neues-deutschland.de / 22.03.2018 / Seite 16

Der russische Mythos von Konstantinopel

»PHILO SOPHIA« - ein rätselhaftes Werk des Futuristen Iliazd

Karlheinz Kasper
Iliazd ist der Künstlername des russisch-georgisch-französischen Dichters, Romanciers, Verlegers und Buchkünstlers Ilja Sdanewitsch, geboren 1894 in Tbilissi, gestorben 1975 in Paris. Marinettis Manifest des Futurismus inspirierte ihn zu dem Slogan: »Ein Schuh ist schöner als die Venus von Milo.«

Schon als Jurastudent propagierte der Sohn eines polnischen Französischlehrers und einer georgischen Mutter in Petersburg und Tbilissi das Werk der Maler Natalija Gontscharowa, Michail Larionow und Niko Pirosmani. Im Rahmen der Gruppe »41°« entwickelte er gemeinsam mit Alexej Krutschonych und Igor Terentjew in Gedichten und Dramen die »hintersinnige« Za-Um-Sprache des russischen Futurismus. 1920 verließ Iliazd Tbilissi mit dem Reiseziel Paris, musste aber von Oktober 1920 bis November 1921 in dem noch von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs besetzten Konstantinopel auf ein Visum warten.

In Paris schuf er in enger Zusammenarbeit mit Pablo Picasso, Marc Chagall, Henri Matisse, Alberto Giacometti, Max Ernst, Joan Miro, Georges Braque und Paul Éluard bibliophile Kunstbände, die bis heute auf Auktionen Spitzenpreise erzielen.

Seiner Sprache und Kultur nach war Iliazd Russe. Seine literarischen Werke gerieten weitgehend in Vergessenheit. In deutscher Fassung existiert lediglich der Roman »PHILO SOPHIA«, der zum ersten Mal 2008 in Moskau nach einem lückenhaften russischen Manuskript gedruckt und jetzt von Regine Kühn meisterhaft übersetzt wurde. Verfasst wurde er 1930 in Paris auf den Rückseiten großer grauer Schnittmusterkartons. Iliazd arbeitete zu dem Zeitpunkt als Stoffdesigner und Direktor der zentralen Bekleidungsfabrik von Coco Chanel.

»PHILO SOPHIA« zeugt von einer unbändigen Fabulierlust, ist in einem modernistischen Stil geschrieben und weist zahlreiche groteske und absurde Züge auf. Handlungsort ist Konstantinopel, das alte Byzanz, als »Zargrad« ein Sehnsuchtsort und Mythos in der gesamten Geschichte der russischen Literatur. Hier haben 1920/21 Reste der Wrangel-Armee sowie zahllose russische Intellektuelle, Künstler und Aristokraten Zuflucht gefunden. Die Handlungszeit entspricht den dreizehn Monaten, die Iliazd in der türkischen Metropole verbrachte. Dort waberte in dieser Zeit das Gerücht, dass Sowjetrussland seinen Einfluss auf die Türkei ausdehnen, den Islam abschaffen und die Hagia Sophia in ein Bollwerk der Orthodoxie verwandeln wolle.

Der Roman wird aus der Perspektive eines anonymen Erzählers vorgetragen. Protagonist ist Iliazd, eine Figur, die einzelne Züge des Autors aufweist, aber keineswegs mit ihm identisch ist. Iliazd, heißt es, gehöre zur »Blütenlese der russischen Intelligenz«. Er habe Jura studiert, obwohl die Jurisprudenz ihm zutiefst verhasst sei. Er sei Dichter, habe aber »außer ein paar Bilderrätseln nichts geschrieben«. Er sei Atheist, aber »in das christliche Altertum verliebt«.

Dieser Iliazd ist ein Wanderer zwischen den Welten, ein linksorientierter Kosmopolit, der vom Untergang des russischen Imperiums überzeugt ist. Er bildet den Angelpunkt des Romans, um den sich mehrere Antagonisten bewegen, die unter wechselnden Namen agieren. Sie vertreten gegensätzliche »Philosophien« bzw. Ideologien, wollen Iliazd vor den Karren der Zionisten, der Freimaurer, Weißgardisten, Trotzkisten, türkischen Nationalisten, der Briten oder Amerikaner spannen.

Als geistiges Zentrum des rätselhaften Romans erweist sich das mythenreiche Konstantinopel, darin die Hagia Sophia als Zankapfel für den Islam und die orthodoxe Christenheit. 1920/21 tummelt sich hier ein buntes Völkergemisch. Jeder Klan hat seine Klubs, Theater, Tanzdielen, Bordelle und Kakerlakenwettläufe. Der Roman lässt offen, ob der »Sowjetwind« die Situation der Stadt verändern wird, ob nach dem Kaukasus auch die Türkei »rot« werden kann und aus »Zargrad« ein zweites »Leningrad« entsteht.

Literaturgeschichtlich beendet der Roman die »antinihilistische« Linie von Dostojewskis »Dämonen« und Andrej Belys »Petersburg«. Warum er »PHILO SOPHIA« heißt, ist schwer zu sagen. Zum einen gleicht der Titel einer Hommage auf die Hagia Sophia, das architektonische Kleinod, das den Künstler Sdanewitsch sein Leben lang faszinierte.

Eine tiefere Bedeutung bekäme der Titel, wenn man ihn auf die Losungen und Programme jener Figuren bezöge, deren Handlungen die Frage aufwerfen, ob jede Revolution »ein Triumph böser über gute Kräfte« sei. Diese Version wird vom Protagonisten Iliazd gestützt, der im 13. Kapitel spottet, Philosophie im Geiste der absurden Verschwörungstheorien des Romans unterscheide sich nicht vom türkischen Apfelschnaps.

Iliazd: PHILO SOPHIA. Aus dem Russischen von Regine Kühn. Mit einem Nachwort von Régis Gayraud und Anmerkungen von Sergej Kudravcev, Régis Gayraud und Regine Kühn. Matthes & Seitz, 384 S., geb., 30 €.