Werbung

Sowjetische Spitzencomputer

Matthias Senkel spielt mit Fakten und Fiktion

  • Von Michael Hametner
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Wie die ebenfalls für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierte Anja Kampmann ist auch Matthias Senkel Absolvent des Leipziger Literaturinstituts. Beide holten sich beim inzwischen eingestellten Literaturwettbewerb des MDR Preise.

Vor sechs Jahren fiel Senkel mit seinem ersten Roman »Frühe Vögel« als »schräger Vogel« unter den Gegenwartsautoren auf. Erzählte er doch in einer Chronik der Todesarten aller Beteiligten die Geschichte der Luftfahrt. Das Ganze war viel mehr als ein literarischer Spaß. Es versuchte ein ambitioniertes literarisches Experiment. Senkels Roman ähnelte einem Lexikon, das durch Querverweise zum Erzähltext wurde. Sein Anreger war der serbische Avantgardist Milorad Pavić.

In »Frühe Vögel« sind die Sowjets die Ersten auf dem Mond. Der Autor scheint sich nachträglich gefragt zu haben, welchen Anteil denn Rechenmaschinen an dieser technologischen Spitzenleistung gehabt haben. Hat man schon einmal von sowjetischen Computern gehört? Senkels Roman »Dunkle Zahlen« liest sich zwar nicht als Fortsetzungsgeschichte, knüpft aber an »Frühe Vögel« an und erzählt - in ähnlich phantastischen Erzählbögen - die Geschichte der russisch-sowjetischen Computer-Entwicklung.

Der Roman bewegt sich über fast 500 Seiten auf drei Erzählschienen. Zuerst wird Leonid Ptuschkows Geschichte erzählt. Einst hochbegabter Mathematikstudent und Entwickler des Kleinrechners OMEM, ist der Rentner Ptuschkow von 2019 bis 2021 Führer durch die Allrussische Leistungsschau der Computertechnik. Dazwischen liegen mehr als 60 Jahre. Der zweite Erzählstrang ist die II. Internationale Spartakiade junger Programmierer, die Senkel 1985 in Moskau stattfinden lässt - pikanterweise ohne die kubanische Mannschaft, die zwar in Moskau ankommt, dann aber verschwunden bleibt. Als Zugabe implantiert er in den Roman noch einen Spionageteil um den unechten Belgier Dupont.

Eine dieser Geschichten ist haarsträubender als die andere - und dennoch keineswegs Nonsens. Senkel hat viel recherchiert, und man darf als Leser annehmen, dass einige Basics der Entwicklungsgeschichte sowjetischer Rechenmaschinen stimmen. Trotzdem weiß man selten: richtig oder falsch?

Möglich, dass es Lager gegeben hat, in denen mathematisch Begabte zunächst anstelle einer Rechenmaschine Aufgaben lösen mussten, dass später die ersten Modelle ausschließlich der Geheimpolizei zur Verfügung standen, um den Urheber eines politischen Witzes zu ermitteln. Sicher auch denkbar, dass es die Idee einer Rechenmaschine für jede Sowjetfamilie gab: Der Gedanke, eine solche »zu bauen, war zu Beginn der 60er Jahre aufs Tapet gekommen. In einer Zeit also, in der die UdSSR vor wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Kraft nur so zu strotzen schien: Der Sputnik lieferte seine Peep-Peep-Peep-Show, Gagarin durchmaß den Erdorbit, und die Wasserstoffbombe Wanja ließ weltweit die Kaffeetassen klappern.«

Matthias Senkel geht die Phantasie nicht aus. Er praktiziert - und das macht auch seinen zweiten Roman so einzigartig - Erzählmodelle von Fiktion und Realität und vermischt sie mal sichtbar, mal unsichtbar. Dieser Autor betreibt gewissermaßen archäologische Forschungen zur Geschichte der russisch-sowjetischen Rechenmaschine. Er vergisst nicht die Erwähnung, dass Tetris, das inzwischen klassische Computerspiel mit hohem Suchtpotenzial, 1984 in der Sowjetunion erfunden wurde. Senkel lässt nicht aus, dass sowjetische Programmierer - wahr oder falsch - eines Tages vom Binärprinzip abwichen und ein auf drei Codes beruhendes Prinzip erfanden. Das hatte in der Sowjetunion keine Chance - denn einen dritten Weg, sagten die Genossen, gebe es nicht.

Es ist, als liefe dem 1977 im thüringischen Greiz geborenen Autor die deutsch-sowjetische Freundschaft noch als Kindheitserinnerung nach. Er treibt Schabernack mit ihr, aber keinesfalls als Zyniker.

»Dunkle Zahlen« ist ästhetisch nicht ganz so anspruchsvoll konstruiert wie »Frühe Vögel«. Gleichwohl ist das Buch mit seiner wilden Lust am Verwechslungsspiel von Fiktion und Realität unter den Romanen von heute ein singuläres Ereignis oder - mit den Worten des Romans gesagt: eine Symphonie sozialistischer Datenverarbeitungstechnik.

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen. Roman. Matthes & Seitz, 490 S., geb., 24 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen