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Im Dschungel der Absurditäten

Gut fünfzig rumänische Autoren sind zur Leipziger Buchmesse gereist. Wer in die andere Richtung fliegt, in die Heimat der Dichter, erfährt Erstaunliches und Erschreckendes.

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Caragiale schaut auf dich herab. Ein Herr aus Marmor - Kneifer, Schnauzer, strenger Blick. Zum Fürchten, dieser Mann. Und gleich hinter ihm der rote Klinkerbau, den du so liebst: die Pankower Bibliothek. Es ist 1969, du bist neun, ein Berliner Bücherjunkie; eben hast du dir Stoff besorgt, »Untergang der Jaguarkrieger«, schon musst du wieder an ihm vorbei. Du weiß nichts vom Marmormann auf seinem Podest, doch wann immer du später zurückdenkst an frühen Genuss, an den Jungen mit seiner Lesesucht, dann denkst du auch an ihn: Ion Luca Caragiale (sprich »Caradjále«). Der Übervater der rumänischen Literatur, gestorben anno 1912 in Berlin.

Bukarest, ein Mittwoch im Februar. Die Swiss-Maschine landet unter bleiernem Himmel in einer wie farblosen Stadt. Als das Taxi stadtwärts rast, über Straßen breit wie Landebahnen, vorbei an Villen und Monstrositäten, an Größe, Wahn und Verfall, als du die News liest über die Korruption im Staat, als du am Morgen dann auf Lavinia wartest - der Schnauzbart ist stets in der Nähe. Poesie des schönen Scheins: Von 100-Lei-Noten schaut Caragiale an dir vorbei.

Besäufnis auf Rumänisch

Treffpunkt: der Club »Control«. »Meine Protagonistin geht gern hierher«, sagt Lavinia Braniste. Vor dem Saal liegt ein Hof, im Hof gibt es einen Kiosk und im Kiosk reichlich Bols-Likör - Curaçao, Banane, Erdbeer, blau-gelb-rot; wer Stadt oder Land nicht mehr aushält, kann sich rumänisch besaufen.

Braniste, 35, trägt kurzes Haar, Brille, Jeans und Sweater. »Null Komma Irgendwas«, ihr erster langer Text, wurde als bester Roman 2016 prämiert. Im Buch plaudert eine junge Frau namens Cristina, und wer den beiden zuhört, der Autorin und ihrer Figur, bekommt eine Ahnung, was schiefläuft in Rumänien. Cristina hat Sprachen studiert, sie jobbt jedoch für ein Projektbüro, im schmierigen Ambiente zwischen Gewerbe und Lokalpolitik. Bauten wachsen, Neues entsteht, aber das Neue ist kontaminiert mit dem Alten. Der Name Ceausescu fällt auf 280 Seiten zwar nur dreimal, ein Schatten ist er, doch der liegt noch über dem Land.

Lavinia Braniste war sechs, als der Conducător stürzte; sie lebte in Brăila an der Donau, 1990 kam sie zur Schule. Die Lehrbücher waren dieselben wie in der Diktatur, und sie blieben es bis 2002: Führer vorn, Führer hinten, nur die erste Seite mit seinem Bild hatte man herausgerissen. Später schrieb Frau Braniste vom »Dschungel der Transformationen«, doch der Besucher fühlt sich eher wie in einem Dschungel der Absurditäten.

Lavinia studierte Sprachen wie Cristina, sie arbeitet ebenfalls in einem Projektbüro, für knapp 2000 Lei, 420 Euro. Nebenher übersetzt sie, doch das bringt nichts ein. Was heißt »Zukunft« in einem Staat wie Rumänien? Wer keine Antwort fand, der ging. Ging fort wie Cristinas Mutter und Lavinias Mutter, die in Spanien arbeiten, fort wie rund eine Million Landsleute. »Stellen Sie sich vor: Wer auswandert, gilt bei uns als erfolgreich. Und wer bleibt, als Versager. Das macht mich wütend: in einem Land zu wohnen, das uns vertreibt.« Was soll man nur machen, Lavinia, mit einem Staat, der seine Bürger verjagt? Zuschließen, Licht aus? »Mir kommen die Tränen. Ich weiß es nicht.«

In den Straßen lagen die Toten

Ortswechsel; eine Stunde Flug in den Norden. Von Iasi hast du dir viel versprochen: ein Fürstensitz im Hügelland. Caragiale, der die Gegend liebte, besang die »sanfte Melancholie der moldauischen Krume«. Iasi war einst Hauptstadt, auch ein Zentrum des Judentums. 127 Synagogen (heute: eine), 50 000 Gläubige, fünfzig Prozent der Bevölkerung. Nach dem Beben von 1977 ist von der Pracht wenig geblieben.

Du nimmst Quartier im Hotel »Traian«, entworfen von Gustave Eiffel - vier Sterne, null Service. Ringsum: Leere, Lücken, Scheußlichkeiten. Abends ist der Himmel schwarz vor Krähen. Nachts rumpeln alte deutsche Straßenbahnen durch deine Träume.

Iasi, man spricht es »Jasch«, ist prall von Geschichten, die Stadt erstickt fast daran. Eine dieser Geschichten floss in den wohl besten Frühjahrsroman aus Rumänien. »Oxenberg & Bernstein«. Tatort: ein Haus in der Strada Vasile Alecsandri, sandgrau, mit großen Fenstern. Auf einem Schild steht: în acest loc, sediul fostei chesturi a poliţei ... »An diesen Ort, damals Sitz der Polizei-Quästur, wurden am 29. Juni 1941 Tausende Juden gebracht.«

Der Krieg im Osten war an jenem Tag, einem Sonntag, gerade eine Woche alt. Die Wehrmacht lag in Iasi, sowjetische Flieger warfen Bomben. Am Samstag ging das Gerücht, Juden würden den Bombern Lichtzeichen geben. Absurd, aber wirksam. In der Nacht zum Sonntag zogen sie los - die Rumänen von nebenan, Polizisten, Soldaten, auch Deutsche waren dabei. Nachbarn drangen bei Nachbarn ein, sie erschlugen, erstachen, erschossen. In den Straßen lagen die Toten, am Rinnstein stand Blut. Tausende starben hier auf dem Hof der Quästur und Tausende in Todeszügen. Gesamtzahl der Opfer: 13 000.

Positive Radioaktivität

Ein Mann schaut auf das Schild an der Quästur, Catalin Mihuleac, 57, schmal, sportlich, mit großer Sonnenbrille. Er zeigt: »Da hinten standen die Maschinengewehre.« Mihuleac hat immer in Iasi gelebt. Schon in der Kindheit spürte er eine jüdische Spur, so nennt er das, eine positive Radioaktivität. »Wenn ich mit den Eltern unterwegs war, fragte ich: Was stand dort früher?« Und die Eltern erwiderten: die Textilfabrik, die Bank eines Juden. Ein Autogeschäft, Ford; von Juden gegründete Kinos. Der Junge Catalin fragte: Wo sind sie, die Juden? Und die Eltern sagten: »Sie sind nach Hause gegangen, nach Palästina.«

Doch ein paar Tausend gab es noch. »Einige Freunde waren jüdisch«, erinnert sich Mihuleac. »Und das Mädchen, das ich liebte, Soicatz; das hieß wohl ›schöne Katze‹. Die Leute fragten: ›Gibt es nicht genug Christinnen?‹ Anfang der Achtziger waren sie fast alle fort, auch Soicatz. Verkauft nach Israel.«

Catalin Mihuleac war Geologe, Philologe, Journalist. Wann hörte er zum ersten Mal vom Pogrom? Die Antwort schockiert: »Im Jahr 2000.« Mihuleac recherchierte. Dann schrieb er seinen großen Roman, schrieb unter Qualen, brach ab, schrieb weiter. »Oxenberg & Bernstein« ist die Geschichte zweier Familien, eine aus Iasi, eine aus Amerika. Eine spielt 1941, die andere 2001, die Fäden kreuzen sich. Die Ich-Erzählerin überrascht - Suzy, eine smarte, lebensfrohe Frau. Und die Sprache überrascht: mal vulgär und mal sensibel. Wie hat die Stadt auf das Buch reagiert? »Es ging von Hand zu Hand. Dann herrschte Stille.« Doch es gab Lesungen. »Einmal brüllte ein Mann: Haben die Juden Sie bezahlt?«

Das Gesicht der Revolution

Zurück in Bukarest. »Lacrimi şi sfinţi« heißt das Lokal, »Tränen und Heilige«. Auftritt: das Gesicht der Revolution von 1989. Der Dichter Mircea Dinescu, Jahrgang 1950, Besitzer des Lokals. In dunkler Zeit schrieb er sein »lied bei erloschener lampe«: »es stehn weit offen die gefängnistore / doch es ist keiner da, der gehen will / die einen hängen tot an ihren träumen / die andern halten in den steinen still«. Vier, fünf Preise gab ihm das Regime, bevor es die Anspielungen durchschaute, bevor es Dinescu unter Hausarrest stellte und vor das Haus die Männer der Sicherheit.

Am 22. Dezember 1989 aber kamen Tausende Menschen in Dinescus Straße. Sie gaben dem Dichter eine Fahne, setzten ihn auf einen Panzer und fuhren ihn zum Fernsehen. »Ich dachte: Ich werde sterben wie ein Idiot, mit einer Fahne in der Hand.« Dann stand er vor der Kamera, ein schmaler Mann mit schäbigem Pullover und dem irren Blick eines Propheten (auf YouTube kann man ihn sehen), und er sagte, so erinnert er sich: »Der Diktator ist geflohen, das Volk hat gesiegt!« Keinem sonst hätten sie diese Worte geglaubt.

Mircea Dinescu ging in die Politik, aber nur kurz. 1991 gründete er ein Satireblatt, er kippte seinen Spott über die Herrschenden. »Ich hätte nie gedacht, dass Rumänien wieder kapitalistisch wird«, so poltert er. »Nicht mal Marx hat vorausgesehen, dass nach Sozialismus wieder Kapitalismus kommt, ein Kapitalismus der Securitate. Und Marx war klüger als ich!«

Das blasse Gesicht der Revolution ist heute ein Mann von Kaliber - schmal die Brille, grau das Haar, weißes Hemd unter dunklem Cord. Er sitzt im Keller der »Tränen«, in einem Gewölbe aus der Osmanenzeit. Der Chef lässt auftischen. Das Fleisch kommt vom eigenen Gut, der Rosé vom eigenen Hang. Wer sind Sie heute, Herr Dinescu? »Weinbauer und Weintrinker. Landwirt. Fernsehkoch. Jedenfalls kein Schriftsteller mehr.« Doch das Lexikon rumänischer Literatur, es wäre arm ohne den Eintrag »Mircea Dinescu«.

Ein Mann kommt an den Tisch, ein Gast mit Tattoos. Mit beiden Händen greift er nach der Hand des Wirts, er verneigt sich und sagt: »Ich bin dankbar für alles, was Sie getan haben.« An einem Nebentisch aber sitzt ein Herr mit Kneifer, Schnauzer, ernstem Blick. Herr Caragiale? Er schaut dich an, er lächelt: »Ach! Das sind die erhabenen Augenblicke, wenn das gequälte Volk die Ketten der Tyrannei niederreißt!«

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