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Streifengang übers »söte Länneken«

Die Polizeistation auf der Ostseeinsel Hiddensee ist nur 15 Quadratmeter groß - es gibt aber auch nur eine Beamtin

  • Von Martina Rathke, Hiddensee
  • Lesedauer: 5 Min.

Wind klatscht den Regen an die »Vitte«. Die Fähre schiebt sich von Rügen durch graues Wasser unter grauem Himmel zum dunkelgrauen Horizont. Aus dem Nebel schält sich die Silhouette einer Insel: Hiddensee. Als Polizistin Martina Dominik vor einem Jahr voller Erwartungen und mit einem Miettransporter voller Möbel auf die Insel fuhr, kannte sie ihren künftigen Job - mehr aber nicht. Die Gemeindeverwaltung hatte ihr eine Übergangswohnung gestellt, damit sie möglichst zügig ihren Dienst antreten konnte.

»Die Wohnung kannte ich nur vom Grundriss«, lacht die 52-Jährige. Dass sie vor einem Jahr ihre Arbeit im Kriminaldauerdienst in Schwerin mit dem Job des vermeintlich einsamen Insel-Sheriffs auf Hiddensee tauschte, hat Dominik nicht bereut. »Meistens waren die Entscheidungen, bei denen andere den Kopf schütteln, für mich die besten.«

Dominik repräsentiert als einzige Kontaktbereichsbeamtin seit dem 20. März 2017 den Rechtsstaat auf dem »söten Länneken«, dem süßen Ländchen mit seinen knapp 1000 Einwohnern. Von ihrer Polizeistation, einem etwa 15 Quadratmeter großen Büro im Rathaus in Vitte, reicht der Arm des Gesetzes von der Heide südlich des Fischerortes Neuendorf bis an die Spitze des Dornbusches im Norden.

»Auf Hiddensee ist der Polizist noch Polizist«, sagt Dominik. Eine anerkannte Autorität - sicher auch dank ihrer verbindlich-burschikosen und freundlichen Art. Die üblichen Probleme der Großstadt - Jugendgangs, Drogendealer, Flüchtlingskriminalität - gibt es hier nicht. Eine Insel der Vollkommenheit ist Hiddensee dennoch nicht.

Auf der Streife durch Vitte kommt ihr Gregor Tomczak entgegen. Der gebürtige Pole arbeitet seit fünf Jahren auf Hiddensee, betreibt inzwischen einen Fahrradverleih und hat eine Frage an die Beamtin. In diesem Jahr will er zusätzlich zu E-Bikes und Fahrrädern erstmals Go-Karts verleihen. »Du weißt, dass die Straßen und Wege im Sommer sehr voll sind. Verkehrsregeln gelten auch für diese Fahrzeuge«, gibt Dominik zu bedenken. Der 26-Jährige nickt. Er werde vor der Benutzung die Mieter einweisen, auch versicherungstechnisch habe er bereits alles geklärt.

Im Sommer ist Hiddensee, das zu dieser Jahreszeit fälschlicherweise den Ruf einer einsamen Ostseeinsel genießt, voller Touristen. Nach Angaben der Kurverwaltung besuchten im vergangenen Jahr zusätzlich zu den 68 000 Übernachtungsgästen rund 195 000 Tagesgäste die Insel. In die abgelegenen idyllischen Ecken in der Heide schafft es von den Tagestouristen kaum jemand. Meist reicht die Stippvisite nur für eine Kutschfahrt oder einen Spaziergang zwischen Kloster und Vitte.

Dann beginnt die Rush Hour auf den Wegen zwischen den Orten: Fahrradfahrer, Pferdekutschen, bummelnde Rentner, herumspringende Kinder. »Wo viele Menschen sind, entstehen auch Konflikte«, sagt Dominik. Obwohl auf der überschaubaren Insel niemand verloren gehen kann, musste die Polizistin einen Vermisstenfall lösen. Ein Rentnerehepaar hatte sich im Sommer aus den Augen verloren. Die 80-jährige Frau meldete sich aufgeregt bei der Polizei. »Es gab ein Happy End«, erzählt Dominik lachend.

Karambolagen auf den Wegen, ruhestörender Lärm in den Abendstunden, Handydiebstähle, auch einmal verwüstete Strandkörbe - im Sommer gab es einen Moment, in dem sie angesichts der Vielzahl an Delikten schon gezweifelt habe, ob die Entscheidung für die Insel die richtige gewesen sei. Zum Glück stand ihr im Juli und August ein junger Bäderpolizist zur Seite. In diesem Jahr werde es ähnliche Unterstützung geben.

Der unmittelbare Kontakt zu den Bürgern sei ihr als Polizistin schon immer wichtig gewesen, berichtet die naturverbundene Frau auf ihrem Streifengang. Auch deshalb sei sie von Schwerin auf die Insel gewechselt. Als verschlossenes Inselvölkchen habe sie die Hiddenseer nicht kennengelernt. »Im Gegenteil.« Im Notfall könne man auf die Unterstützung der Insulaner zählen.

Die reizvollsten Momente erlebt die Polizistin im Winter. Selten nutzt sie dann das Dienstfahrrad. »Zu windig.« Noch seltener das elektrobetriebene Polizeiauto. »Nur, wenn es schnell gehen muss.« Auf der Insel, die sich dafür rühmt, Besucher zu entschleunigen, ist »Tempo« ein Fremdwort.

Auch an diesem Märztag führt sie der erste Streifengang zusammen mit Schäferhund Maggie von ihrem Zuhause, dem inzwischen renovierten landeseigenen Wachtmeisterhäuschen, über den Strand ins etwa 500 Meter entfernte Büro. Der Wind peitscht über das salzige Wasser, die Wellen brechen am Ufer, Maggie jagt den Möwen hinterher. Die Polizistin nutzt die kalten und ruhigeren Monate, um die Insel zu erkunden, alle noch so verschwiegenen Schleichwege und Pfade abzulaufen. Sie verschafft sich Ortskenntnis, wie es im Polizistendeutsch heißt.

Klarkommen musste Dominik damit, auch außerhalb des Dienstes angesprochen zu werden. Neben dem Pastor ist der Polizist noch eine feste Größe auf der Insel, wo jeder jeden kennt. Die Balance zwischen Arbeit und Privatem sei ihr inzwischen ganz gut gelungen. Einige Dinge könnten warten bis zum nächsten Tag.

Einen harten Insel-Kriminalfall wie man ihn aus dem Fernsehen kennt - vielleicht mit einer mysteriösen Leiche im nebelumwaberten Schilfgürtel - hat die Polizistin bislang noch nicht lösen müssen. Dennoch kam der Kriminaltechnik-Koffer, den ihr das Polizeirevier in Bergen auf Rügen zusammengestellt hat, bereits auf der Insel zum Einsatz.

An einem Hotel hatte ein Transporter die Ecke des Daches abgefahren. Schnell gab es einen Tatverdächtigen. Dominik nahm Lackspuren vom Dach und verglich sie mit den Spuren des vermeintlichen Tatautos. Der Abgleich endete negativ. Allerdings gab es in der Datenbank einen Treffer zu einem ähnlich gelagerten Fall. »Ich bleibe an der Sache dran.« dpa/nd

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