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Zu arm zum Auswandern

  • Von Odile Jolys, Dakar
  • Lesedauer: 6 Min.

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Die Männer haben sich am Eingang des entlegenen von Palisaden geschützten Dorfes versammelt. Die Hektik eines Markttages liegt in Runde Bara im Südosten Senegals in der Luft. Um die Männer herum liegen Baumwollballen, die sie an diesem Tag an Sodefitex - das einzige Baumwollunternehmen Senegals - verkaufen werden. Der orangefarbene Lkw der Sodefitex hat den strapaziösen Weg von der regionalen Hauptstadt Kedougou, in der die Fabrik liegt, bis zum Dorf hinter sich: Einen Fluss musste er überqueren, einen steilen Hang erklimmen und 20 Kilometer weit eine schmale und unebene Piste im Schritttempo befahren. Im Dorf Runde Bara sitzt einer von 103 Produzentenvereinen, die überwiegend mit dem Fairtrade-Label ausgezeichnete Baumwolle in der Region Kedougou produzieren.

Dass es sich um »faire Baumwolle« handelt, ist an den Verkaufstagen lediglich an der Sorgfalt um die Baumwollqualität zu merken: Sie lagert nicht auf dem Boden, sondern in einem offenen Bambusspeicher, in dem sie trocknen kann. Bereits handgesäubert, wird sie in ein Tuch verpackt, welches Sodefitex den Produzenten verkauft - so wird die Verschmutzung der Baumwolle durch Polypropylen, ein Plastik, das sich unter anderem in Reisverpackungen befindet, vermieden. Diese Verpackungen werden sonst bei der Baumwollernte oft genutzt. In einem Kontrollkasten werden die Qualitätmerkmale der Ware aufgezählt: Nur die beste Baumwolle bekommt das Fairtrade-Siegel und kann somit zu einem festgelegten Preis verkauft werden, der die Bezahlung der Fairtrade-Zulage ermöglicht.

Die Stimmung auf dem Markt ist angespannt. Für die Bewohner*innen in Runde Bara geht es um die einzige Geldeinnahmequelle des Jahres. Bevor der Lkw beladen wird, muss jeder Ballen abgewogen werden. Ein eigens dafür gewählter Mann liest dabei laut und deutlich das Gewicht vor und der Kontrolleur der Firma füllt die Quittungen mit den Namen der jeweiligen Produzent*innen aus. In diesem Jahr ist die Ernte gut ausgefallen, denn es hat genug und regelmäßig geregnet. Zum Glück: Denn in der Region gibt es keine Bewässerungsanlage, die Landwirt*innen können sie sich nicht leisten.

Babacar Diallo bewirtschaftet ein rund 7500 Quadratmeter großes Baumwollfeld. Der 25-Jährige hat darauf dieses Jahr 1192 Kilo Baumwolle produziert - ein guter Ertrag für ihn. Er ist zufrieden. Wenn die Qualität nun auch den Anforderungen von Fairtrade entspricht, was erst noch im Labor der Sodefitex-Fabrik in Kedougou festgestellt werden muss, verdient Diallo 300 CFA-Franc (etwa 0,46 Euro) pro Kilo Baumwolle. Zieht man die Kosten für die Bewirtschaftung der Felder ab, kommt er so auf einen Nettoverdienst von umgerechnet 425 Euro - seine einzige Einnahme im Jahr. Viel ist es nicht, der Armut wird er damit nicht entkommen. Aber mit dem Geld könnte er den Bau eines Ziegelsteinhauses beginnen oder ein zweites Mal heiraten. Er kann damit auch für die Schulkosten seiner Kinder aufkommen oder es für Krankenhausrechnungen verwenden. Strom und Wasser aus der Leitung hat er nicht. Neben seinem Land, auf dem er für den Eigenbedarf auch Erdnüsse und Mais anbaut, besitzt Diallo ein paar Ziegen und angelt Fische im Gambia, der nah an Runde Bara vorbei fließt.

In diesem Jahr ist der Preis für die Baumwolle von staatlicher Seite garantiert worden und liegt über dem Durchschnitt fairer Handelspreise. Dafür subventioniert der Staat jedoch den Ertrag nicht mehr. Der Anreiz für die Baumwollproduzenten liegt somit in diesem Jahr lediglich in der sogenannten Entwicklungszulage, die der Verein des Dorfes bekommt. In Runde Bara produzieren 20 Bäuer*innen rund 20 Tonnen Baumwolle. Ihnen bringt die Zulage etwa 1000 Euro - wenn die komplette Produktion unter dem Fairtrade-Label verkauft wird. Ein Drittel davon behält die Produzenten-Union der Region, die etwa die Hälfte der Zulage nutzt, um wiederum die Lizenzierungskosten an FLO-CERT zu bezahlen. Der Rest dient als Kredit für Versorgungsengpässe und um die Bäuer*innen vor einer Hungersnot zu schützen. Vor einigen Jahren wurden mit dem Geld eine Grundschule gebaut und ein staatlicher Lehrer angestellt. Das Gebäude sackte jedoch gleich beim ersten Regen ein.

Die Bäuer*innen aus dem Dorf Nathia bauen seit 2006 Baumwolle an - seit der Einführung des fairen Handels in der Region. Mit der Entwicklungszulage haben sie im Dorf eine Moschee mit Blechdach gebaut. Nach und nach wurde diese erst mit einem Solarpanel ausgestattet, später mit einem Lautsprecher, um zum Gebet zu rufen und Nachrichten im Dorf zu verkünden. Auch einen Brunnen, eine Brücke und ein solides Depot mit Stahltüren für die Lagerung der Insektizide wurden von dem Geld gebaut. Letzteres ist eine Auflage von Fairtrade, um Unfälle mit den landwirtschaftlichen Chemikalien zu vermeiden, was im ländlichen Raum nicht selten passiert. Eine Frau ruft aus ihrem Hof: »Danke dem fairen Handel!«

Gedämpfter ist die Stimmung im Dorf Thioketian. Hier wurde die Einführung der solidarischen Ökonomie von sogenannten Entwicklungsorganisationen begleitet, die die Entwicklungszulage mit ihren Programmen deutlich aufgestockt haben. Mit ihnen wurden etwa eine Grundschule und ein Brunnen gebaut sowie eine Ausbildung im Gartenanbau finanziert. Zuletzt ist ein Ärztezentrum fertig gestellt worden, für das der Staat eine Krankenpflegerin und Medikamente bereitgestellt hat. Die Programme haben jedoch nur eine kurze Lebensdauer. Nun muss Thioketian mit der bescheideneren Fairtrade-Zulage auskommen, die bereits unter anderem für die Schulbibliothek und die Krankenpflegeausbildung ausgegeben wurde. In diesem Jahr wird das Geld aber auf einem Bankkonto aufbewahrt und gespart.

»Es ist eine Abzockerei, die Lizenzierung ist viel zu teuer«, sagt der Vorsitzende der Baumwollproduzentengewerkschaft von Kedougou. Er kennt die jährlichen Kosten für das Siegel von FLO-CERT sehr gut: »Dieses Jahr bezahlen wir 5,5 Millionen CFA-Franc« sagt er, knapp 8400 Euro - eine satte Summe, verglichen mit den mageren Verdiensten einzelner Produzenten. In den Jahren mit schlechteren Ernten fällt die Bezahlung der Lizenzgebühr besonders schwer.

Es gibt noch weitere Auswirkungen der fairen Baumwolle: die Sorge um die Qualität der Ernte. Aber auch die Sicherheitsmaßnahmen im Umgang mit den Pestiziden und deren adäquate Benutzung, um die Umwelt nicht zu belasten - sie erfordern Weiterbildungen der Landwirt*innen. So kommen Alphabetisierungskurse zustande. »Jede Ausbildung, die durch Fairtrade zustande kommt, nutzen die Landwirt*innen auch für ihre andere Erzeugnisse«, sagt Bachir Diop, Direktor der Sodefitex.

Durch die Finanzkrise 2008 sank in Senegal die Fläche des Anbaus von fair gehandelter Baumwolle in nur kurzer Zeit um mehr als die Hälfte. »Die Region um Kedougou ist die Wiege der Fairtrade-Baumwolle«, erklärt Diop. »Für uns ging es einerseits um gesellschaftliches Engagement in einer der ärmsten Regionen des Landes und andererseits darum, den Anreiz für den Baumwollanbau bei den Bäuer*innen zu erhöhen.« In der Tat steht Baumwolle in Konkurrenz zu anderen landwirtschaftlichen Produkten, insbesondere Erdnüssen, deren Ernte komplett nach China verkauft wird. Auch der handwerkliche Goldabbau zieht seit rund zehn Jahren mehr und mehr Menschen an, so dass die Arbeitskräfte auf den Baumwollfeldern knapp sind. Eines der drei Anbaugebiete in Kedougou hat so seine Lizenz von Fairtrade vor vier Jahren verloren, weil nicht genügend Fläche bewirtschaftet werden konnte. Für größere Ernten müssen oft Arbeiter*innen aus dem benachbarten Guinea und aus Casamance, einer weiteren armen Region Senegals, geholt werden. Ihre Transportkosten bezahlt die Baumwollgewerkschaft. Mittlerweile scheint sich die Lage jedoch zu verbessern - das Kosmetikunternehmen L’Oréal gehört beispielsweise seit kurzem zu den Kund*innen der fair gehandelten Baumwolle aus Senegal.

In Runde Bara setzt sich am späten Nachmittag das Wiegen und Beladen der Baumwolle fort. Aus dem Dorf gibt es keine große Auswanderungsbewegung, erzählen die Männer - was eine Seltenheit in Senegal ist. Weil sie zufrieden sind mit dem Anbau der fair gehandelten Baumwolle? »Nein, weil wir zu arm dafür sind«, sagt Babacar Diallo lächelnd.

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