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Gewinne, Mängel, Inkompetenz

Die Deutsche Bahn lobt sich selbst, doch Kritiker sehen viele Probleme

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.

»Neue Rekorde« hat der bundeseigene Schienen- und Logistikkonzern Deutsche Bahn AG (DB) nach eigener Aussage 2017 verzeichnet. Das war die überragende Botschaft von DB-Chef Richard Lutz bei der jährlichen Bilanzpressekonferenz des Konzernvorstands am Donnerstag in Berlin. Die DB habe »ihre wirtschaftlichen Ziele erreicht« und fast überall deutliche Zuwächse verbucht. So sei der bereinigte Umsatz des Konzerns um 5,2 Prozent auf 42,7 Milliarden Euro gestiegen und der bereinigte Gewinn vor Steuern und Zinsen um 10,6 Prozent auf 2,15 Milliarden Euro.

Die Überschüsse speisen sich offenbar vor allem aus dem inländischen Personenfernverkehr, Erlösen aus der Infrastruktur und internationalen Geschäftsfeldern im Eisenbahn- und Logistikbereich, die der »Global Player« DB vor allem über die Konzerntöchter DB Arriva und DB Schenker abwickelt. So waren etwa die Zuwächse bei der bahnfernen weltweiten Luft- und Seefracht mit 10,3 beziehungsweise 8,1 Prozent überdurchschnittlich hoch. Die Zunahme der Nettofinanzschulden auf 18,6 Milliarden Euro ist vor allem Folge der Anschaffung neuer ICE-Züge.

Im Inland haben 2017 über 142 Millionen Fahrgäste, rund 3,2 Prozent mehr als im Vorjahr, die Fernverkehrszüge der Gattung ICE, EC und IC genutzt und zum »dritten Fahrgastrekord in Folge« beigetragen. Im Regionalverkehr verzeichnet die Konzerntochter DB Regio 41,9 Milliarden Personenkilometer - ein Zuwachs von 2,6 Prozent. In einem starken Ausschreibungswettbewerb habe man 2017 rund 74 Prozent der neu vergebenen Leistungen im Regionalverkehr gewonnen, freute sich Lutz.

»Kranker Mann« des DB-Konzerns bleibt allerdings die Schienengüterverkehrstochter DB Cargo. Hier ist die Verkehrsleistung 2017 um 2,3 Prozent gesunken. Nach einem heftig kritisierten Schrumpfkurs setzt die Konzernspitze auf die Anschaffung moderner Loks und Güterwagen und eine staatlich bezuschusste Trassenpreissenkung, mit der die Güterbahn gestärkt werden soll.

»Wir haben Wort gehalten und geliefert«, gab sich Lutz selbstbewusst, räumte aber gleichzeitig ein, »dass wir bei Qualität und Pünktlichkeit nachlegen müssen«. Damit ging er auch auf anhaltende Verspätungen im Fernverkehr, den wiederholten tagelangen Stillstand im norddeutschen Bahnverkehr nach Unwettern, Startschwierigkeiten auf der Neubaustrecke Erfurt-Nürnberg sowie die wochenlange Blockade der Rheintalstrecke zwischen Karlsruhe und Basel nach einem Tunneleinbruch in Rastatt ein.

»Schwere Mängel und Inkompetenz im Kerngeschäft« bescheinigte das privatisierungskritische Bündnis »Bahn für Alle« im »11. Alternativen Geschäftsbericht« der DB-Spitze. »Der Tunneleinbruch in Rastatt kostet Milliarden, und Knausern beim Grünschnitt führt zu Totalausfall bei Sturm«, sagte Bündnissprecher Bernhard Knierim. Die Bilanz zeige, »dass der Konzern dringend Vorgaben und Kontrolle der Politik für einen guten Eisenbahnverkehr braucht«. Knierim warf dem Aufsichtsrat vor, dem Anfang 2017 vorzeitig ausgeschiedenen Ex-Bahnchef Rüdiger Grube für seine »Flucht aus der Verantwortung auch noch eine Millionenabfindung« bewilligt zu haben.

Neuer Aufsichtsratschef soll nach Insiderangaben aus Bahn und Politik der bisherige Verkehrsstaatssekretär Michael Odenwald (CDU) werden. Er sitzt als Vertreter des Bundes bereits seit Jahren im Kontrollgremium. Der bisherige Chef Utz-Hellmuth Felcht hatte Ende 2017 seinen Rückzug angekündigt. »Odenwald ist kein Neuanfang«, so »Bahn für Alle« in Anspielung auf die in dessen Beisein beschlossene umstrittene Abfindungszahlung an Grube in Höhe von 2,3 Millionen Euro sowie Odenwalds Engagement für einen ehrgeizigen Ausbau des Luftverkehrs. Das Aktionsbündnis fordert von Vorstand und Politik den Stopp umstrittener Großprojekte wie Stuttgart 21 sowie eine »Flächen- und Bürgerbahn« mit integralem Taktfahrplan und eine Elektrifizierung des gesamten Schienennetzes. Derzeit haben nur rund 60 Prozent aller Strecken Oberleitungen.

Die Mehrerlöse der DB seien im Wesentlichen der Infrastruktursparte und Auslandsgeschäften mit Schenker-Lkws in Australien oder Minenlogistik in Afrika geschuldet, so der Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel (Grüne). »Die Fahrgäste auf deutschen Bahnsteigen haben mit den besseren Bilanzzahlen nicht viel zu tun.«

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