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Von der Menschwerdung des Automobils

Der Mensch, so behaupteten es die alten Aufklärer, habe schon immer nach Autonomie gestrebt, nach individueller Freiheit, die ihm erlaubt, Entscheidungen nur den eigenen Überzeugungen gemäß zu treffen. Den höchsten Grad dieser Autonomie erlangte der moderne Mensch, als man ihm einen fahrbaren Untersatz mit Viertaktmotor und mehreren Hundert Pferdestärken anvertraute. Das nannte man Automobil, also sinngemäß das Selbstbewegliche. Nun war das Automobil im strengen Sinne gar nicht selbstbeweglich, es brauchte ja einen Motor - vor allem aber einen Menschen, der den Motor in Betrieb nahm und dem Fahrzeug seinen Willen aufzwang (weshalb man ihn, den Menschen, heute noch Fahrzeuglenker nennt).

Doch die Menschheit entwickelt sich. In Arizona wurde vor einer Woche eine Fußgängerin von einem Auto angefahren und tödlich verletzt. Das wäre keine weitere Meldung wert, wäre da nicht der Umstand, dass das Fahrzeug nicht von einem Menschen, sondern von einem Computer gelenkt wurde. In diesen sogenannten autonomen Autos überblickt nicht die Kohlenstoffeinheit, die sich Homo sapiens nennt, die Situation auf der Straße, sondern ein Roboter, der anhand der Algorithmen, die ihm eingegeben sind, eigentlich solche Situationen wie die in Arizona vermeiden soll. Auch der Mensch, der noch im Fahrzeug saß, konnte nicht mehr eingreifen, wurde mittlerweile vermeldet; ein Eingreifen hätte nichts genutzt und der Unfall wäre auch von ihm nicht zu verhindern gewesen. Die Firma, die das Fahrzeug zu Testzwecken auf die Menschheit losließ, hat die Testfahrten erst einmal eingestellt, um die Unfallursache zu klären und wohl auch, um den Roboter besser zu justieren. Viele fordern jetzt, das Projekt »autonomes Fahren« - die selbstständige Selbstbeweglichkeit - ganz einzustellen.

Als im 19. Jahrhundert die ersten Automobile entwickelt wurden, waren sie bereits Ungetüme und der Gedanke, es sei verantwortlich, sie von Menschen lenken zu lassen, unvernünftig. Auch als es die ersten tödlichen Unfälle mit Fußgängern gab, wurde das Projekt »Automobil« nicht abgebrochen; man ließ lediglich Menschen vor den Fahrzeugen herlaufen, die rote Fähnchen schwenkten und so die anrauschende Gefahr signalisierten. Dies immer im Vertrauen, dass die Nicht-Autofahrer rechtzeitig zur Seite springen. Noch heute vertrauen Gesellschaft und Staat dem Menschen, von dem man ja nie weiß, wie es um sein Oberstübchen bestellt ist, mehr als den Computern, bei dem man immerhin sicher sein kann, dass sie niemals depressiv, alkoholabhängig oder sonst wie fahruntüchtig sind. Vermutlich wird sich das »autonome Auto« erst durchsetzen, wenn auch Roboter Stimmungsschwankungen unterliegen und dann und wann das Gaspedal durchtreten, ganz einfach nur deshalb, weil sie es können und wollen. jam Foto: akg-images

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