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Nager verändern die IT-Welt

Der Bau einer Computermaus zeigt, warum der Weg zu fairer Technik weit ist.

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Holz ist ein Werkstoff, der in der IT-Welt ein Nischendasein fristet. Allenfalls kommt er als optischer Hingucker für die Verkleidung eines Computergehäuses zum Einsatz. Im Angebot von Nager IT spielt Holz dagegen eine entscheidende Rolle. Es ist im Kernstück jenes Präzisionsgerätes verarbeitet, das Pate für den Namen des kleinen Vereins unweit des Starnberger Sees stand.

Nager IT stellt nur ein Produkt her. Doch obwohl dieses seit Jahrzehnten zur milliardenfachen Standardausstattung jedes Büro-PCs gehört, betraten die Bayern vor fünf Jahren damit Neuland. Ihr Ziel: Die Produktion einer Computermaus unter Berücksichtigung von Menschenrechten und der Umwelt.

Das Projekt ist auch als Weckruf für die IT-Branche gedacht. Während es für Lebensmittel und Textilien längst unabhängige Zertifizierungen für faire Produktionsstandards gibt, fehlen solche Siegel bisher in der Computerwelt. Dringend notwendig wären sie: Weltweit arbeiten 18 Millionen Menschen in der Elektronikindustrie, deren Produkte für etwa 25 Prozent des globalen Handels mit Industriegütern stehen. Doch trotz der Bedeutung haben Käufer*innen von Elektronikartikeln keinerlei Orientierung, was unter welchen Bedingungen produziert wurde.

Warum es so etwas auf absehbare Zeit für Desktop-PCs, Tablets und andere Technik wohl weiterhin nicht geben wird, lässt sich ausgerechnet am Beispiel der fairen Computermaus zeigen. Schon die Herstellung dieses kleinen Eingabegerätes ist von der Komplexität her nicht einmal ansatzweise mit der einer Tafel fairer Schokolade vergleichbar.

Nach Angaben von Nager IT sind bereits an der Mausproduktion mehr als 100 andere Unternehmen direkt oder indirekt beteiligt. Begonnen bei den Minen, in denen Rohstoffe wie Kupfer und Silizium abgebaut werden, über die Hersteller*innen der Kondensatoren und Leiterplatten bis hin zur endgültigen Montage durch eine bayerische Integrationswerkstatt. Das Scrollrad besteht aus regional wachsendem Buchenholz, das Gehäuse aus nachwachsendem Zuckerrohr anstatt dem sonst üblichen Plastik auf Erdölbasis.

Doch obwohl sich der Verein bemüht, die komplette Liefer- und Produktionskette nicht nur transparent zugänglich zu machen, sondern auch nach ethischen und nachhaltigen Kriterien auszurichten, gibt das Projekt offen zu, bisher eben nur fairer als andere Hersteller*innen, nicht aber zu 100 Prozent gerecht zu produzieren. »Bezieht man die komplette Lieferkette mit ein, kann man unsere Maus mit gutem Gewissen als zwei Drittel fair bezeichnen. Das hört sich bescheiden an, ist aber mit Abstand das Fairste, was es im Bereich Elektronik gibt.«

Wenn schon die Produktion einer vergleichsweise simplen Maus solche Probleme mit sich bringt, lässt sich leicht vorstellen, warum sich bisher kaum jemand an komplexere IT-Geräte traut. Zum Jahreswechsel gelang Nager IT allerdings ein weiterer entscheidender Schritt: Das Land Niedersachsen bestellte für seine Polizei sowie das Landeskriminalamt in Hannover einen Satz fairer Mäuse. Insgesamt orderten die norddeutschen Beamten 19 000 Stück - der erste wirkliche Großauftrag für das kleine Unternehmen. Zum Vergleich: Seit 2012 verkaufte die IT-Firma 15 000 Computermäuse. Von der erfolgreichen Abwicklung der Bestellung hoffen sie nun, dass auch andere Großabnehmer*innen aufmerksam werden.

Schon weiter sind die niederländischen Erfinder*innen des sogenannten Fairphones. Das wohl bekannteste faire(re) IT-Produkt versucht, sich an ähnliche Maßstäbe wie Nager IT zu halten, legt seine Produktions- und Lieferketten offen und ködert seine potenzielle Kundschaft vor allem mit den Argumenten Langlebigkeit und einfache Reparaturmöglichkeiten. Ein wichtiger Schritt in den Massenmarkt war kürzlich die Ankündigung einer Kooperation mit der Mobilfunkmarke des Supermarktriesen Edeka.

Einen anderen Ansatz verfolgt die Monitoringorganisation Electronics Watch (EW). Statt selbst als Produzent tätig zu werden, unterstützt die europäische Nichtregierungsorganisation öffentliche Auftraggeber dabei, beim Kauf neuer IT-Technik auf gerechte Arbeitsbedingungen zu achten und diese etwa auch in den Lieferverträgen festzuschreiben. Das Kalkül: Während der einzelne Konsument kaum Marktmacht besitzt, handelt es sich bei öffentlichen Stellen wie Ministerien, Behörden oder Universitäten um Großabnehmer*innen von Computern, Telefonen und anderen IT-Produkten. Entsprechend könnten diese viel eher Druck für fair produzierte Technik ausüben. Gleichzeitig bewertet und überprüft EW mit Partner*innen vor Ort, ob sich Fabriken an geltendes Arbeitsrecht und Sicherheitsstandards halten. Bisher ist das nur ein Anfang.

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