Werbung

Halbherzige Präventionspolitik

23. Kongress für Armut und Gesundheit: Ungerechtigkeit verfestigt sich

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Zusammenhang zwischen Armut und ungesundem Lebensstil einschließlich kürzerer Lebenserwartung verfestigt sich in Deutschland. Daten des Robert-Koch-Institutes (RKI) belegen das. Dem 23. Kongress »Armut und Gesundheit«, der am Dienstag in Berlin eröffnet wurde, gehen also die Gesprächsthemen nicht aus. Über 2000 Aktivisten und Beschäftigte aus vielen Bereichen sozialer Arbeit versammelten sich zum Austausch und zur Kritik am ungleichen Zugang zu Gesundheitsversorgung.

Eigentlich kann die Gesundheitsberichterstattung auf nationaler Ebene durchaus auf positive Entwicklungen verweisen. Weniger Erwachsene und Jugendliche rauchen, mehr Menschen treiben Sport. Diese Trends sind aber vor allem denjenigen mit »höherem Sozialstatus« zu verdanken, ein Merkmal, das aus Beruf, Bildung und Einkommen gebildet wird. Ist der Sozialstatus niedriger, rauchen 11- bis 17-Jährige nach wie vor häufiger, nämlich acht Prozent von ihnen, während es bei den Betuchteren nur vier Prozent sind. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Antworten von Müttern auf die Frage, ob sie in der Schwangerschaft geraucht hätten. Unter denen mit niedrigerem Sozialstatus taten das 27 Prozent gegenüber zwei Prozent auf der anderen Seite der Skala. Ähnliche Unterschiede lassen sich beim Übergewicht, bei der körperlichen Aktivität oder beim Risiko für chronische Krankheiten nachweisen.

Die aktuellen Daten für Kinder und Jugendliche entstammen der »Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland«, vom RKI gerade für die Jahre 2014 bis 2017 durchgeführt. Die Unterschiede, so Thomas Lampert, RKI-Fachgebietsleiter, hätten sich gar ausgeweitet. »Das zeigt, dass andere Zugangswege für die Prävention nötig sind, schließlich sollen nach dem entsprechenden Gesetz von 2015 alle erreicht werden.«

Das Präventionsgesetz könnte ein Ansatz sein, Hilfe für Benachteiligte nach deren Bedürfnissen zu leisten. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, wie Rolf Rosenbrock kritisiert. Der Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes bemängelte zunächst, dass eine wissenschaftliche Begleitung für die Umsetzung des Gesetzes nicht vorgesehen ist. Gesundheitsfördernde Maßnahmen würden eher von »oben« vorgeschlagen, gestaltet und durchgeführt als unter Mitwirkung der Beteiligten entwickelt. 46 Prozent der Interventionen in Betrieben zielten auf das Verhalten der einzelnen, in Kitas oder Schulen seien es 36 Prozent. Von Veränderung der Verhältnisse sei dabei wenig die Rede.

Für Rosenbrock werden damit »alte Methoden unter einem neuen Etikett« verkauft. Sein zweiter Kritikpunkt betrifft die mangelnde Kooperation der Krankenkassen, sowohl untereinander als auch mit anderen Beteiligten. Abgesehen von Ausnahmen betrieben die Kassen »aktives Marketing« - besonders gern an Kitas, Schulen und Betrieben, in denen gutgestellte Versicherte zu erwarten seien. Aus Sicht des Gesundheitswissenschaftlers fehlten im Gesetz die Anreize, die vorhandenen Spielräume wirklich zu nutzen. Weiterer Druck auf Bundesregierung und Sozialversicherungsträger sei unverzichtbar.

Wenn ärztliche Hilfe nötig ist, bleiben auch in einem der reichsten Länder der Welt immer noch Hunderttausende Menschen von der medizinischen Behandlung abgeschnitten. Für nicht Versicherte und Beitragsschuldner kann das zu finanziellen Notlagen führen, erklärt Johanna Offe von der Organisation Ärzte der Welt. Menschen ohne Papiere riskierten, bei Beantragung eines Krankenscheins vom Sozialamt an die Ausländerbehörde gemeldet zu werden - und möglicherweise ihre Abschiebung. Für Asylsuchende in den ersten 15 Monaten ihres Aufenthalts wurde vom Gesetzgeber der Versorgungsanspruch unter das medizinisch Notwendige abgesenkt. Auch prekär Beschäftigte aus EU-Staaten haben oft keinen Zugang. Für einige stehen zudem Sprachbarrieren vor medizinischer Hilfe. Sicher gibt es ehrenamtlich Engagierte, die aktiv sind. Aber immer mehr von ihnen, auch Johanna Offe, sehen die Sicherung einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung für alle als staatliche Aufgabe.

Die Bundesländer können einiges bewirken, hofft Boris Velter, Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit und Pflege. Der SPD-Politiker kündigt an, dass Berlin als erstes Bundesland eine Clearingstelle für Menschen mit unklarem Versicherungsstatus schaffen werde. Es soll ein Fonds aufgelegt werden, über den anonymisierte Behandlungsscheine finanziert werden könnten.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen