Zwischen Utopie und Ironie: Was für erstaunliche Visionen!

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.
2322 wird das »Auge der Welt« gebaut werden, ein »Zentrum zur optischen Erforschung des Universums. Der Menschheit wird es erstmals vergönnt sein, gemeinschaftlichen Auges in die entferntesten Winkel des Kosmos zu blicken«. - Ein Bild Pavel Pepperstein aus dem Band »Stadt Russland«. Von 2042 bis 9005, wenn man Wolkenkratzer wie Grashalme züchten kann, reichen seine architektonischen Visionen. Mit spielerischer Phantasie - und ernstem Hintergrund.

Am 12. November 2007 hatte sich der Moskauer Künstler in einem offenen Brief an die Gouverneurin von Sankt Petersburg, den Oberbürgermeister von Moskau und nicht zuletzt an Präsident Putin gewandt, in dem er die Zerstörung wertvoller historischer Denkmäler kritisierte und die Bebauung durch neue Wolkenkratzer barbarisch nannte. Die sollten wohl die »Zugehörigkeit zur modernen Welt« symbolisieren. »In Wirklichkeit aber sinken Moskau und Sankt Petersburg … durch diese Veränderungen des Stadtraums auf das Niveau von Dritte-Welt-Städten nach einem Wirtschaftsboom herab.«

Eine solche »Zerstörung unter dem Anschein des Aufschwunges«, schreibt er, höhle die Seelen der Städte aus. Aber »der Sinn eines Landes« sei etwas, das - auch wenn es sich nicht in Worten ausdrücken lässt - sowohl von seinen Bewohnern als auch von der Außenwelt klar empfunden wird. Er lässt sich nicht auf die Idee der ökonomischen Entwicklung oder des Fortschritts reduzieren.

Da hätte den Adressaten, so der Brief sie überhaupt erreicht hat, wieder einmal das »Kommunistische Manifest« in Erinnerung kommen können, die Erklärung darin, wie das Kapital alles bis dahin heilig Gehaltene dem Gesetz der nackten Zahlung unterwirft. Nach Peppersteins wollte sie auch daran erinnern, mit welchen Zukunftsambitionen über das eigene Land hinaus die junge Sowjetunion einst angetreten ist. Zwischen Moskau und Petersburg eine neue Hauptstadt zu bauen, die »Stadt Russland« heißen sollte, wie es »der junge Architekt« vorschlug, wäre freilich auch damals schon an den wirtschaftlichen Möglichkeiten gescheitert. Tatsächlich knüpft Pawel Pepperstein an die Forderung der russischen Avantgarde an, durch Poesie das Leben neu zu erlernen und die Menschheit auf eine neue Stufe zu leiten, wie Wladimir Velminski es in seinem Nachwort ausdrückt. Seine Entwürfe für eine Stadt der Zukunft beginnen ja auch mit dem »Schwarzen Kubus«, einer Verneigung vor Kasimir Malewitschs »Schwarzem Quadrat«. Ein »Kandinsky-Turm«, der 2087 entstehen soll wird von fliegenden Wolkeninseln umkreist, auf denen sich Klöster befinden. »Die Wolkeninseln werden mit Sensoren versehen sein, die auf die geistige Tiefe derer, die sich ihnen nähern, reagieren. Jemand, der die nötige Stufe der inneren Vollkommenheit noch nicht erreicht hat, wird den Widerstand des Energiefeldes um die Wolkeninseln nicht überwinden können. Von Zeit zu Zeit werden sich die Wolkeninseln im Inneren des Kandinsky-Turmes versammeln, um sich zu wärmen.«

Immer wieder betrachten möchte man Peppersteins phantastische Entwürfe, und die Texte dazu bereiten zusätzliches Vergnügen. Denn dahinter verbirgt sich ja auch ein Gesellschaftsbild. Utopie und Ironie gehen darin faszinierende Verbindungen ein, und erstere, so will mir scheinen, erweist sich doch ein klein wenig überlegen. Weil der Künstler kein Zyniker sein, insgeheim an etwas glauben möchte, jenen »Sinn des Landes«, an dem zu zweifeln, die Wirklichkeit bisweilen zwingt.

Natürlich ist der Brief Peppersteins, den er mit »Der junge Architekt« unterschrieb, eine Art künstlerische Performance, und die zustimmende Antwort, die er von »Wolodja und Dima« (Putin und Medwedjew) erhielt, hat in Wirklichkeit sein Künstlerkollege Ilja Kabakov geschrieben. Alles nur ein großer Spaß? Das hängt vom Leser, vom Betrachter ab. »Der ideologische Horizont eines jungen Staates - des demokratischen Russlands - darf sich nicht auf die Idee des Wohlstandes und des Erfolgs des Einzelnen beschränken«, heißt es in besagtem Brief. Wie lange könnte man allein schon über diesen Satz diskutieren.

Pavel Pepperstein: Stadt Russland. Aus dem Russichen von Maria Rajer. Verlegt von Dmitri Dergatchev und Wladimir Velminski. Verlag Ciconia, 72 S., geb., 24,90 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung