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92 Minuten im Imperativ

Kapitalismus und New Age: Die Dokumentation »Die stille Revolution«

  • Von Felix Bartels
  • Lesedauer: 3 Min.

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Vögel zwitschern, weites Waldland, norddeutsche Gezeiten, Füße im Watt. Diese Dokumentation über den Wandel der Arbeitswelt beginnt mit Bildern, die denkbar weit weg von dem liegen, was menschliche Arbeit ausmacht. Ist das schon Vergangenheit oder noch Zukunft? Wir sehen die Geschichte des Unternehmers Bodo Janssen, der eines Tages von seinen Angestellten gemocht werden wollte. Er krempelt seine Firma um, und seither sind alle glücklich.

Der Witz an der stillen Revolution ist, dass sie weder still noch eine Revolution ist. Man hört vielmehr wortreiche Erklärungen, wie die Welt zu verbessern sei, ohne dass man sie ändern müsse. Die romantische Idee von sich auflösenden Hierarchien und organischem Miteinander, die Fragen der Zuständigkeit und Führung als überholt verwirft, ist so hoffnungslos weltfremd wie die Vorstellung einer Politik ohne Macht. Nur das hier wurde nicht in einer Hippiekommune ausgesonnen, sondern in einem Milieu, das sich gern als Sachwalter der Rationalität versteht. Folgerichtig wird meditiert, viel Zeit im Kloster verbracht und der Himalaja bewandert.

Allerlei Biologen, Ökonomen, Berater und Unternehmer haben Sprüche im Tornister. »Ein Angestellter ist einer, den man morgens anstellt und abends wieder abstellt. Und zwischendrin passt man auf, dass er nichts anstellt.« - »Die Fleißgesellschaft ist überholt, aber in unseren Köpfen ist sie noch verankert.« - »Wir sind über viele Jahre darauf getrimmt worden, Know-how zu haben, aber wir haben kein Know-why mehr.« Ginge der Film eine halbe Stunde länger, könnte man einen ganzen Kalender damit füllen.

Für Entspannung sorgen die Bilder zwischen den Worten. Sie übersetzen das Gesagte in schöne Szenen und machen das behauptete Eldorado anschaulich. Das ist ästhetisch so sehr gelungen, dass man den nötigen Konter kaum vermisst. Bis zur letzten Sekunde erzeugt der Film kein einziges Moment des Widerspruchs. Auch das scheint seinem Macher nicht einfach unterlaufen zu sein; jeder Gedanke, gesprochen oder angedeutet, bleibt im Modus des Imperativs gefangen. Wo der Indikativ keine Rolle spielt, ist auch die Pflicht zum Abbilden von Widersprüchen verschwunden.

»Die stille Revolution« beruht auf drei Lehrsätzen: Wirtschaftliches Handeln hat nichts mit gesellschaftlichen Lagen und alles mit der Haltung der Unternehmer zu tun. Wenn ein Unternehmen nach dem anderen beginnt, vernünftig zu agieren, wird irgendwann die gesamte Arbeitswelt sich ändern. Ein Klassenkampf findet nicht statt. - Solche Irrlichter sind nicht neu, aber selten in dieser Dichte anzutreffen.

Die offensichtlichen Schwächen der Theorie werden durch zwei Finten gedeckt. Einmal erscheint die Vergangenheit des Kapitalismus schlechter, als sie tatsächlich ist, bloß drückend, autoritär, maschinell usf. - wodurch der Eindruck entsteht, dass Kreativität und Innovation erst heute allmählich zu Elementen des Produktionsprozesses werden. Zum andern beschweigt man intensiv die absolute Grenze, die dem Ansatz immer schon gesetzt ist, dass er nämlich nur für Unternehmen taugt, die ihn sich leisten können, weil auch der bestgemeinte Kapitalismus ein Kapitalismus bleiben muss und die Not der Konkurrenz alle guten Vorsätze auf den Boden zurückholen wird.

Folglich sehen wir damit zugleich ein Dokument des Narzissmus, indem berufsmäßige Macher glauben, dass alles, was sie tun, allein auf ihren Entscheidungen beruht. Alternative Titel wie »Deutsche Unternehmer schreiben am Faust III«, »Kapital & New Age« oder »Innenansichten einer Klasse« bleiben zu erwägen.

»Die stille Revolution«, Deutschland 2017. Regie: Kristian Gründling, Drehbuch: Kristian Gründling. 92 Min.

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