehmend unattraktiv erschienen. »Wer genug Geld hat, versucht sich so einer unzureichenden personellen Ausstattung staatlicher Schulen und maroden Schulgebäuden zu entziehen.« Um die Lernbedingungen für alle Schüler zu verbessern, müsse die öffentliche Hand das Bildungssystem endlich durchgreifend und nachhaltig verbessern und »gerade diejenigen höher besteuern, die es sich leisten können, sich aus dem öffentlichen Bildungssystem zu verabschieden«.

Als Reaktion auf die Studie erinnerte die Landtagsabgeordnete Gabi Faulhaber (LINKE) daran, dass die meisten hessischen Privatschulen »bis zu 85 Prozent ihrer Kosten aus öffentlichen Mitteln abdecken«. Sie seien grundsätzlich dazu verpflichtet, Schüler unabhängig von den Besitzverhältnissen der Eltern aufzunehmen. »Doch das Kultusministerium verschließt hier beide Augen und verzichte auf eine Überprüfung des Sonderungsverbots.«

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