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  • Politik
  • Gedenken an das Massaker in My Lai

Feuern, bis die Läufe glühen

Vor 50 Jahren ermordeten US-Soldaten die Einwohner des vietnamesischen Ortes My Lai

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 5 Min.

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Hugh Clowers Thompson jr. war ein Held. Er wurde es wider Willen. Als Hubschrauberpilot im damaligen Südvietnam. Thompson flog mit seinen beiden Bordschützen Glenn Andreotta und Lawrence Calburn am 16. März 1968 Aufklärung, als er Dutzende Leichen entdeckte, die vor einem dieser gottverdammten Dörfer am gottverdammten anderen Ende der Welt lagen. Dort, wo inzwischen rund eine halbe Million US-Soldaten angeblich für die Freiheit, also gegen die Ausbreitung des Kommunismus kämpften.

Einige von ihnen bewegten sich in Richtung Dorf, das sie My Lai nannten. Sie gehörten zu C-Kompanie von Captain Ernest Medina. Die Soldaten waren morgens von Transporthubschrauber auf einem Reisfeld abgesetzt worden, um die Gemeinde Son My von »Charly« zu säubern. Doch da waren keine feindlichen Kämpfer. Kein Vietcong, nur die Dorfbewohner von My Lai. Auf sie machten Medinas Soldaten Jagd. Sie trieben alte Männer, Frauen, Kinder in Gräben und feuerten, bis die Läufe glühten. Verwundete »erledigte« man mit Bajonetten. Die Soldaten durchkämmten das Dorf, steckten die Hütten an, erschossen das Vieh. Nach dreistündigem Einsatz blieben von dem Ort Leichenfelder und verbrannte Erde zurück.

Dass einige wenige Dorfbewohner überlebten, ist auch dem Hubschrauberpiloten Hugh Thompson zu verdanken. Noch in der Luft sah er, wie Captain Medina eine Frau zu Boden trat und dann erschoss. Einfach so. Der Pilot landete, traf auf den kommandierenden Leutnant William Calley und stellte den zur Rede: Er habe seine Befehle, sagte der Platoon-Führer, Thompson solle sich gefälligst raus halten und verschwinden.

Der fügte sich. Zunächst. Doch im Abflug sah er, wie US-Soldaten eine weitere fliehende Gruppe von Zivilisten hetzten. Kurzerhand brachten er den Hubschrauber zwischen die Todgeweihten und die Blutrauschsoldaten. Um das Morden aufzuhalten, waren Thomsen und seine beiden Besatzungsmitglieder bereit, notfalls auf die Kameraden zu feuern. Durch diese Entschlossenheit gelang es, elf Menschen und später noch ein weiteres Mädchen zu retten, Mit Hilfe eines anderen Helikopters wurden sie aus der Hölle ausgeflogen.

Das Massaker an – offiziell – 504 vietnamesischen Zivilisten wurde zunächst vertuscht. Wie viele andere auch. Doch Seymour Hersh, damals ein junger Journalist, recherchierte die grausame Geschichte. Er sprach mit Leutnant Calley, hörte sich Berichte anderer an, schrieb alles auf – und kämpfte dann noch Monate, bis US-Medien sich bereit fanden, den ach so unamerikanischen Bericht zu drucken. Die »Life« zog nach. Auch »Newsweek« und das »Time-Magazin« entsetzten die Leserschaft weltweit. Es war die Zeit, da die Anti-Kriegs-Proteste in den USA anwuchsen. Immer mehr junge Männer verbrannten ihre Einberufungsbefehle.

Journalist Hersh bekam 1970 den Pulitzer-Preis zuerkannt und die Chance, weitere Aufsehen erregende Reports zu recherchieren. Leutnant Calley wurde – als einziger am Massaker beteiligter Soldat – am 31. März 1971 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Tags darauf verfügte US-Präsident Richard Nixon seine Entlassung aus dem Gefängnis in den Hausarrest. 1974 wurde Calley endgültig begnadigt. Pilot Thompson erhielt 1998, also 30 Jahre nachdem er all seinen Mut und Anstand zusammengenommen hatte, die Soldier’s Medal. Es ist die höchste Auszeichnung für einen Angehörigen der Streitkräfte für heldenhaftes Verhalten ohne Feinberührung.

Der Massenmord von My Lai ist kein Einzelfall

Was bekamen die Bürger von My Lai? Am Freitag dieser Woche eine Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Massakers. Denn: Ihr Ort ist berühmt wie Oradour in Frankreich oder Lidice in Tschechien, wo deutsche SS-Verbände Vergleichbares verübten. Um solchem Morden ein für allemal Einheit zu gebieten, waren US-Soldaten 1944 am Strand der Normandie gelandet und hatten sich bis über den Rhein vorangekämpft.

Der Massenmord von My Lai ist kein Einzelfall. Die USA haben zahllose und unvorstellbare Kriegsverbrechen in Vietnam begangen. Doch letztlich siegte David gegen Goliat. Am 30. April 1975, da waren die US-Soldaten schon geflohen, wurde Saigon von südvietnamesischen Partisanen und nordvietnamesischen Truppen eingenommen. Jedes Jahr feiern die Menschen in den 1. Mai hinein den Sieg und die wiederhergestellte staatliche Einheit des Landes. Dabei ist man sich wohl der eigenen Schwäche bewusst. Anders, als zu Zeiten, da sich Vietnams Patrioten gegen französische und US-Eindringlinge zur Wehr setzten und sich dabei auf die Solidarität sozialistischer Bruderstaaten verlassen konnten, steht Vietnam heute alleine da. Politisch, ökonomisch, militärisch. Chinas Aufstieg zur Weltmacht und der vor allem wirtschaftlich bedingte Territorialstreit im Südchinesischen Meer bereiten dem um Neutralität bemühten Vietnam Sorgen. Man sucht den Ausgleich, hofft, nicht erpressbar zu werden und rüstet das Militär. Gegen wen auch immer.

Im November vergangenen Jahres hatte sich US-Präsident Donald Trump bei einem Staatsbesuch in Vietnam – durchaus eigennützig – als Vermittler angeboten. Vor wenigen Tagen lag erstmals seit dem Ende des Krieges wieder ein US-Flugzeugträger in Vietnams Hoheitsgewässern. Der viertägige Besuch der »USS Carl Vinson« in Da Nang werde dazu beitragen, »Frieden, Stabilität, Sicherheit, Zusammenarbeit und die Entwicklung der Region zu gewährleisten«, erklärte das vietnamesische Außenministerium. Da Nang war der größte US-Stützpunkt zu Zeiten des Krieges, hier entstehen zwischen noch präsenten Flugzeugbunkern mit Dollar-Millionen Bettenburgen für westliche Touristen.

Die Erben des Krieges

Was ist geblieben vom Krieg, in dem zwischen zwei und fünf Millionen Vietnamesen und 58 220 US-Soldaten umgekommen sind? Viele Behindertenwerkstätten und eine unbekannte Anzahl abgeschotteter Pflegeeinrichtungen, in denen vor allem Nachkommen jener Eltern umsorgt und versteckt werden, die mit dem von den USA versprühten Entlaubungsmittel Agent Orange in Berührung gekommen sind. Die Alten erinnern sich an das Leid. Die Jungen hoffen auf Jobs, Wohnungen, Kindergartenplätze.

Vor dem ehemaligen Regierungspalast in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem einstigen Saigon, hat man siegreiche Panzer auf Sockel gestellt. Touristen führt man nach Cu Chi, 40 Autominuten vor der Stadt. Die unterirdische Festung war einst ein Zentrum des Widerstandes. 248 Kilometer misst das gegrabene Labyrinth aus Gängen, Höhlen und schmalen Stollen. In einem alten Schwarz-Weiß-Film wird dort auch an die Toten von Son My erinnert. Und während der Film läuft, knattern auf dem Museumsgelände Maschinengewehre. Die Salven werden unterbrochen von Schüssen aus Sturmgewehren. Auf der »National Defence Sports Shooting Range« kostet ein Schuss einen Dollar. Welch Schnäppchen. Die Touristen feuern bis die Läufe glühen.

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