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  • Berlin
  • Untersuchungsausschuss tagt in JVA Moabit

Im Umfeld des Anis Amri

Untersuchungsausschuss befragt Zeugen in der Justizvollzugsanstalt Moabit

  • Von Felix von Rautenberg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wie lebt es sich mit einem Terroristen zusammen? Um das Umfeld und die Motive des Attentäters Anis Amri besser zu verstehen, befragte der Untersuchungsausschuss »Terror auf dem Breitscheidplatz« des Abgeordnetenhauses am Freitag einen in der Justizvollzugsanstalt Moabit inhaftierten Tunesier.

»Das einzige, was uns beide verbunden hat, war, dass wir die gleiche Herkunft haben. Wir hatten einen gemeinsamen Bekannten und haben uns in Berlin kennengerlernt. Es war ein Zufall, dass er zu uns gekommen ist«, erklärt der 28-jährige Mohammed D., kurz nachdem ihn zwei Justizbeamte in den Konferenzsaal der Justizvollzugsanstalt führen, wo er aus Sicherheitsgründen vernommen wird.

Im sächsischen Freiberg als Asylsuchender gemeldet, lebte der Zeuge seit 2014 in der Hauptstadt, wo er zuerst eine Wohnung am Charlottenburger Mierendorffplatz unterhielt, in der später auch Anis Amri wohnte. Danach war er mit seinem Bruder und Amri in eine Neuköllner Wohnung nahe der Grenzallee gezogen.

»Wie lief das Zusammenleben mit Amri ab? Hat er versucht, Sie mit in die Moschee zu nehmen?«, fragt der Ausschussvorsitzende Burkard Dregger (CDU). »Die meisten Diskussionen drehten sich zu 90 Prozent um Dinge, die nichts mit Religion zu tun haben. Er fand das Leben in Tunesien besser als in Deutschland«, sagt der Befragte, dessen Worte von einem Dolmetscher übersetzt werden. Von Amris Kontakten zum dschihadistischen Milieu weiß der Zeuge nichts. Er beschreibt seinen ehemaligen Mitbewohner als frommen Muslim, der weder trank noch Drogen nahm. Auch der Name der Fussilet-Moschee, in der der Attentäter vor dem Anschlag ein und aus ging, ist dem Befragten unbekannt: »Ich schwöre, dass ich diesen Ort nicht kenne.« Der Zeuge kann sich nicht daran erinnern, dass Amri versucht haben sollte, ihn zum Islamismus zu bekehren. »Er hat mir nur dazu geraten, zu beten. Wir lebten in verschiedenen Welten. Ich hatte meine und er hatte seine. Er hat immer alleine gebetet«, so der Tunesier, der nach eigenen Aussagen selbst erst drei Monate nach dem Anschlag von der Polizei befragt wurde.

»Wie erklären Sie sich den Anschlag?«, fragt der Abgeordnete Benedikt Lux (Grüne). »Ich habe den Anschlag für unmöglich gehalten. Ich habe nicht gespürt, dass er hasserfüllt war«, so der Befragte, dem jegliches Motiv des Attentäters unklar ist. »Das Meiste, was er mir hier immer erzählte, war, dass er so viel Geld wie möglich verdienen will, dass er eine Familie gründen und dann zurück in die Heimat gehen will«, antwortet Mohammed D.

Der befragte Straftäter war nach einer Schlägerei im Drogenmilieu zu einem Jahr und acht Monaten Haft wegen gefährlicher Körperverletzung, Waffendiebstahls und Einbruchs verurteilt worden. Dem Urteil zufolge hatte der Tunesier zusammen mit Amri und weiteren Männern im Juli 2016 in einer Shisha-Bar in Neukölln eine andere Gruppe mutmaßlicher Drogendealer attackiert, unter denen sich ein Mitglied einer bekannten Großfamilie befunden haben soll.

Nach Schilderungen des Zeugen hätte Amri sogar mit einem Messer auf einen Mann eingestochen. Zu Amris früherer Rolle im Drogenmilieu erklärt Mohammed D.: »Alle Leute wussten, dass er Drogen kauft und verkauft.«

Schon vor dem Anschlag stand Amri im Fokus von Polizei und Justiz, denen es aber nicht gelang, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Nach Aussage des Zeugen hatte er versucht, sich nach dem Vorfall in der Shisha-Bar über die Schweiz nach Italien abzusetzen, wobei er festgenommen wurde und wieder nach Berlin kam. »Die lassen mich immer wieder frei, weil sie nichts gegen mich in der Hand haben«, soll er damals zum Zeugen gesagt haben.

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