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  • Kultur
  • Das Museum des Kapitalismus in Berlin

Wenn der Lohnarbeitszwang klemmt

Ein Rundgang durch das widereröffnete »Museum des Kapitalismus« in der Köpenicker Straße

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 5 Min.

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Der Zwang zur Lohnarbeit klemmt ein wenig an diesem Sonntagnachmittag im kalten Vorfrühling 2018: Dreht man an dem Rad, das die Arbeit symbolisieren soll, hebt sich zwar das Gitter, hinter dem sich all die Waren befinden, die man so zum Leben braucht. Doch lässt man das Rad dann los, passiert - nichts. Das Gitter senkt sich nicht wieder vor die Lebensmittel. Man könnte jetzt also einfach zugreifen, ohne für Geld zur Arbeit gehen zu müssen.

Einige Besucherinnen - der vielleicht zwei Klassenzimmer große Raum in der Köpenicker Straße ist gut besucht -, lachen ein wenig, als sie diese Beobachtung machen. Nun, sagt eine, zeige dieses Exponat im »Museum des Kapitalismus« utopisches Potenzial, wenn auch an unerwarteter Stelle. Und vielleicht, meint sie, sei das ja auch im wirklichen Leben so. Dass sich nämlich die Brüche in der herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung gerade an solchen Stellen auftun könnten, an denen man sie nicht erwarte. Und an denen man sie daher auch nicht vorwegnehmend bearbeiten, nivellieren oder dethematisieren könne.

Eine kurze Diskussion hebt an, in der es im Grunde darum geht, wie dann solche Bruchstellen aufzugreifen seien und der Umgang mit ihnen organisiert werden könne. So hat das Exponat zum Thema »Waren« und »Lohnarbeitszwang« seinen Zweck also in der Verfehlung erfüllt - und doch wieder nicht.

Denn die Besucherinnen, die sich vor dem Sperrholzkasten mit dem an diesem Nachmittag dysfunktionalen Gitter vor den Waren unterhalten, sind kaum die Zielgruppe dieser Ausstellung, die 2015 bereits in Neukölln zu sehen war und nun ein neues Domizil gefunden hat.

Die Schau zu dem System, das Geld in Ware und dann in mehr Geld verwandelt, richtet sich offenkundig an Jugendliche. Auf einem Aushang werden Führungen für Schulklassen ab der zehnten Jahrgangsstufe angeboten. Und manche Exponate verlangen in ihrer Haptik sogar nach einer noch jüngeren Besucherschaft. So sind auf einem Tisch Playmobilfiguren arrangiert, mit denen sich die »ursprüngliche Akkumulation« begreifen lassen soll: Die eine Seite soll versuchen, mit Bauklötzen einen Zaun auf einer Wiese zu errichten, die andere hat die Aufgabe, denselben mit Bällen wieder einzuwerfen.

Unter anderem auf diese Weise entstand bekanntlich der Kapitalismus zum Beispiel im frühneuzeitlichen England: Flächen, die zuvor allen Dorfbewohnern zur wirtschaftlichen Verfügung standen, wurden privatisiert. Würden sich aber 15-Jährige an diesen Tisch setzen?

Interessanter für Menschen in dem Alter, das sich allmählich auf ein eigenständiges Leben vorbereitet, sind vielleicht andere Exponate. Etwa ein weiteres Holzrad, das beim Drehen zeigt, was ein Quadratmeter Mietwohnung kostete, wenn mit Wohnraum kein Profit gemacht würde. Oder jene Waage, in der sich die »Argumente« und Drohpotenziale von Unternehmen und Beschäftigten gegeneinander abwiegen lassen. Auch die Verteilung des Wohlstands in Deutschland bringt das Museum seinen Besuchern recht anschaulich nahe, indem ein Spielexponat zunächst die eigenen Vorstellungen davon abfragt und dann die statistisch messbare Realität zum Abgleich anbietet.

Andere Ausstellungsstücke scheitern ein wenig an ihrem Anspruch. Zum Beispiel jener Touchscreen, an dem sich erst Arbeitsfelder antippen lassen, die in einer Welt nach dem Kapitalismus als überflüssig erscheinen - und dann eine Berechnung erscheint, die anzeigt, um wie viele Stunden sich dadurch die gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeit verringert - ganz so einfach ist das dann auch wieder nicht.

Ein Rundgang im Museum des Kapitalismus zeigt insofern auch, wie schwierig es ist, ein System anfassbar zu machen, dessen theoretische Kritik mehrere Regalkilometer füllt. Und ein Blick in die ausgelegte Broschüre zum Projekt macht deutlich, in welches Minenfeld man sich bei seiner Kritik begeben kann.

Dem Heft ist zu entnehmen, dass sich die ehrenamtliche Initiative hinter dem Projekt nach ihrer ersten Ausstellung in Neukölln der Kritik ausgesetzt sah, ihre Darstellung finanzkapitalistischer Krisen fördere »strukturellen Antisemitismus«. Eine Kritik, die »eigentlich systemisch bedingte« Missstände »einer bestimmten Gruppe von Menschen« zuschreibe, sei »falsch«, schreibt die Gruppe jetzt. Nun soll die Ausstellung zeigen, dass auch Manager und Banker lediglich »gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen« ausgesetzt seien, die ihr Handeln bestimmen.

Doch so richtig es ist, sich nicht im Grundsatz auf eine moralisierende Unterscheidung zwischen einem guten Industrie- und einem bösen Finanzkapital einzulassen, so wenig trifft das neue Exponat in seiner diesbezüglichen Zurückhaltung etwa die jüngste große Finanzkrise. Denn das Verstecken hochriskanter Immobilienkredite in intransparenten »Finanzprodukten«, auf das sie zurückging, war keineswegs systemnotwendig. Hier ging es - bei Anbietern wie Käufern - um Gier. Und auch um kriminelle Energie.

Darüber hinaus beschreibt die von der Berliner Landeszentrale für politische Bildung geförderte Broschüre zahlreiche Exponate, die in den doch kleinen Raum an der Köpenicker Straße nicht hineinpassten. Trotz aller Kritik, die man an diesem Museum haben kann, wäre ihm mehr Platz zu wünschen. Und ein von der Gruppe gefordertes Schulfach »Wirtschaft«, das nicht von Prämissen der Natürlichkeit des Kapitalismus ausgeht, täte tatsächlich not.

Das sagt nach ihrem Rundgang auch jene Frau, die sich über den verklemmten Lohnarbeitszwang amüsiert hatte. Sie sei Lehrerin, sagt sie, und denke darüber nach, die Schau mit Schülern zu besuchen. Natürlich sei das etwas heikel im Staatsdienst - doch habe man ja immerhin eine rot-rot-grüne Landesregierung.

Köpenicker Straße 172, Kreuzberg, Mi, Do: 16-20 Uhr, So: 14-20 Uhr. www.museumdeskapitalismus.de

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