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Die Mauer soll weg - aber nicht ganz

Jahrzehntelang wurde das Erkundungsbergwerk in Gorleben von dem Bauwerk umgeben

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Mauer ist rund vier Meter hoch und zweieinhalb Kilometer lang. Obendrauf liegt scharfkantiger NATO-Draht, auf den Eckpfeilern waren zeitweise Wasserkanonen montiert. In den 1980er Jahren errichtet, umgibt dieses Bauwerk das Gorlebener Erkundungsbergwerk. Der Salzstock darunter wurde Jahrzehnte lang auf seine Tauglichkeit als Endlager für hochradioaktiven Atommüll untersucht.

Immer wieder rannten Atomkraftgegner gegen die Mauer an, teilweise konnten sie sie sogar überwinden: An einem Neujahrstag wurden Leitern und alte Teppiche herangeschafft, Aktivisten kletterten mithilfe des Materials über Mauer und Drahtverhau. Häufig gab es vor dem Tor Blockaden. Feste wurden dort gefeiert, und einmal gar eine veritable Hochzeit. Hunderte Farbbeutel zerplatzten im Lauf der Jahre auf dem Beton, Hunderte Graffiti mit Anti-Atom-Parolen sind dort verewigt.

Im Zuge des Neustarts bei der Endlagersuche wurden die Erkundungsarbeiten im Salzstock im Jahr 2013 eingestellt. Um den Konflikt zu beruhigen, soll in diesem Jahr - etwas später, als zunächst angekündigt - auch die Mauer abgebaut und durch einen »industrieüblichen« Sicherheitszaun ersetzt werden. »Mit dem Rückbau der Mauer beginnen wir im dritten Quartal«, sagt Monika Hotopp von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), die das Bergwerk betreibt. Der Rückbau werde »ein paar Monate dauern«.

Die Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, aus deren Sicht die Mauer »sinnbildlich den bewehrten Atomstaat« verkörperte, möchte nun erreichen, dass ein Teil des Mauerwerks erhalten bleibt. »Als Denkmal und als Mahnmal für eine verkorkste Atommüllpolitik«, wie BI-Sprecher Wolfgang Ehmnke sagt. »Aber auch als Meilenstein für einen erfolgreichen Kampf ›David gegen Goliath‹.«

Die Atomkraftgegner verweisen mit einigem Stolz darauf, dass sie den Bau eines Endlagers in Gorleben bis heute verhindern konnten. Von den ursprünglichen Plänen, im Gorlebener Wald ein »Nukeares Entsorgungszentrum« mit Endlager, Zwischenlager, Wiederaufarbeitungsanlage und weiteren Nuklearfabriken zu errichten, hätten sich Staat und Atomwirtschaft wegen des anhaltenden Widerstandes der Bevölkerung schon früh verabschieden müssen.

Die BGE zeigt sich durchaus offen für den Vorstoß der Umweltschützer. »Mit der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg sind wir bereits in Kontakt«, sagte Sprecherin Hotopp dem »nd«. »Wir überlassen ihnen gern ein Stück von der Mauer.«

Das Mauerstück wäre bereits das dritte Mahnmal im Gorlebener Wald: In Einzelteile zerlegt und auf elf Tieflader verteilt, hatte Greenpeace 2013 das frühere Aktionsschiff »Beluga« nach Gorleben gebracht. Kaum 100 Meter vom Tor des Bergwerks entfernt, setzten Handwerker das Schiff wieder zusammen. Mehr als 300 Atomgegner feierten die »Schiffstaufe« seinerzeit mit Kaffee und Kuchen.

Ganz in der Nähe, in einer Schneise im Kiefernwald, stehen drei große Kreuze. Das erste hatten Umweltschützer bereits im Jahr 1988 vom bayrischen Wackersorf über rund 1100 Kilometer zu Fuß nach Gorleben geschleppt. Seitdem versammeln sich hier bei Wind und Wetter jeden Sonntag Menschen zum »Gorlebener Gebet«. Sie halten Andachten ab, singen Lieder und mahnen einen anderen Umgang an mit Atommüll und der Umwelt überhaupt.

Mehrere dieser Veranstaltungen wurden auch schon von Juden, Muslimen oder Kirchenfernen geleitet. »Gorleben ist nicht nur Synonym für den energiepolitischen Irrwitz, der Ausdruck im Strahlenmüll findet«, sagt Wolfgang Ehmke. »Es ist auch Ort der Hoffnung auf eine Umkehr und eine außergewöhnliche Form der interkulturellen Verständigung.«

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