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  • Kultur
  • Rezension von Shakespeares "Rom" am Deutschen Theater

Bis an die Zunge bewaffnet

Shakespeare, ein Ragout: »Rom« am Deutschen Theater Berlin

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Am Anfang ein Abgang. Mit Stinkefinger. Er gilt uns. Das Kind, das ihn zeigt, mit einer Kapuzenkluft nah der Vermummung, hat vorher »Rom Republik« blutrot an die Bretterwand geschmiert. Eine Art Bauzaun, der sich über einer Bühne hebt, die über drei Stunden lang zerrümpelt und zusammengeklaubt wirken wird. Eine Drehbühne mit skelettiertem Klavier, einigen Stühlen, Kulissenhinterwänden, expressiv-abstrakten SchwarzWeiß-Tafeln, die wohl versuchen, Albtraumkurven nachzuzeichnen. Vorn ein Verhandlungstisch, von dem es heißt, er sei der runde. Michael Goldbergs roher, ruppiger Coriolan zeigt grinsend auf die Kanten des Tisches. Der Politikbetrieb jedenfalls ist eröffnet, es werden bezügliche Worte fallen: Koalition, Sicherheit, Neuwahlen, starke Männer.

Einmal hinschauen - und wissen: Das Theater ist ein gehetztes Wesen. Gehetzt wird es von Goethe. Genauer: von seiner Frage im »Vorspiel« zu »Faust«, da der Theaterdirektor sich quält: »Wie machen wir’s, dass alles frisch und neu und mit Bedeutung auch gefällig sei?« Neu, frisch, gefällig. Neu? - wo doch die meisten Stücke sehr alt sind. Frisch? - wo doch alles schon tausendmal gesagt und gezeigt worden ist. Gefällig? - wo das Theater doch aber aufrütteln und Geist wie Herz ungefällig aufstören soll.

In solchen Nöten verwandelt das Theater Hamlet auch gern mal in einen Gebrauchtwarenhändler, lässt Schillers Räuber sich auf dem Mond austoben, verlegt den russischen Kirschgarten an eine Autobahnraststätte, und der Woyzeck aus dem Neubaublock nebenan leidet, weil ihm gewissermaßen Hartz V droht. Es ist nicht weit bis zur Vorstellung, Horst Seehofer eröffne in irgendeinem Stück gemeinsam mit Sahra Wagenknecht Loriots berühmte Boutique in Wuppertal. Jede Marionette im Machtzirkus taugt für jede noch so abwegige Assoziation. Und das Theater ist dankbar dafür. Ja, ein gehetztes Wesen.

Im Schwange ist auch der Zusammenschnitt: mehrere Stücke in einem. Serien-Sog. Hommage an die Collage. Immerhin, das brachte ganz große Theaterabende: Luk Percevals »Schlachten«, Karin Beiers »Die Rasenden« - dämonische Reisen in Gewissensgalaxien: Shakespeare, Antike. Am Deutschen Theater Berlin inszenierte Stephan Kimmig vor Jahren »Ödipus Stadt«, eine Kurzfassung griechischer Tragödien. Gebündelt hatte das John von Düffel. Trefflich, mit hohem Sinn für ein Verfugen, bei dem sich Altes zu Neuem fügte.

Dieser Dramaturg - selber Romancier und Dramatiker - beherrscht also sein Kopfwerk. Ein Merkel-Methodist: Wir straffen das! Jetzt hat er für Karin Henkel, eine der stärksten Regisseurinnen, Shakespeare in sein Behandlungszimmer geholt: »Coriolanus«, »Julius Cäsar«, »Antonius und Cleopatra« (Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Tabea Braun). Der britische Gigant auf dem Prokrustesbett: wegschneiden, was die Versuchsanordnung stört. Bei Shakespeare stehen die Mörder irgendwann einsam im Weltall ihrer Ängste. Das hält sie uns nah. Fürs Weltall ist hier kein Platz - doch immerhin für dessen Kälte.

Drei römische Helden, aus mehreren Jahrhunderten so zusammengeschnurrt, als ginge deren Ära ineinander über - für die Porträtskizze einer geschichtsprägenden Struktur: Wer nach ganz oben gelangt, durch Erbfolge oder Kriege, der ist von Beginn an tief gesunken. Und versteht die jeweilige Welt, die er zugrunde richtet, erst im Moment, da er selber zum Opfer wird. Ehrgeiz geizt mit wahrer Ehre. Die Welt bleibt eingeklemmt zwischen denen, die Meinungsverschiedenheiten mit der Zunge lösen, und denen, die lieber die Zähne nehmen. Die einen sind bis an die Zunge, die anderen bis an die Zähne - bewaffnet. Demokratie? Unbedingt: Du gibst mir dein Geld, und ich lasse dir dein Leben. Shakespeares Zähne. Düffels Verzahnungen. Um unserer Zeit mit flotter Zunge auf den faulen Zahn zu fühlen. Denn: Rede keiner von geschichtlicher Aufwärtsbewegung, nur weil das Wort Utopia im tönenden Munde des jeweiligen Erlösers wie ein schöner Goldzahn glänzt.

Des Abends Rumor kommt aus der Revue. Er kennt den realen Stimmungs-Mulm rundum und zerrt ihn, zackzack, ans Licht: die Machtstreber charakterlos, die Freiheit ein Werbeslogan der Gitterbauer, die Gerechtigkeit eine Lüge, der Tyrannenmord aus der Mode und zudem vergeblich, die Diktatur ein Pulverfass, die Republik ein Palaverfass - »Nation und Volk umkreisen wir wie ein Tabu«, lese ich beim Dichter Uwe Kolbe. Parolen und Gegenparolen paradieren, als sei die Öffentlichkeit ein Exerzierplatz. Oder gar Exekutionsplatz. Und im Wahlerfolg versteint der gängige Politiker und meint, er würde Denkmal. Das Volk sei feige, sagt Coriolan. Wär’s denn besser, wenn das Volk Mut fasste?

Klare Ansagen. Gut. Grell. Griffig. Aber da müssen gleich drei Mütter auf Coriolan einreden, sich zum Konsul wählen zu lassen. Da muss am langen Sitzungsmöbel Tischtennis gespielt werden. Da muss die Königskrone an einer Angel hängen, und die Kinder schnappen danach. Da müssen die Hochhäuser auf einer Fotowand auf dem Kopf stehen, denn alles steht heutzutage auf dem Kopf. Da steht ein Eimer, und jeder muss sich die nackten Unterarme blutbemalen. So festigt sich beim Zuschauen ein merkwürdiger, vielleicht ungerechter Reflex: Es wächst die Allergie gegen Einfälle. Regie-Einfälle sind nötig, aber man darf nicht den Eindruck bekommen, die Aufführung habe sie nötig. Hier ist alles so deutlich, so thesendick, aber seelendünn. Shakespeares Unsterblichkeit auf GroKo-Niveau: grobe Komik. Das Potpourri als Plotpüree: Der Mixer dreht sich immer schneller.

Benjamin Lillie und Camill Jammal geben den wechselnden Spießernachwuchs, karikieren zwei Thronfolgerblässlinge, und ihre Volkstribunen - gleichsam die Linken der Szenerie, mit engen roten Jäckchen und Gewerkschaftsmegaphon - sind nichts weiter als Klemm-Mappen, die laufen können. Opposition als Lachnummer. Und Kate Strong als denglisch schnarrende Kommentatorin ordinährt sich genüsslich vom turbulenten Tempo des Intrigantenstadls. Spät erst vertieft sich die Bühne zum reizvoll schwarzen Schacht, darin der elektronische Stimmenhall zur akustischen Drohkulisse wird: Kollektivgeraun, Murren der Menge.

Und: Der Kostümmischwelt aus T-Shirt, Jogginghose, nuttigem Seidenstrumpf und Militärlook entstrahlt schauspielerischer Glanz! Felix Goeser ist der Cäsar-Mörder Brutus; grandios, wie alles Zögern, alle Zerrissenheit aus den Verblüffungen eines nahezu unbewegten Gesichts erwächst. Als hätte die Blässe des Erschreckens tausend Farben Bleiche. Beim lauernden Rededuell zwischen ihm und Antonius, dem Vertrauten Cäsars, blitzt eine beklemmende Schärfe auf, die der gesamte Abend hätte haben können: Immer produziert der Weg zur Macht einen geradezu metaphysischen Appetit aufs Schuldigwerden.

Bestechend verführerisch auch Manuel Harder als dieser verschwitzte, gepresste, innerlich bebende Antonius. Er hatte in Brutus’ blutige Hand eingeschlagen, nun streckt er die eigenen befleckten Finger wie ein Schandmal von sich weg - und wird zum Schluss ein lederhosen-lässiger Lebemann der zynischsten (aber doch irgendwie sympathischen) Menschenverachtung sein. Das ist der Einblick in alle Zukunft dieses Roms: Die wird nichts mehr wissen von dem, was die Mitglieder einer Gesellschaft wirklich bindet.

Berührend Bernd Moss beim kurzen, schmerzlich ernsten Auftritt als cäsarischer Soldat: Heimat, Vaterland, das waren die Energiespender seiner Dienstpflicht - aber wo bleibt das ehrenwert Eigene im Transit der marodierenden Halbwerte? Das greift und lässt ein besänftigendes, also beunruhigendes Fazit zu: Das Format unserer Gegenwart ist derart zerbeult, dass selbst dieses Stücke-Ragout, diese absichtsvoll schmalhansige Düffel-Dosis Shakespeare, diese Draufhau-Dröhnung (ja, so isses!) ein reales Gefühl bekräftigt: Angst nämlich, vor jenen Selbstzerstörungskräften, die auch unserer Gesellschaft die Fähigkeit rauben könnten, Gnade mit sich selbst zu haben. Alles Republikanische: eine Posse des Verrottens? Der Stinkefinger ins Publikum, am Beginn des Abends, galt uns Römern. Vielleicht der warnwichtigste Moment: Geschichte lehrt nie, was wir tun sollen, wohl aber, womit wir rechnen müssen.

Nächste Vorstellungen: 22. März, 3. und 11. April

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