neues-deutschland.de / 24.03.2018 / Seite 9

Blütezeit für Gesinnungswächter

Autoren im Fadenkreuz: Warum in der Causa Tellkamp, Maron und Strauß Nüchternheit wünschenswert wäre

Björn Hayer
In erhitzten Zeiten wie den unsrigen scheint es geboten, ein leidiges Bekenntnis gleich vorwegzuschicken: Der Autor dieses Textes frönt keinerlei rechtem oder rechtspopulistischem Gedankengut. Die Sittenwächter, die momentan so eifrig den Büchermarkt durchkämmen, können sich also entspannt zurücklehnen. Für Schriftsteller gilt das momentan nicht. Schon lange nicht mehr hat man Gegenwartsautoren hinsichtlich ihrer politischen Haltungen derart unter die Lupe genommen wie heute.

Die Tageszeitung »Die Welt« warb vor einigen Tagen gar noch mit einem »Gesinnungscheck« und bildete schwarz-weiß die Konterfeis von Simon Strauß, Peter Sloterdijk und Monika Maron ab. Nun könnte man aus der einen Sicht heraus sagen: Gut so! Endlich wird der Kulturbetrieb mal von ideologischen Verkalkungserscheinungen befreit, der allerdings ohnehin, wenn wir ehrlich sind, schon traditionell eher von linksliberalen Denkern geprägt ist. Oder man erkennt an, dass selbst und gerade Autoren unterschiedliche Meinungen haben dürfen und der Lebendigkeit unseres kulturellen Systems wegen sogar haben sollten.

Aber Differenzierung steht momentan nicht hoch im Kurs. Die Causa Uwe Tellkamp ist aktuell die Spitze des Eisbergs. Dass er just auf einer Dresdener Podiumsdiskussion die Ansicht vertrat, Flüchtlinge würden zu einem nicht unerheblichen Teil nach Deutschland kommen, um allein in die Sozialkassen einzuwandern, sollte man thematisieren und kritisieren, keine Frage! Aber statt eine argumentative Auseinandersetzung mit ihm einzugehen, drücken ihm verschiedene Medienakteure lieber eilfertig einen Stempel auf. Ähnliches gilt überdies für Sibylle Lewitscharoff mit ihrer kontroversen Rede zur Bioethik. Oder eben für die bereits erwähnte Maron, die sich (nicht ganz so polemisch wie ihr Kollege) anschickte, die Migrationspolitik zu problematisieren. Der gesellschaftliche Reflex wirkt stets standardisiert: Bestimmte Positionierungen von Künstlern jenseits der Mitte-links-Sphäre führen zur Diffamierung, in sozialen Netzwerken mitunter zur Hetze.

Was dabei verloren geht, ist nicht selten die intensive Beschäftigung mit den Texten. Welche Rolle spielt schon noch, was Tellkamp geschrieben hat, wenn sich aus einer politischen Watsche viel gezielter eine Sensation und Klicks auf den Webseiten der Verlage gerieren lassen? Zugegeben, bei Maron haben die Rezensenten auch ihren Roman »Munin oder Chaos im Kopf« auf rechtsnationale Untertöne hin gefiltert und sind tatsächlich fündig geworden. Ihre Hauptfigur zeigt sich beispielsweise skeptisch gegenüber den Flüchtlingen und wettert etwa gegen den von der AfD beklagten »Genderwahn«.

Wer den Roman jedoch genauer in Augenschein nimmt, wird auf den letzten Seiten eine bemerkenswerte Wendung feststellen. Denn eine Krähe, welche die Protagonistin routiniert aufsucht, um mit ihr über philosophische Fragen zu diskutieren, argumentiert nicht für Trennung zwischen Ethnien und Kulturen, sondern im Gegenteil: für eine pantheistisch grundierte Anerkennung der Gleichheit aller Wesen: »Wir wissen, dass sogar die Maus und der Mensch zu neunundneunzig Prozent genetisch übereinstimmen.« Weiterhin heißt es: »Besonders für die Gottgläubigen muss das ein Schock sein. Denn wenn der Mensch Gottes Ebenbild ist, dann müsste ja auch Gott zu neunundneunzig Prozent eine Maus sein oder ein Affe oder sogar ein Biber. Dann ist alles Gott.« Bezogen auf die Religionen könnte man daher, fast wie bei Lessings Drama »Nathan der Weise«, von einem umfassenden Ethos sprechen, das allen großen Glaubensgemeinschaften inhärent ist. Lediglich Extremismus wie etwa der Islamismus bleibt - damit deckt sich das Ende des Romans gewissermaßen wieder mit den Einstellungen seiner Autorin - dabei außen vor.

Man kann in Bücher vieles hineinlesen. Simon Strauß, der Dritte im Bunde, ist ein Opfer dieser Taktik geworden. Auch ihm wurde unterstellt, dass sein Debüt von altbackenem Rechtspopulismus durchdrungen sei. Behaupten lässt sich mit Bestimmtheit, dass es sehr von einem männlichen Habitus gezeichnet ist. Aber mehr auch nicht. Wenn ein junger Mann durch die Stadt zieht, unter der Orientierungslosigkeit seiner Zeit leidet, sich durchaus nach gültigen Werten sehnt, dann greifen solcherlei Vorwürfe schlichtweg zu kurz. Hinzu kommt, dass sein Ich-Erzähler ständig zwischen den Polen schwankt und keine Heimat findet. Hier feste Ansichten ausmachen zu wollen, widerstrebt schon der Gesamtanlage des Textes.

Obgleich man jeden Einzelfall für sich diskutieren könnte, eint sie alle dasselbe Empörungsmuster. So stellt sich die Frage nach dem Warum. Aus welchen Gründen heraus ist es überhaupt von Belang, was manche Schriftsteller privat denken oder nicht? Letztlich stehen zur Erklärung zwei Konzeptionen im Hintergrund. Zunächst einmal ein noch immer vorherrschender Geniekult - ein Begriff, der mit der Vorstellung eines mit besonderer Hellsichtigkeit und schöpferischer Macht ausgestatteten Wissenschaftlers oder Künstlers allen voran im 18. Jahrhundert seinen Höhepunkt feierte. Die Sakralisierung des Autors mag heute, in der Spätmoderne, natürlich nicht mehr so ausgeprägt sein. Aber allein der Umstand, dass man Schriftsteller immer wieder bezüglich ihrer Meinung zu globalen Phänomenen befragt, dokumentiert diese Form der Stilisierung. Um dies zu entkräften, sollte man die Kirche vielleicht einfach wieder im Dorf belassen. Hier tun sicherlich etwas postmoderner Relativismus und Roland Barthes gut. Weil Autoren Autoren sind, müssen sie nicht per se im Besitz einer höheren Wahrheit sein.

Die zweite Überlegung in der Ursachenforschung zielt auf die vor allem im 20. Jahrhundert prominent gewordene Idee von einer politischen Autorschaft. Man erinnere sich an Günter Grass, Heinrich Böll oder die Gruppe 47, die inmitten der Heimatfilm- und Verdrängungskultur der Bonner Republik für eine Repolitisierung des literarischen Lebens eintrat. Wenn wir aktuell die zunehmende Entfremdung zwischen Regierungs- und Parlamentseliten auf der einen und Intellektuellen auf der anderen Seiten beklagen, ist es in der Tat begrüßenswert, dieses Autorenverständnis wieder zu stärken. Dann sollte aber gewährleistet sein, dass die literarische Szene ein breites Spektrum an Meinungen aushalten muss. Wo keine Gegensätze aufeinandertreffen, stellt sich Stillstand ein. Bewegung ergibt sich erst aus dem Wechselspiel von Kräften.

Wünschenswert wäre darüber hinaus eine Renaissance der Aufmerksamkeit für die Texte an sich. Um nicht falsch verstanden zu werden, sei ausdrücklich betont, dass politische Lektüren keineswegs anrüchig sind. Sie sind wichtig und richtig, wenn sie Aspekte der Form und Ästhetik einbeziehen, wenn Texte somit als Kunstwerke und nicht bloße Meinungsagglomerationen Geltung finden können. Auf diese Weise erkennt man, dass Strauß’ Erstling ein Nebeneinander von Positionen statt eine Verabsolutierung einer spezifischen Position im Sinn hat oder dass in Marons Roman die rechten Plattitüden auch mit Gegenstimmen im Text selbst konfrontiert werden.

Eine gewisse Nüchternheit in der Betrachtung ist leider nicht immer sexy, aber sie wird den Umständen gerechter und dient einem Diskurs, der zu weitaus innovativeren Ergebnissen führen könnte als eine einseitige Kompromittierungsstrategie. Der Büchermarkt sollte als breite Denkfabrik diesbezüglich einen Vorbildcharakter haben. Denn wenn man schon dort Demokratie nicht mehr hochhält, wer soll sie dann noch in der Gesellschaft verteidigen?