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Ende eines Vorzeigereeders

Ex-Chef der »Beluga« Niels Stolberg muss wegen gemeinschaftlichen Kreditbetruges und Untreue in besonders schwerem Falle ins Gefängnis

  • Von Burkhard Ilschner
  • Lesedauer: 3 Min.

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Dreieinhalb Jahre soll der ehemalige Bremer »Beluga«-Reeder Niels Stolberg ins Gefängnis: Dieses Urteil verkündete am Donnerstag die Große Wirtschaftsstrafkammer 2 des Bremer Landgerichts. Seine drei Mitangeklagten, einstige »Beluga«-Führungskräfte, erhielten Bewährungsstrafen.

Seit Ende Januar 2016 hatten die vier sich vor Gericht zu verantworten. Die öffentliche Wahrnehmung konzentrierte sich allerdings immer auf den Hauptangeklagten. Niemals war Stolberg nur einfacher Reeder, sondern in Bremen und Umgebung immer auch ein hofierter, sogar prämierter »Vorzeigeunternehmer«, Mäzen und Medienstar, jahrelang saß er auch im Aufsichtsrat von Werder Bremen. Er hatte die Beluga Shipping GmbH mit einer Flotte von 72 modernen Schiffen aus einer Nische heraus zum Weltmarktführer in der Projekt- und Schwergutschifffahrt gemacht.

Mutige Projekte, aber auch umstrittene Verwicklungen etwa in Rüstungsgeschäfte brachten ihn allerdings immer wieder in die Schlagzeilen. Nach der Schifffahrtskrise in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 hatte er sich mit dem US-Finanzinvestor Oaktree Capital Management etwa eine sogenannte Heuschrecke an Bord geholt. Anfang 2011 hatten dessen Manager frisierte Bilanzen entdeckt, Stolberg davongejagt, Anzeige erstattet, Insolvenz angemeldet und letztlich die Reederei zerschlagen.

In einer knapp 900 Seiten starken Anklageschrift warf die Staatsanwaltschaft dem Ex-Reeder nun Betrug, vielfachen Kreditbetrug, Bilanzfälschung und Untreue in einer Gesamthöhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrags vor. Seine Verteidiger aus der Kanzlei des Prominentenanwalts Hanns-W. Feigen bemühten sich, ihren Mandanten eher als Opfer denn als Täter darzustellen. Zwar konnten sie etliche Vorwürfe nicht entkräften - versuchten aber sie rechtfertigend schönzureden: Die Finanztricks etwa mit so genannten »Kick-back«-Zahlungen - verabredet überhöhten Schiffbaurechnungen - seien schließlich »branchenüblich«.

Die 68 Prozesstage brachten so manche Überraschung - den Zeugen etwa, der vor Gericht das Gegenteil dessen bekundete, was er zuvor der Staatsanwaltschaft offenbart hatte, und der so Teile der Anklage ins Wanken brachte; oder den Oaktree-Manager, der von Informanten aus dem »Beluga«-Konzern berichtete, die um ihr Leben hätten fürchten müssen. Überraschend wollte das Gericht den Prozess im vergangenen Jahr auf juristisch unübliche Weise zu Ende bringen: Die Kammer regte bei den Parteien eine Zwischenbilanz samt Urteilserwartung an, fast eine Art Vor-Plädoyer. Die Anklage forderte für Stolberg vier bis fünf Jahre Haft, die Verteidigung eine Bewährungsstrafe. Als das Gericht dann empfahl, das Verfahren mit einer Haftstrafe von 42-45 Monaten zu beenden, stimmte nur die Anklage zu - Stolbergs Anwälte beharrten auf einer Bewährung, der Prozess ging weiter.

Anfang 2018 hatte Staatsanwältin Silke Noltensmeier dem Ex-Reeder erneut »hohe kriminelle Energie«, »wahnhaftes Wachstumsstreben« sowie »blinden Ehrgeiz« bescheinigt und viereinhalb Jahre Haft gefordert. Niels Stolberg dagegen hatte bis zuletzt gehofft und gebeten, ihn mit einer Bewährung davon kommen zu lassen. Zu wesentlichen Teilen der Anklage bekannte er sich schuldig, beteuerte aber »zutiefst bereuend« immer wieder, sich nur »branchenüblich« verhalten zu haben. Er habe alles nur fürs Unternehmen getan und nun Lebenswerk und Privatvermögen verloren. Auch am letzten Verhandlungstag zeigte er sich als gebrochener Mann, das beeindruckte die Richterin jedoch nicht.

In Bremen, wo man ihn einst feierte, gibt es widersprüchliche Reaktionen: Manche fordern, Justitia möge dem (inzwischen schwerkranken) Verlierer Gnade erweisen, andere erinnern daran, dass Stolberg etwa bei Immobiliengeschäften auf der Insel Spiekeroog oder durch umstrittenes Mäzenatentum den eigenen Vorteil immer im Blick gehabt habe. Feststeht, dass Banken, Anleger und Dienstleister von dem in Privatinsolvenz lebenden Stolberg noch rund 2,2 Milliarden Euro fordern.

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