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  • Politik
  • Warnstreiks im öffentlichen Nahverkehr

Staus von bis zu 20 Kilometern

Warnstreiks legen Nahverkehr im Ruhrgebiet lahm - auch Kitas bleiben geschlossen

  • Von Sebastian Weiermann und Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 4 Min.

Dienstagmorgen in Dortmund. In der Stadt hat es geschneit. Straßen und Plätze sind weiß. Doch der Verkehr auf der Ruhrgebietsautobahn A40 staut sich nicht nur deswegen, sondern auch wegen des Warnstreiks im öffentlichen Dienst. Busse und Bahnen blieben an diesem Morgen in den Depots. Viele Arbeitnehmer wichen aufs Auto aus. Das Ergebnis: Staus von bis zu 20 Kilometern Länge und Verzögerungen von bis zu einer Stunde. Auch zahlreiche öffentliche Einrichtungen wurden bestreikt. Städtische Kindertagesstätten, Kliniken, Seniorenzentren oder Sparkassen blieben geschlossen. Wie in Dortmund sah es an diesem Tag in vielen Städten entlang von Ruhr und Rhein aus. Nordrhein-Westfalen erlebte seine erste große Warnstreikwelle im Öffentlichen Dienst. Laut der Gewerkschaft ver.di beteiligten sich rund 26.000 Beschäftigte an den landesweiten Aktionen.

Für andere Arbeitnehmer kann das unangenehm sein. Patricia, Ende 30 und in einem Dortmunder Außenbezirk lebend, ist mit dem Taxi zum Hauptbahnhof gefahren. Sie arbeitet in Schwerte, ein Stück südlich von Dortmund. Dort soll am Mittwoch gestreikt werden. Um die 20 Euro zusätzlich dürfte das an jedem Tag kosten, erzählt sie. Trotzdem hat sie Verständnis für die Forderungen der Streikenden. Mehr Geld für die Beschäftigten, vom Busfahrer bis zur Erzieherin, findet sie richtig. »Roboter können das wohl kaum erledigen«, sagt sie.

Die Arbeitgeber haben bislang kein Angebot für die rund 2,3 Millionen Tarifbeschäftigten des öffentlichen Diensts des Bundes und der Kommunen vorgelegt. Die Gewerkschaft ver.di hatte deshalb nach der gescheiterten zweiten Verhandlungsrunde zu Warnstreiks aufgerufen. Gefordert wird ein Gehaltsplus von sechs Prozent, mindestens soll der Lohn aber um 200 Euro monatlich steigen. Diese »soziale Komponente« ist am meisten umstritten. Sie würde in einer niedrigen Entgeltgruppe bis zu elf Prozent mehr bedeuten.

Überall im Bundesgebiet machten Beschäftigte am Dienstag Druck für diese Forderungen. In Schwerin legten etwa 80 Beschäftigte der Stadtverwaltung und städtischer Dienstleister für zwei Stunden die Arbeit nieder. In Thüringen beteiligten sich etwa 170 Mitarbeiter von Kommunen und Bundeseinrichtungen. Statt der sonst obligatorischen Proteste mit Trillerpfeifen stellte ver.di Thüringen verdienstvolle Mitarbeiter aus Verwaltung, Stadtreinigung oder Kultureinrichtung in den Mittelpunkt. Bei der »Roten-Teppich-Aktion« vor dem Hauptbahnhof wurden die Beschäftigten stellvertretend für ihre Kollegen mit Urkunde und Ehrennadel ausgezeichnet.

Die Dortmunder waren gut vorbereitet auf den Ausstand. An den U- und Straßenbahnhaltestellen fand sich fast niemand, der ratlos wartete. Kein Wunder, schließlich war der Streik in allen lokalen Medien ein zentrales Thema in den letzten Tagen. Nur zwei Roma-Frauen stehen mit ihren Kindern an einer Haltestelle im Norden und schauen immer wieder auf ihre Uhren. Lautstark unterhalten sie sich darüber, dass der Bus nicht kommt. Die Erklärung, dass die Busfahrer streiken, weil sie mehr Lohn bekommen wollen, können sie nicht nachvollziehen. »Deutschland ist gut, warum machen die das?«, fragt eine der beiden Frauen.

Warum er das macht, kann Tim leicht erklären. Als Auszubildender bei den Verkehrsbetrieben verdient er knapp 700 Euro im Monat. »Wir haben jeden Tag Stress mit Fußball, Party und Besoffenen.« Tim findet, ihre Arbeit sei 100 Euro mehr wert, die ver.di für Azubis und Praktikanten durchsetzen will. Nach der Streikkundgebung in der Innenstadt will er nach Hause fahren, ein Abendessen für seine Freundin kochen und ein bisschen an der Playstation spielen. Er wird am nächsten Tag wieder normal zur Arbeit erscheinen. Dafür hat die Gewerkschaft in anderen Städten Warnstreiks angekündigt. Sie will den Schwerpunkt bei den Verkehrsbetrieben am Mittwoch auf das Rheinland legen. So sollen dann in Köln, Düsseldorf und Bonn weder Busse noch U-Bahn oder Straßenbahnen fahren.

Ob Tim und seine Kollegen wirklich nennenswert mehr Geld bekommen, wird sich nach Ostern entscheiden. Der Verhandlungsführer der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), Thomas Böhle, geht davon aus, dass sich beide Seiten in der dritten Verhandlungsrunde am 15. und 16. April in Potsdam einigen. Bis dahin dürften jedenfalls einige Tausend Beschäftigte des öffentlichen Diensts mit ihren Warnstreiks gezeigt haben, wie wichtig sie sind.

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